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Dienstag, 10. Oktober 2023

Aufsatz zum Thema "Wissen 2.0"

Heute ist die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift "Ludwigsburger Beiträge zur Medienpädagogik" (LBzM) mit dem Titel "50 Jahre Medienkompetenz und kein bisschen weiter? Von der Kommunikativen Kompetenz zu DigComp" erschienen, die viele lesenswerte Beiträge umfasst, unter anderem den folgenden Aufsatz zu einem der Seminarthemen der vergangenen Jahre:

Mittwoch, 26. Mai 2021

Wikipedia und Wissen in der Postmoderne

In diesem Beitrag stellt Patrik Lehmann folgenden Aufsatz vor:

Brandt, Dina (2009): Postmoderne Wissensorganisation oder: Wie subversiv ist Wikipedia?; in: LIBREAS. Library Ideas, Jg. 14 (2009), S. 4-18. DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/4070.

Der Aufsatz von Dina Brandt beschäftigt sich mit der Wissensorganisation in der postmodernen Gesellschaft und versucht dies anhand von Wikipedia näher zu erläutern. Wie spiegelt sich die Auffassung von Wissen in der postmodernen Gesellschaft in Wikipedia wider? Zunächst einmal muss geklärt werden, wie Wissen zu betrachten ist.

Dienstag, 9. Juli 2019

Zooniverse – Wissenschaft durch Crowdsourcing

„Zooniverse“ ist eine der größten Plattformen für Wissenschaft, die ihre Ergebnisse unter anderem mit der „Crowdsourcing“-Methode erzielt. Dabei gelingt der Erkenntnisgewinn durch die Mithilfe Freiwilliger, die jeweils kleine Beiträge leisten. Anders als häufig mit Big Data assoziiert, wird die große Datenmenge hier jedoch nicht von Algorithmen oder Programmen, sondern von Menschen erstellt.

Unzählige Menschen können auf diese Weise die Arbeit von Wissenschaftlern unterschiedlichster Bereiche unterstützen, indem sie kleine Aufgaben oder Beiträge, wie z.B. Beobachtungen oder Kategorisierungen, erfüllen. Jeder kann zum „Citizen scientist“ werden und dabei mitwirken, eine riesige Datenmenge zu erstellen, die Wissenschaftler dann weiter verwerten und bewerten. Die Wissenschaftler verlassen sich auf die „Weisheit der Vielen“ und lagern Aufgaben und Arbeitsprozesse der Forschung, die sonst sehr kosten- und zeitintensiv wären, auf die Masse der Internetnutzer aus. 

Auch die thematische Vielfalt ist bei „Zooniverse“ garantiert. Die Projekte umfassen unter anderem die Bereiche Kunst, Biologie, Klima, Geschichte, Sprache und Literatur. „Bürgerwissenschaftler“ können sich so von ihren Interessen leiten lassen und zu Forschungsprojekten in ihrem Interessengebiet beitragen. Neben Projekten zur Kategorisierung von Galaxien können Freiwillige auch die Eichhörnchenpopulation im eigenen Garten beobachten oder Shakespeares handgeschriebene Dokumente transkribieren. Mehr zu „Zooniverse erfährt man über die Website. Für Informationen zu Crowdsourcing hier klicken.

Mittwoch, 27. März 2013

Wikipedia allerorten

[Foto: iStock_000016206307X]
Kaum ein Thema wird im Rahmen dieses Blogs so intensiv behandelt wie Wikipedia. Vor einem Jahr haben wir im Rahmen eines Projekts eine Serie mit 9 Postings zur Online-Enzyklopädie veröffentlicht, die dann als neues Kapitel "Wikipedia verstehen" in das Online-Lehrbuch zum Web 2.0 eingegangen ist. Seither wurden drei weitere Seminararbeiten zu Wikipedia und den Wikipedianern erstellt:

Nun hat die Bundeszentrale für politische Bildung (www.bpb.de) ein umfangreiches Online-Dossier rund um die Wikipedia veröffentlicht. Dort werden viele Themen behandelt, die in den genannten Beiträgen ebenfalls thematisiert werden, es gibt aber auch zahlreiche andere und ergänzende Aspekte. Der Besuch lohnt sich...

