Mittwoch, 14. Oktober 2015

Sexting - ein gefährlicher Trend unter Jugendlichen?

Ein 15-jähriges Mädchen macht ein Nacktfoto von sich, das es seinem festen Freund als „Liebesbeweis“ per WhatsApp schickt. Als die junge Beziehung in die Brüche geht, leitet dieser das Bild an Freunde und Bekannte weiter – über verschiedene soziale Medien verbreitet es sich rasend schnell, bald hat es der gesamte Freundeskreis, die Klasse, die Schule und gefühlt die ganze Welt. Das soziale Umfeld straft das Mädchen mit Diskriminierung, Ausgrenzung und Stigmatisierung, online wie offline. Schwere psychosoziale Probleme belasten das Mädchen noch auf lange Zeit, denn das Internet vergisst nichts – das Bild kursiert weiter.

Solche Schreckensszenarien finden sich in der Medienberichterstattung zuhauf. Nicht selten enden die Geschichten sogar mit Suizidversuchen. Das Phänomen, das im Smartphone-Zeitalter unter Jugendlichen Überhand zu nehmen droht und bei Eltern wie Pädagogen die Alarmsirenen schrillen lässt, wird allgemein mit dem Begriff „Sexting“ beschrieben.

Auffällig ist dabei, dass sich die öffentliche Wahrnehmung in diesem Zusammenhang fast ausschließlich auf Sexting unter Jugendlichen beschränkt und die Praxis unter Erwachsenen oft außer Acht lässt. Ebenso werden eher einseitig die Gefahren betont, die Leichtfertigkeit naiver Jugendlicher angeprangert und die skizzierten Szenarien in eine eindeutige Geschlechterrolle verfrachtet: Mädchen schickt Jungen freizügige Bilder – diese geraten in Umlauf und zerstören das Leben des jungen Mädchens. Abschreckungskampagnen, die eine strikte „Sexting-Abstinenz“ für Jugendliche fordern, scheinen der einzig mögliche Lösungsansatz.

Der vorliegende Beitrag möchte jedoch diese einseitige Betrachtung des Phänomens „Sexting“ aufbrechen. Gefahren können dabei selbstverständlich nicht vernachlässigt werden, sollen aber ebenso kritisch reflektiert werden wie Möglichkeiten eines verantwortungsvollen Umgangs mit der Entwicklung einer eigenen sexuellen Identität im Jugendalter inmitten der Wirren des Heranwachsens im digitalen Zeitalter.

Dazu ist es nötig, die Praxis des Sexting aus sozialpsychologischer Perspektive zu beleuchten und genauer abzugrenzen. Des Weiteren muss nach den Gründen für und den Funktionen von Sexting gefragt werden. Über die Verbreitung dieses Trends und bereits vorhandene medienpädagogische Ansätze sollen schließlich Möglichkeiten differenzierter Ansätze, die für uns als angehende bzw. praktizierende Pädagogen fruchtbar sein können, diskutiert werden.

Was ist eigentlich Sexting? Definition und Abgrenzung

Die Wortneuschöpfung „Sexting“ ist ein Kofferwort aus dem Englischen und setzt sich zusammen aus „Sex“ und „Texting“. Gemeint ist damit der Austausch von selbst produzierten freizügigen Fotos und Videos via Handy-Kurzmitteilungsdienst (vgl. Döring 2012). Während sich das Sexting zur Zeit seines Aufkommens – bereits 2005 wurde in englischsprachigen Medien von „Sexting“ berichtet – auf das Versenden per MMS beschränkte, bezieht es sich heute, dank Smartphones, auf verschiedenste Kurzmitteilungs-Apps wie WhatsApp, Snapchat, Facebook Messenger etc. Auch in Chatrooms und Internetforen wird „gesextet“, am häufigsten jedoch über zuvor genannte Apps.

Wichtig ist es, hervorzuheben, dass sich Sexting auf das Versenden privater freizügiger Fotos und Videos bezieht und nicht den Austausch von z.B. pornografischem Material aus dem Internet umfasst. Ebenso wenig als Sexting zu bezeichnen sind laut der Psychologin Nicola Döring, die das Phänomen 2012 erstmals aus sozialpsychologischer Sicht beleuchtete, verbale sexuelle Anspielungen, obwohl dies in der Öffentlichkeit oft ebenfalls als Sexting verstanden wird (vgl. Döring 2012).