Sonntag, 13. Januar 2013

“Too Big to Know” - auf den Thesen David Weinbergers basierende Denkanstöße für die Schule

Geburtstagseinladungen über Facebook, Bücher auf dem iPad und kein Handyvertrag mehr ohne Internetflatrate - willkommen im 21. Jahrhundert! Längst bestimmen rasante technologische Fortschritte, neue Kommunikationsmittel und der grenzenlose Cyberspace unseren Alltag. Dass wir ohne Handy und Internetzugang noch Teil dieser Gesellschaft sein könnten, scheint uns zumindest in unserem Land nicht mehr vorstellbar, längst sind wir abhängig von der Technik, die für die heranwachsende Generation selbstverständlicher Teil der Welt ist. Was als Lese-Web begann, sich zum Lese-/Schreibe-Web entwickelt hat, ist nun zum Mitmach-Web geworden, zu einer Masse, die von Millionen Nutzern geformt und erweitert wird, jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde - weltweit. Was einst die Menschen näher zusammengebracht und die Kommunikation erleichtert hat, wird immer mehr zum Selbstläufer, der nicht nur von uns beeinflusst wird, sondern auch uns beeinflusst und die Menschen zwingt, jahrhundertealte und bewährte Begriffe zu überdenken und uns zurückführt zu der Frage, mit der sich schon Immanuel Kant befasste:
Was kann ich wissen?
Während hier die Betonung auf dem was liegt, muss die Frage nun aber genauso lauten: ”Was kann ich wissen?”, denn das Repertoire an Fakten und Meinungen im Internet steigt stetig und gewinnt damit an Unübersichtlichkeit, so dass längst kein einfacher Zugang, wie früher ein Gang in die Bibliothek, mehr zu gewährleisten ist. Es ist aber auch berechtigt, die Frage so zu betonen: Was kann ich wissen? Mehr denn je fordert das Internet den Beitrag Einzelner, um ihn gegen andere Positionen auszuspielen und damit die Suche nach der Wahrheit voranzutreiben. Zuletzt stellt sich aber auch die Frage, was man wissen kann. Denn wie kann man sich sicher sein, dass man etwas wirklich weiß, wo sich im Internet zu jedem Thema Menschen finden, die alle von sich behaupten, das meiste zu wissen und kein verlässlicher Experte mehr auszumachen ist?

Ohne dass wir es gemerkt haben, greift das Web 2.0 unseren Wissensbegriff an, verändert seine Struktur, seine äußere Form und nicht zuletzt die Zugänge zu ihm. Gleichzeitig werden neue Bewertungsmaßstäbe eingeführt. In seinem Buch “Too big to know. Rethinking knowledge now that the facts aren’t the facts, experts are everywhere, and the smartest person in the room is the room” befasst sich der Internetphilosoph David Weinberger genau mit diesem Aspekts des Internets und rüttelt damit an den Grundfesten der Bildung.

Das ist ein guter Anlass, um das Bildungssystem in den Blick zu nehmen, denn wenn der Wissens- und Bildungsbegriff hinsichtlich seiner Veränderungen betrachtet wird, kann das Bildungswesen nicht unberührt bleiben. Es gilt, Thesen und vorsichtige Prognosen für das deutsche Bildungssystem abzuleiten und dessen Entwicklung aus übergeordneter Perspektive zu analysieren. Im Folgenden werden in Form von Denkanstößen Mutmaßungen darüber dargestellt, womit sich in Anlehnung an Weinbergers Gedanken Bildungspolitiker möglicherweise in Zukunft auseinandersetzen müssen.

Denkanstoß 1, oder: Alle Lehrbücher ins Altpapier?

Ein Blick in die Klassenzimmer Deutschlands lässt durchscheinen, dass Lehrbücher immer noch ein Hauptbestandteil des Unterrichts sind, wobei das Kollegium einer Schule in jedem Fach Lehrwerke verschiedener Verlage miteinander vergleichen, analysieren und bewerten muss. Dabei stimmen die Inhalte in den verschiedenen Büchern eines Faches zwar an den Lehrplan angelegt überein, dennoch spiegelt sich das didaktische und methodische Wissen der Autoren in unterschiedlicher Art und Weise wider. Lehrer wählen also ein Buch aus, aus welchem in den darauffolgenden Jahren mehrere Klassen lernen. Das ist so lange kein Problem, bis die Didaktikforschung zu neuen Erkenntnissen gelangt oder der Lehrplan überdacht wird - dann müssen neue Lehrmaterialien her.

Nie zuvor jedoch mussten sich Lehrbuchverlage außer hinsichtlich des Layouts, der Struktur und den Zusatzmaterialien auch hinsichtlich ihrer Internetpräsenz mit anderen Verlagen messen und noch dem stetigen Wissenszuwachs der Gesellschaft gerecht werden. Das mag für Sprachbücher weniger kompliziert zu sein als für Lehrbücher, die (scheinbar) faktische Erkenntnisse der Wissenschaft beinhalten.

Darüber hinaus könnte man nach der Lektüre Weinbergers anzweifeln, ob Bücher als Wissenstransporter überhaupt noch Glaubwürdigkeit genießen. Denn ein Problem, das durch das Internet verkompliziert wird, ist die Bewertung von Wissen und die Einordnung seines Wahrheitsgehalts. Zunächst betrifft das renommierte Wissenschaftler, die als Experten auf einem Gebiet gelten und sich auf einmal einer Konkurrenz, bestehend aus selbsternannten Experten aus aller Welt, die im Internet ihr Wissen über dasselbe Fachgebiet preisgeben, gegenübersehen. Diese konnten bislang getrost als verlässliche Wissensquelle fungieren und ihre Erkenntnisse in gedruckter Form weiterlehren - was aber nun, wenn im Internet eine Fülle an ergänzendem oder widerlegendem Wissen zu finden ist, welche von den Lesern im Internet je nach gegebenen Bewertungen anderer Internetuser ebenso verlässlich erscheint (vgl. Weinberger 2011, S.xii)?

Das Problem von Büchern ist in diesem Fall, dass sie Wissenschaftsdiskurse und Fortschritte nicht dokumentieren können und in ihrer gedruckten Form ein statischer Ausschnitt eines augenblicklichen Wissenstandes sind, welcher zudem auf dem Wissen weniger Menschen beruht. Weinberger bezeichnet Bücher als “nonconversational, one-way medium” (Weinberger 2011, S.95), in welchem Gedanken, einer zum anderen führend, linear aneinandergereiht sind. Da Bücher über mehrere Jahrhunderte das Hauptmedium der Wissensvermittlung waren, schließt er daraus, dass man weithin angenommen habe, dass Wissen dieselbe Struktur haben sollte, wie sie in Büchern dargestellt wird.

Im Vergleich dazu scheint im Internet dargestelltes Wissen allein deshalb wahrer, weil direkte Kommentare und Bewertungen viel eher ein dynamisches und aus diesem Grund für viele Menschen vielleicht verlässlicheres Bild von Wissen zeichnen, weil es in dieser Dynamik dem schnelllebigen Zeitgeist ähnelt. Nehmen Schüler heutzutage ihre Lehrer überhaupt noch ernst, wenn diese dafür plädieren, das Wissen aus Büchern zu entnehmen? Besteht überhaupt Verständnis dafür, dass Wissen gelernt werden muss, wenn es doch in Sekundenschnelle überall verfügbar ist? Genau diese Frage führt zu

Denkanstoß 2, oder: Revolution des Lehrplans?

Weinberger konstatiert, dass durch das Internet Wissen freier und schneller zugänglich ist als jemals zuvor. Wer sich also im Internet bewegt, wird von Wissen überflutet. Dadurch sieht er das Verständnis von Wissen, als die Reduktion dessen, was wir wissen müssen, als überholt an. Mit den Theorien Clay Shirkys begründet er hier allerdings die ernste Lage nicht durch “information overload” (ebenda) sondern durch einen “filter failure”, also einen Mangel an Einschränkungen dessen, was wir nicht unbedingt wissen müssen. Dies sei früher durch Zeitungen, Verlage etc. geschehen, also durch verlässliche Experten, während es heute den sozialen Netzwerken überlassen wird, herauszudestillieren, was wirklich wissenswert ist. Während in dem ersten Fall die “Zensur” einer Elite vorbehalten ist, übernimmt das im zweiten Fall der Bekanntenkreis, der durch Posts zu bestimmten Themen und Nachrichten in sozialen Netzwerken darauf aufmerksam macht, was es für Neuigkeiten zu wissen gibt (vgl. Pannen 2012, S. 58). Zur Debatte stehen politische Ereignisse und Entwicklungen oder neue wissenschaftliche Erkenntnisse, über die sich die Nutzer von sozialen Netzwerke austauschen. Man kann annehmen, dass diese vor allem von Jugendlichen automatisch für interessanter gehalten werden, als das Wissen, dass Lehrer ihnen zu vermitteln versuchen, allein schon deshalb, weil sie direkt aus der peer group kommen. Grundsätzlich liegt darin die große Chance, selbständige Wissensaneignung auf einfache Art und Weise zu ermöglichen, in der Realität kann das aber andere Wege nehmen.