Auf YouTube findet sich selbstverständlich ein kleines Erklärvideo zum Thema „Was ist Sexting?“:



Und auch die Bravo-Kultrubrik „Dr. Sommer“ hat das Thema bereits auf YouTube illustriert:



Die beiden exemplarischen Videos deuten bereits das Spannungsverhältnis zwischen Chancen und Gefahren an, in welchem sich Sexting abspielt und das die öffentliche Diskussion dieses Themas bestimmt.

Sexting setzt sich aus zwei Komponenten zusammen, der Sex-Komponente und der Texting-Komponente. Erstere meint dabei das Inhaltliche, also das sexualisierte visuelle Material. Dabei reicht das Spektrum von Bademode-Bildern über Oben-ohne- bzw. Halbnacktaufnahmen bis hin zu Nacktaufnahmen von Körperteilen oder des ganzen Körpers. Auch Darstellungen sexueller Handlungen, z.B. Masturbation, gehören dazu (vgl. Döring 2014). Somit ist auch der Grad der Sexualisierung unterschiedlich hoch und reicht von freizügigen Aufnahmen bis hin zu Inhalten mit pornografischem Gehalt. Die zweite Komponente, die Texting-Komponente, umfasst das Versenden, Empfangen und Weiterleiten dieses Bildmaterials. Demnach können „Sexter“ in verschiedenen Formen involviert sein.

Das aktive Versenden sexualisierter Selbstdarstellungen wird laut der Sozialpsychologin Nicola Döring, die sich auf repräsentative Studien aus den USA bezieht, nur von einem eher geringen Anteil Jugendlicher betrieben und belief sich, Stand 2012, auf unter 20% (vgl. Döring 2012). Gründe hierfür seien die damit verbundene Scham und die Angst vor Peinlichkeiten, darüber hinaus wurde von den Jugendlichen aber auch die Ansicht vertreten, dass dies gefährlich und illegal sei, das soziale Ansehen oder gar die berufliche Zukunft negativ beeinflussen könne (vgl. Döring 2012).

Glaubt man denselben Studien, so lag der Anteil der Jugendlichen, die „Sexts“ empfingen, über dem derer, die solche aktiv verschickten (vgl. Döring 2012). Die Unterschiede lassen sich damit begründen, dass viele Jugendliche unaufgefordert sexuell anstößige Inhalte von Freunden und Bekannten, in Internetforen auch von völlig Fremden, zugeschickt bekommen. Über Gruppenchats, z.B. bei WhatsApp, erreichen Sexting-Nachrichten auf diese Weise schnell einen größeren Empfängerkreis, auch ohne dass jeder einzelne Chatteilnehmer explizit dazu aufgefordert hätte.

Als dritte Form der Teilnahme am Sexting ist schließlich das Weiterleiten zu nennen. Diese Form birgt besonderes Gefahrenpotenzial, da auf diesem Wege schnell, ohne das Wissen und die Beteiligung der Bildproduzenten bzw. der abgebildeten Personen, Inhalte verbreitet werden, auch in Anbetracht dessen, dass in den erwähnten Studien aus den USA immerhin 17% angaben, erhaltene Sexts auch weiterzuleiten (vgl. Döring 2012).

Außer nach den Formen der Involvierung in Sexting zu unterscheiden, ist es sinnvoll, nach dem Alter der Beteiligten entsprechend abzugrenzen. So zeigten Studien bereits, dass die Sexting-Aktivität mit steigendem Alter und steigender sexueller Erfahrung und Aktivität ebenfalls zunimmt (vgl. Döring 2014).

Insgesamt scheint der Austausch erotischen oder freizügigen Bildmaterials als sexuelle Ausdrucksform und zur intimen Kommunikation eine gewisse Normalität zu erlangen, wobei nicht nur das Versenden solcher Inhalte per Mobiltelefon, sondern auch über den Computer und – etwas altmodisch anmutend – auf Fotopapier gängig sind, wie Döring in einer selbst angelegten Studie unter Studierenden in Deutschland herausfand (vgl. Döring 2012).

Doch weshalb bedienen sich Jugendliche wie auch Erwachsene dieser besonderen medialen Ausdrucksform ihrer Sexualität? Reicht die reale Face-to-Face-Kommunikation nicht aus? Dazu müssen die verschiedenen Gründe für Sexting und die damit verbundenen Handlungen und Intentionen in Betracht gezogen werden.

Gründe für Sexting

Nicola Döring führt vier Szenarien an, in denen Sexting unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen stattfindet:

1) Pflege bestehender Paarbeziehungen
Am häufigsten findet Sexting unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen in bereits bestehenden Liebesbeziehungen statt (vgl. Döring 2012). Dem Partner als Adressaten dienen intime Botschaften als Liebes- und Vertrauensbeweis. Insbesondere in Fernbeziehungen spielt diese Form der intimen Kommunikation eine wichtige Rolle und soll die fehlende Nähe kompensieren oder die Vorfreude auf ein Wiedersehen steigern. Innerhalb etablierter Beziehungen scheint die Schamgrenze niedriger zu liegen, schließlich kenne man einander in intimen Momenten und müsse daher keine negativen Überraschungen fürchten. Eine starke Vertrauensbasis wirkt hier ebenfalls als Anreiz, Sexting auszuprobieren (vgl. Döring 2012). So ist Sexting innerhalb bestehender Paarbeziehungen eher positiv konnotiert.

2) Anbahnung neuer Paarbeziehungen
Sexting dient neben der Pflege und dem „Aufpeppen“ bestehender Beziehungen auch der Anbahnung neuer Beziehungen, indem mit einer Bekanntschaft zur weiteren Annäherung und Steigerung des gegenseitigen Interesses freizügige Inhalte ausgetauscht werden. Oft werden bei Kontakten, die man online geknüpft hat, ohnehin im Zuge des Kennenlernens Fotos ausgetauscht, bei denen letztlich auch durchaus erotische dabei sein können. Doch auch bei Bekanntschaften aus der analogen Welt spielt Sexting eine dienende Rolle beim weiteren Kennenlernen und der Annäherung. Da sich die Beteiligten bei dieser Form des Sexting jedoch nicht auf eine etablierte Vertrauensbasis und eine bereits seit längerem geteilte Sexualität verlassen können, kann Sexting hier eher unangenehme Folgen haben als in bestehenden Paarbeziehungen. So gaben befragte Jugendliche zwar an, überwiegend positive Erfahrungen gemacht zu haben, doch einige fühlten sich auch bedrängt, peinlich berührt, verängstigt oder gar angeekelt und abgestoßen (vgl. Döring 2012). So kann Sexting in der Kennenlernphase das Interesse am Gegenüber steigern oder schmälern und somit gewissermaßen ein zusätzlicher Indikator dafür sein, ob die neue Bekanntschaft als potenzieller Partner in Frage kommt.

3) Unverbindliche Flirts
Das Internet bietet Jugendlichen, auch ohne die konkrete Absicht zu haben, eine Paarbeziehung einzugehen, die Möglichkeit zu freizügigem, sexuellem Austausch. Dabei scheinen neben Flirts in Chatrooms auch solche über Messaging- oder spezielle Dating-Apps Konjunktur zu haben und mitunter ganz bewusst für unverbindliche Kontakte genutzt zu werden. Hier bieten sich auch Gelegenheiten, sich in einer Weise sexuell auszuprobieren, wie dies manche Jugendliche offline nicht wagen würden. Die leichte Zugänglichkeit, vermeintliche Sicherheit, Anonymität und Rückzugsmöglichkeit beim Online-Flirten machen den besonderen Reiz dieser Form des Kennenlernens aus (vgl. Döring 2012).

4) Austausch im Freundeskreis

Als weitere Funktion des Sexting führt Döring den Austausch im Freundeskreis an. Dabei seien die Adressaten freizügiger Inhalte oft nahestehende Freunde oder die Clique. Ob Mädchen, die eigene Fotoshootings veranstalten und sich dabei gegenseitig in „sexy Posen“ ablichten, oder Jungen, die mit freizügigen Bildern ihre Attraktivität und Männlichkeit beweisen wollen – solche Inhalte werden häufig unter Freunden ausgetauscht und fallen ebenfalls unter die Kategorie „Sexting“ (vgl. Döring 2012).

Gemein ist den verschiedenen Szenarien, dass mit der Intention „gesextet“ wird, durch die Darstellung der eigenen Sexualität und der Rückmeldung dazu – ob vom Partner, neuen Schwarm, von einem unverbindlichen Flirt oder Freunden – diese weiter zu ergründen und eine eigene sexuelle Identität zu entwickeln.

Dieses Bedürfnis ist keineswegs ein neues Phänomen des Web 2.0, sondern seit jeher ein ganz gewöhnliches Verhalten im Zuge der sexuellen Entwicklung junger Menschen. Lediglich die Medien für dieses Austauschen und Experimentieren haben sich verändert. Klicksafe, die EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz, führt an, dass diese Praxis heute eben häufig über Anwendungen auf dem Smartphone, unter Jugendlichen in Deutschland derzeit vor allem über WhatsApp und Snapchat, stattfindet.