Ein Beispiel: Ein Jugendlicher liest über einen Post auf Facebook etwas über einen Sachverhalt und sein Interesse daran wird geweckt . Entweder er liest den geposteten Artikel und sein Wissensdurst ist gestillt oder aber, er will sich selbständig weiter darüber informieren. Wenn er dann im Internet recherchiert, so wird er zunächst untergehen in einer Informationsflut. Er hat nun folgende Möglichkeiten: erstens, er klickt das erste erscheinende Suchergebnis an. Zweitens, er wählt die Überschrift, die ihn aufgrund des Sprachniveaus, der Aufmachung etc. am meisten anspricht. Drittens, er sucht gezielt auf einer Seite, die ihm bekannt ist und deshalb zusagt. Alle drei Möglichkeiten bergen die Gefahr der einseitigen Information, diese kann unwahr, ungenau, unseriös und parteiisch sein. Hierzu zitiert Weinberger Studien des US-amerikanischen Politikers Cass Sunstein, der die These aufstellt, dass die Menschen im Internet besonders interessiert seien an den Meinungen, die den ihren ähnlich sind, was dazu führe, dass ihre Ansichten extremer würden. Es findet also eine Gruppenpolarisierung statt, die nicht zuletzt dadurch begünstigt wird, dass die Äußerung extremer Meinungen im Internet eine gute Strategie darstellt, um Aufmerksamkeit zu erregen (vgl. Weinberger 2011, S. 82 ff.).

Dieses Phänomen dürften auch Lehrer zu spüren bekommen. Besonders drastisch wäre dies zum Beispiel in einem Fall, in dem Schüler sich intensiv mit Verschwörungstheorien befasst hätten, die durch ihre scheinbar schlagende und einfach nachvollziehbare Logik besonders gern für bare Münze genommen werden. Hierbei manifestieren sich extreme Meinungen im Schafspelz von Faktenwissen. Das stellt Lehrer vor die schwierige Aufgabe, mit neutralen Fakten und neutralen Urteilen Schadensbegrenzung zu betreiben. Zwar hat der Jugendliche dann die Eigeninitiative ergriffen, sich zu bilden, ob das Ergebnis aber “gebildet” genannt werden kann, ist nicht zwangsläufig gewährleistet. Zudem mag es wohl einfacher sein, Wissen dorthin zu vermitteln, wo Nicht-Wissen vorhanden ist, als dorthin, wo extreme oder in anderer Weise falsche oder einseitige Überzeugungen vorhanden sind. Naiv davon auszugehen, dass das Gehirn der Schüler ein leeres Papier ist, dass mit Wissen beschrieben werden kann, ist heutzutage mehr denn je hinfällig. Vielmehr müssen Lehrer darauf vorbereitet sein, dass die Schüler mit mehr Vorahnungen oder Vorstellungen in die Schule kommen als bisher, aber dass dies eben auch bedeuten kann, dass die Vermittlung von Wissen dadurch nicht immer nur erleichtert wird. Damit werden an die Bildungspolitik neue Herausforderungen gestellt, die zum einen den Lehrplan und zum anderen die Rolle des Lehrers betreffen.

Der Lehrplan muss unter dem Aspekt überdacht werden, dass er den bereits erwähnten “filter failure” kompensieren kann. Dafür muss er zunächst einmal noch stärker kompetenz- statt wissensorientiert ausgerichtet sein, da sich das Wissen in einem nie dagewesenen Tempo verändert. Es wird nicht mehr ausreichen, sinnvolle Internetrecherche zu vermitteln, vielmehr müssten den Schülern Kompetenzen vermittelt werden, die sie befähigen, Webeinträge zu bewerten. Hierfür müssten aber erst einmal derartige “Handwerkszeuge” gefunden werden, an die zudem noch der Anspruch gestellt werden müsste, dass sie allgemeingültig sind. Mehr denn je wird wichtig, den Schülern Urteils- und Reflexionsfähigkeit zu vermitteln, vor allem in sozialwissenschaftlichen Fächern.

Dies kann zudem nur realisierbar sein, wenn auch der Wissenskanon neu festgelegt wird, da ihm die Aufgabe zukommt, zugleich Basis und Rahmen für das ständig fortschreitende und sich verändernde Wissen zu sein. Um diesem Anspruch zu genügen, muss er ausreichend komplex sein und darf gleichzeitig nicht so reduziert werden, dass er das zu Wissende auf eine vorgeprägte Weise künstlich begrenzt. Wie aber soll dieser Stoffkanon ausgemacht werden?

Denkanstoß 3, oder: Werden Lehrer zunehmend Legitimationsprobleme haben?