Verbreitung

Gesicherte Daten über die Verbreitung von Sexting in Deutschland gibt es kaum. Studien aus den USA und Großbritannien zufolge gaben zunehmend mehr Teenager an, bereits anstößige Bilder oder Videos versendet oder empfangen zu haben. Während die von Nicola Döring herangezogenen Studien noch von etwa 15 bis 20% aktiven „Sextern“ sprachen, führen andere bereits Zahlen bis zu einem Viertel aller befragten Jugendlichen an.[1]

Auch die Medienberichterstattung in Deutschland und Europa wird zunehmend auf das Thema aufmerksam, Schulleitungen sehen sich immer häufiger mit den Negativfolgen von Sexting, zu denen im Kontext Schule oft schwerwiegendes Mobbing gehört, konfrontiert und schlagen Alarm. So wandte sich beispielsweise das Hessische Kultusministerium bereits im Januar 2014 mit einem Rundschreiben zum Thema Sexting an alle Schulleitungen des Landes.

Zweifellos deutet der Trend auch in Deutschland insgesamt darauf hin, dass Sexting eher zunimmt, was nicht zuletzt an der stark gestiegenen Popularität von Instant Messaging Diensten wie WhatsApp und Snapchat liegen dürfte. Eine „epidemische Ausbreitung“ des Phänomens, wie dies manche Medienberichte und besorgte Pädagogen und Eltern befürchten, dürfte allerdings nicht zu erwarten sein. Dennoch muss aufgeklärt und auf mögliche Gefahren hingewiesen werden, um einen verantwortungsvollen Umgang mit privaten Inhalten zu fördern.

Gefahren von Sexting

Wer in Sexting aktiv ist, unabhängig davon, in welcher Form, muss sich der Gefahren dieser Praxis bewusst sein. Insbesondere ungewollte Veröffentlichungen eigener privater Inhalte stellen eine große Gefahr dar und haben häufig neben schwerwiegenden psychosozialen Folgen auch rechtliche Konsequenzen für die Beteiligten.

Besonders risikobehaftet ist dabei das aktive Versenden von Sexts, wenn es zu einer unbeabsichtigten Weitergabe an Dritte oder zu einer Veröffentlichung im Internet kommt. Wird das versendete freizügige Bildmaterial viral, zirkuliert und verbreitet es sich also schnell im sozialen Umfeld, so führt dies häufig zu Reputationsverlust, Beschämung und Spott für die abgebildete Person und mitunter auch für deren Angehörige (vgl. Döring 2012).

Jedoch können die Negativfolgen auch weit schlimmere Ausmaße annehmen und sich zu einem unerträglichen (Cyber-)Mobbing für die betroffene Person ausweiten. Online wie offline haben Sexting-Opfer oft mit schwerwiegenden Beschimpfungen und sogar Schuldzuweisungen zu kämpfen, dem sogenannten „victim blaming“, das bei sexuellen Grenzverletzungen häufig vorkommt (vgl. Döring 2012).

Nach dem Motto, „selbst Schuld, wenn er/sie solche Fotos von sich macht und diese leichtfertig verschickt“, wird den Opfern unreflektiertes, naives Handeln vorgeworfen, was den Druck und die Schmach, die durch die Verbreitung oder Veröffentlichung freizügiger Inhalte ohnehin auf der betroffenen Person lastet, zusätzlich verschlimmert. Gleichzeitig wird dadurch das Mitgefühl von Außenstehenden geschmälert und die eigene Beteiligung am Weiterleiten der Bilder oder am „Opfer-Bashing“ gerechtfertigt (vgl. Döring 2012).

Auffällig ist in diesem Zusammenhang darüber hinaus der Geschlechteraspekt. So sind Mädchen und junge Frauen weitaus häufiger vom Bekanntwerden von Sexting-Fällen und deren Negativfolgen betroffen als Jungen und junge Männer. Bedenklich stimmt dabei vor allem, dass Sexterinnen in der Folge besonders stigmatisiert werden. Als „schlampig“ und „billig“ betitelt, wird ihnen große Ablehnung der Peergroup, von Jungen wie von Mädchen, entgegengebracht.

Die soziale und sexuelle Normverletzung besteht laut Nicola Döring dabei darin, dass nicht die veröffentlichten anstößigen Inhalte per se Aufsehen erregen, sondern das sexuell aktive bzw. offensive Verhalten junger Frauen und Mädchen, welches traditionellen Geschlechterrollen widerspricht, dadurch zutage tritt und verurteilt wird (vgl. Döring 2012).

Von ihnen werde einerseits erwartet, sich (sexuell) attraktiv zu zeigen, gleichzeitig werde aber „weibliche Zurückhaltung“ gefordert (vgl. Döring 2012). Diese sexuelle Doppelmoral werde laut Döring nicht in gleichem Maße auf männliche Sexting-aktive Jugendliche angewandt (vgl. Döring 2012).

Die große Gefahr im Hinblick auf Sexting stellt meist die rasante Verbreitung freizügiger Inhalte dar, die, z.B. als Racheakt von einem Ex-Partner oder einer Ex-Partnerin ausgehend, einmal in Umlauf gebracht nur schwer zu kontrollieren und einzuschränken ist. Besonders durch den Umstand, dass oft ein Großteil des sozialen Umfeldes von Jugendlichen direkt über soziale Netzwerke miteinander vernetzt ist, treibt die Verbreitung schnell voran.

So berichten Betroffene oft davon, dass die ganze Klasse, die ganze Schule, alle Chat-Kontakte oder gar die ganze Stadt (und gefühlt die ganze Welt) die Sexting-Inhalte gesehen oder gespeichert haben soll, was sicherlich in vielen Fällen übertrieben, aber auf Grund des Verbreitungspotenzials in den heutigen Sozialen Medien dennoch nicht zu unterschätzen ist.

Als ein aktuell bei vielen Jugendlichen beliebtes Beispiel sei die Anwendung „Snapchat“ genannt. Diese App macht das Versenden von Fotos und Videos nicht nur kinderleicht, sondern verspricht außerdem, die Daten nicht zu speichern, sondern nach einem kurzen Countdown, während dem das Gesendete sichtbar ist (meist wenige Sekunden), wieder zu löschen.

Allerdings werden die Bilder lediglich ausgeblendet und nicht endgültig gelöscht. Ungeachtet dessen reicht selbst diese kurze Zeit der Sichtbarkeit problemlos aus, um beispielsweise per Screenshot ein anzügliches Bild abzuspeichern. Darüber hinaus wurde Snapchat bereits vermehrt Ziel von Hackern, die mit ihren Angriffen Sicherheitslücken aufdeckten und somit die Verletzbarkeit der Daten demonstrierten.

Die App ist insbesondere wegen dieser vermeintlichen Löschung der Daten zum Austausch von freizügigen Bildern populär. Dies scheint die Schamgrenze, erotische Aufnahmen von sich zu versenden, erheblich zu senken. Da etwa die Hälfte der über 100 Millionen Snapchat-Nutzer zwischen 13 und 17 Jahren alt sein soll, geraten auf diesem Wege auch unzählige Nacktaufnahmen Minderjähriger und somit kinderpornografische Inhalte in Umlauf.[2]

Wer in Suchmaschinen „Sexting“ und „Snapchat“ eingibt, findet schnell zahlreiche Seiten, die auf Snapchat-Sexting-Foren verweisen oder (angeblich) besonders beliebte Sexting-Usernames auflisten. Außer Frage steht dabei, dass viele dieser Accounts Fakes sind, die auf das „Absaugen“ der Daten anderer Nutzer zielen und beim Versenden freizügiger Inhalte eine weitere Gefahr innerhalb der App darstellen. Somit ist Snapchat, bei aller Einfachheit und Beliebtheit, im Hinblick auf die Gefahren für Minderjährige nicht zu unterschätzen.

Welche Ausmaße Sexting und dessen negative Folgen, insbesondere das häufig folgende Mobbing und Cybermobbing für Betroffene annehmen kann, zeigen einige tragische Fälle wie der von Amanda Todd aus Kanada, über den auch in unserem Seminar bereits gesprochen wurde:

          

In Deutschland thematisierte der mehrfach ausgezeichnete und sehr zu empfehlende Film „Homevideo“ bereits 2011 das brisante Thema Cybermobbing ausgehend von der unbeabsichtigten Verbreitung freizügiger privater Inhalte:
 
               


Zweifellos stellen solche Fälle den Worst Case dar, dennoch müssen auch solch extreme mögliche Folgen von Sexting in den Diskurs aufgenommen werden.

Auch rechtlich birgt Sexting einige Gefahren. So werden in Deutschland durch das Verbreiten von anstößigen Bildern ohne die Zustimmung der abgebildeten Person(en) Persönlichkeitsrechte verletzt, genauer das Recht am eigenen Bild (§ 22 KunstUrhG), und es wird eine Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen (§ 201a StGB) begangen, die auf Antrag strafrechtlich verfolgt wird (vgl. Döring 2012).

Sowohl für das Erstellen, Versenden wie auch das Weiterleiten solcher Aufnahmen ohne Genehmigung können Geldstrafen oder Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr verhängt werden. Darüber hinaus stehen den Opfern Schadensersatzansprüche zu und es können Unterlassungsansprüche gegen die Betreiber einer Website, auf der entsprechendes Bildmaterial veröffentlicht wurde, geltend gemacht werden.

Bei minderjährigen Betroffenen müssen die Eltern einen Antrag auf Strafverfolgung stellen. Ist der Täter bzw. sind die Täter selbst noch minderjährig, aber bereits strafmündig, so erwartet diese meist die Ableistung von Sozialstunden als Sanktion. Besonders heikel sind Inhalte mit explizit pornografischen Darstellungen Minderjähriger, die rechtlich unter Kinder- und Jugendpornografie fallen und deren Produktion, Besitz und Verbreitung nach § 184b (Kinderpornografie – Personen unter 14 Jahren) und § 184c StGB (Jugendpornografie – Personen zwischen 14 und 18 Jahren) verboten ist.

Auch einvernehmliches Sexting unter Jugendlichen soll nach amerikanischem Vorbild härter sanktioniert werden. In den USA weden SexterInnen für das Erstellen und den Besitz freizügiger Bilder auch mit Einverständnis der abgebildeten Person(en) auf der Grundlage von Kinderpornografie-Paragrafen belangt und für das Verbreiten solcher Inhalte als Sexualstraftäter verfolgt und öffentlich registriert (vgl. Döring 2012).

Daraus ergibt sich die Frage, welches rechtliche Vorgehen in Bezug auf Sexting in Deutschland geeignet scheint: Drakonische Strafen wie in den USA oder Entkriminalisierung? Letzteres fordert Döring zumindest für einvernehmliches Sexting unter Jugendlichen. Ihrer Ansicht nach „wäre es sehr inkonsistent, wenn Jugendliche zwar im Rahmen des sexuellen Selbstbestimmungsrechts Sex haben dürfen, es für sie aber strafbar wäre, sich dabei selbst zu fotografieren oder zu filmen“ (Döring 2012, S. 18).

Da Sexting und die damit einhergehenden Gefahren in Deutschland, wie auch in vielen anderen europäischen Ländern, eher als pädagogisches denn als juristisches Problem betrachtet werden, finden sich mögliche Lösungsansätze im Bereich der medienpädagogischen Aufklärung.

Pädagogische Ansätze

In Deutschland wird mit Jugendsexualität deutlich offener umgegangen als beispielsweise in den USA, wo Sexting unter Jugendlichen als sexuelles Fehlverhalten betrachtet und tabuisiert wird. Mit der Verurteilung von Sexting-aktiven Jugendlichen wird dort Abschreckung betrieben und zur strikten Sexting-Abstinenz aufgefordert. Ein solcher Ansatz scheint für die Pädagogik hierzulande wenig förderlich.

Doch auch im deutschsprachigen Raum mangelt es nicht an Anti-Sexting-Kampagnen, die einseitig die Gefahren hervorheben und nicht nur Sexting verteufeln, sondern auch problematische Geschlechterbilder festigen. Dabei werden oft Szenarien konstruiert, in denen stereotyp „das naive Mädchen“ freizügige Fotos von sich erstellt, die dann vom Ex-Freund oder Ex-Schwarm verbreitet werden und in einem einzigen Chaos enden, das letztlich das ganze Leben des Mädchens zu zerstören droht.

Beachtung fand in dieser Hinsicht u.a. eine Kampagne von „Pro Juventute“ aus der Schweiz, die unter dem Motto „Sexting kann dich berühmt machen. Auch wenn du es gar nicht willst“ läuft:
           


In dieselbe Kerbe schlägt die internationale Kinder- und Jugendschutzorganisation „Innocence In Danger“ mit der Kampagne „Image zerstören mit einem Klick“, die ebenfalls mit einem kurzen Clip auf die Gefahren von Sexting aufmerksam macht:
         


Zweifellos müssen Jugendliche für das Gefahrenpotenzial des Sexting sensibilisiert werden, jedoch sollte dabei keinesfalls pauschalisiert und „jugendliche Dummheit“ oder mediales Fehlverhalten angeprangert werden. Medienpädagogische Ansätze sollten in dieser Hinsicht eher aufklären und Chancen zur Sensibilisierung hin zum „Safer Sexting“ bieten, wie auch von Nicola Döring gefordert wird.

Grundlage hierzu sei das Akzeptieren von einvernehmlichem Sexting als moderne Ausdrucksform der Entwicklung sexueller Identität. Pädagogische Ansätze sollten demnach viel mehr das rechtswidrige Weiterleiten privater freizügiger Bilder verurteilen und die entsprechenden TäterInnen in den Mittelpunkt stellen, anstatt, wie bisher oft praktiziert, den Opfern sexuelles Fehlverhalten oder jugendliche Fahrlässigkeit vorzuwerfen und diese gar mit Schuldzuweisungen zusätzlich zu belasten.

Darin bestehe die Gefahr, den Opfern soziale Unterstützung zu verwehren, weil diese sich aus Angst oft nicht trauten, sich an Eltern oder Lehrkräfte zu wenden (vgl. Döring 2012). Es wird deutlich, dass ein Gelingen von medienpädagogischer Arbeit mit dem Ziel des verantwortlichen Umgangs mit Sexting die Anstrengungen sowohl der Jugendlichen als auch der Erziehungsberechtigten und Pädagogen erfordert.

In unserem Seminarblog wurde auch auf das mit dem Comenius-EduMedia-Siegel ausgezeichnete Themenportal "About You" mit der Kampagne „About You – Safer Sex 2.0“ verwiesen. Hier werden zum Thema Sexting Ansätze zur Aufklärungsarbeit und unterrichtlichen Behandlung geboten. Zahlreiche Materialien und ganze Unterrichtseinheiten, die Sexting nicht allein hinsichtlich bestehender Gefahren aufarbeiten, sondern in einen größeren Zusammenhang einordnen, führen hier an die Thematik heran und eignen sich meiner Ansicht nach mit kleinen individuellen Anpassungen je nach Zielgruppe durchaus für die Thematisierung in der Schule.

Nicola Döring fordert, neben „Safer Sex“ auch „Safer Sexting“ konsequent zu fördern und sprach diesbezüglich in einem Gastbeitrag auf medienbewusst.de sechs Empfehlungen an Eltern und Lehrkräfte aus:
  • Einvernehmliches Sexting unter Jugendlichen ebenso wie einvernehmlichen Sex akzeptieren.
  • Nicht-einvernehmliches Weiterleiten bloßstellender Bilder als Problem fokussieren.
  • Unterstützung für Mobbing-Opfer durch Peers, Erwachsene und Institutionen verbessern.
  • Sexueller Doppelmoral und Verunglimpfung von sexuell aktiven Mädchen als „Schlampen“ entgegenwirken.
  • Ausdrückliches Einverständnis als Richtschnur jeglichen sexuellen Handelns besser verankern und dabei die Jungen stärker in die Pflicht nehmen.
  • Foto-Missbrauch in einer sozialen Gruppe nicht auf ein Medienproblem verkürzen, sondern als Symptom grundlegenderer Konflikte behandeln.
Dass Jugendliche selbst die Thematik nicht völlig unreflektiert wahrnehmen und unkommentiert stehen lassen, zeigt sich daran, dass Jugendliche für Jugendliche Ratschläge und Hilfestellung bieten, wie dies bereits in Online-Foren wie beispielsweise bei juuuport.de der Fall ist.

In meiner eigenen pädagogischen Praxis habe ich bereits die Erfahrung gemacht, dass Aufklärungsarbeit und Anleitung hin zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit sozialen Medien im Allgemeinen unerlässlich ist und dass mit Ansätzen, die die Gewohnheiten, Wünsche und Sorgen von Jugendlichen gleichermaßen berücksichtigen, fruchtbare Ergebnisse erreicht werden können.

Fazit

Erotische Aufnahmen wurden seit jeher unter Heranwachsenden und jungen Erwachsenen ausgetauscht und spielen im Zuge der sexuellen Entwicklung keine unwichtige Rolle. Im Zeitalter des Web 2.0 geschieht dies natürlich viel simpler und schneller als je zuvor. Auch die Reichweite ist schier unbegrenzt, was vor allem beim ungewollten Verbreiten freizügiger Inhalt durch Dritte eine große Gefahr darstellt.

Die psychosozialen Folgen für Betroffene können durch (Cyber-)Mobbing immense Ausmaße annehmen, was nicht zuletzt an problematischen Sichtweisen, Rollenbildern und der in dieser Hinsicht leider oft gängigen Praxis der Schuldzuweisung an die Opfer liegt.

Die Frage nach dem richtigen Umgang mit Sexting ist sicher nicht eindeutig zu beantworten, den einen richtigen medienpädagogischen Ansatz gibt es wohl nicht. Jedoch können verschiedene Erkenntnisse das Fundament für Ansätze und Konzepte bilden, die es noch zu entwickeln gilt.

Die Ansicht, Sexting einzig und allein als sexuelles Fehlverhalten junger Menschen zu verurteilen und daher zu strikter Abstinenz aufzufordern, kann ich persönlich nicht teilen. Viel mehr wäre es wünschenswert, Jugendliche zu einem verantwortungsvollen Umgang mit ihrer eigenen Sexualität zu sensibilisieren.

Einvernehmliches Sexting unter Jugendlichen, das ohnehin überwiegend in Paarbeziehungen stattfindet, sollte ebenso wenig kriminalisiert werden wie einvernehmlicher Sex. Auf die Problematik eines möglichen Missbrauchs freizügigen Materials durch Dritte oder z.B. verflossene Liebesbekanntschaften muss durch Aufklärungsarbeit hingewiesen werden, ebenso wie auf die mehr als lückenhafte Datensicherheit von Instant-Messaging-Apps.

Kommt es schließlich zur ungewollten Verbreitung freizügiger Inhalte, so ist es wenig zielführend, den betroffenen Personen, meist Mädchen oder junge Frauen, die Schuld für das Geschehene zuzuweisen und sie in der Folge als „Schlampen“ zu bezeichnen. Sexting-Opfern muss Unterstützung durch die Peergroup, Erwachsene und pädagogische Institutionen geboten werden, um die Betroffenen nicht zu isolieren und mit sozialer Verachtung zu strafen.

Wichtig ist, die Thematisierung von Sexting und all den damit verbundenen Chancen und Gefahren innerhalb eines vertraulichen Rahmens unter Einbezug der Wünsche und Sorgen Jugendlicher anzugehen. Mit dem nötigen Maß an Wertschätzung und Verständnis sollte es durchaus möglich sein, auch in Zeiten von Snapchat & Co. das Reflexionsvermögen junger Menschen zu bemühen und sie für einen respektvollen Umgang mit der Entwicklung von Sexualität zu ermutigen.

Literatur und Onlinequellen

Döring, Nicola (2012): Erotischer Fotoaustausch unter Jugendlichen: Verbreitung, Funktionen und Folgen des Sexting , in: Zeitschrift für Sexualforschung (25), Georg Thieme Verlag, Stuttgart. S. 4-25

Döring, Nicola (2014): Consensual sexting among adolescents: Risk prevention through abstinence education or safer sexting?, in: Cyberpsychology: Journal of Psychosocial Research on Cyberspace, 8 (1). S. 1-15

Döring, Nicola: "Warum Sexting unter Jugendlichen (k)ein Problem ist", 29.07.2014: http://medienbewusst.de/handy/20140729/warum-sexting-unter-jugendlichen-kein-problem-ist.html, letzter Aufruf: 13.10.2015

Hessisches Kultusministerium: "Informationssschreiben für Schulleitungen und Kollegien zum Thema 'Sexting', Stand: Januar 2014", eingesehen unter: http://www.medien-sicher.de/wp-content/uploads/2013/10/rundschreiben_sexting_januar2014.pdf, letzter Aufruf: 13.10.2015

Klicksafe.de - Die Initiative für mehr Sicherheit im Netz: "Sexting". http://www.klicksafe.de/themen/problematische-inhalte/sexting/, letzter Aufruf: 13.10.2015

Levecke, Bettina: "Wenn das Sexting-Selfie zur Chefsache wird", 09.11.2014, eingesehen unter: http://www.welt.de/vermischtes/article134139365/Wenn-das-Sexting-Selfie-zur-Chefsache-wird.html, letzter Aufruf: 13.10.2015

Projuventute: "Alles über Sexting". http://www.projuventute.ch/Alles-ueber-Sexting.3304.0.html, letzter Aufruf: 13.10.2015

Sobiraj, Lars: "Was ist Sexting?", eingesehen unter: http://www.onlinefacts.de/Was_ist_Sexting, letzter Aufruf: 13.10.2015

[1] BBC News UK: "Sexting survey shows pressure faced by teens", 16.10.2013 http://www.bbc.com/news/uk-24539514, letzter Aufruf: 13.10.2015;

CBS News: "One in four teens admit to sexting, study finds", 03.07.2012 http://www.cbsnews.com/news/one-in-four-teens-admit-to-sexting-study-finds/, letzter Aufruf: 13.10.2015

[2] onlinefacts.de: "Was ist Snapchat?", http://www.onlinefacts.de/Was_ist_Snapchat, letzter Aufruf: 13.10.2015

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