Im ersten Denkanstoß wurde bereits angedeutet, welche Schwierigkeiten Bücher zunehmend haben werden, als Medium von Wissen weiterhin Akzeptanz zu finden. Zudem wurde angeschnitten, dass auch Wissenschaftler immer mehr damit konfrontiert werden könnten, dass ihre Arbeit an Wert verliert. Anders gesagt: die Exklusivität ihrer Arbeit geht verloren, wobei Weinberger betont, dass das nicht bedeute, dass man keine professionellen Wissenschaftler mehr brauche, der Abstand zwischen dieser Gruppe und der der “Amateure” verringere sich jedoch (vgl. Weinberger 2011, S. 131). Das zieht die Frage nach sich, auf welche Quellen Bezug genommen werden soll, wenn es darum geht, Wissen auszumachen und weiterzuvermitteln. Eine Frage, die auch für die Bildungspolitik von Belang sein wird, nicht nur hinsichtlich eines einheitlichen Stoffkanons, sondern auch, und das steht damit direkt in Verbindung, hinsichtlich der Lehrerprofessionalität.

Lehrer könnten sich damit auseinandersetzen müssen, dass ihr Beruf, zumindest in der heutigen Form, hinsichtlich seiner Legitimation zur Debatte stehen könnte. Denn Lehrer sind in einer ihrer Hauptaufgaben für die Weitergabe von Wissen zuständig. Nur: bislang war dieses Wissen von Grenzen, seien sie noch so weitgefasst, umgeben. Das heißt, es besaß in seiner unendlichen Größe eine Form, die von verlässlichen Autoritäten vorgezeichnet wurde. Wie Weinberger nach Russell Ackoff konstatiert, ließ Wissen sich früher als Pyramide darstellen: Daten bieten die Grundlage für Informationen, die aus Daten extrahiert werden und zu Wissen führen, Wissen führt zu Verständnis und Verständnis ist das Endprodukt (ebenda, S.1). Weinberger stellt demgegenüber die These auf, dass Wissen nicht von seinem “new hyperlinked context of conversation, debate, elucidation and denigration” (Weinberger 2012, S. 118) losgelöst betrachtet werden kann, sondern dass Wissen genau dadurch verkörpert wird. Dies bedeute auch, dass das, was Lehrer vor Klassen unterrichten, nicht als Wissen zu bezeichnen ist. Damit bringt Weinberger vielleicht den größten Stein ins Rollen, denn sobald man sich auf ein Gedankenexperiment einlässt und die Auswirkungen dieser Feststellung auf das Bildungssystem durchspielt, wird deutlich, wie sich das eigene Weltbild immens ändern muss.

Muss also der Lehrerberuf überdacht werden oder genügt eine Verschiebung der Lehrerrolle hin zu einem Lernbegleiter, der die Schüler lehrt, sich durch das permanente Angebot von Wissen zu navigieren? Wie sollen Lehrer dann ausgebildet werden, wenn eine Ausbildung voraussetzt, dass man ebenfalls auf Lehrer angewiesen ist? Den radikalen Gedanken, dass dies auch dazu führen könnte, dass man grundsätzlich keine institutionalisierte Bildung mehr bräuchte, möchte man angesichts der Absurdität nicht unbedingt zu Ende führen. In einem Wort würde das eine Art Bildungsanarchie hervorrufen. Aus heutiger Sicht scheint das vielleicht noch zu sehr außerhalb unserer Vorstellungskraft liegend, so dass zunächst ein kleiner entscheidender Schritt im Modernisierungsprozess von Bildung gegangen werden muss. Dies beträfe dann zuerst die Rolle des Lehrers, in welcher mehr denn je die Aufgabe betont wird, durch den Wissensdschungel zu führen. Weitergedacht stellen sich aber auch Konsequenzen für das gesamte Schulsystem.

Denkanstoß 4, oder: Passt ein linear aufgebautes Schulsystem noch zu der im Web dargestellten Struktur des Wissens?

In unserem Schulsystem sind die Inhalte mehr oder weniger klar strukturiert, so dass der Stoff, der in einem Schuljahr vermittelt wird, jeweils die Basis für den Stoff des folgenden Schuljahres bildet. Allerdings bedeutet das auch, dass der Lernfortschritt der Schüler in streng lineare Bahnen gelenkt ist und nur selten Raum für eine Wissenskonstruktion ist, die einer Wissensverästelung in verschiedene Richtungen gleichkommt. Wie jeder Lehrer aber aus der Praxis weiß, wirft ein Thema bei den Schülern oft verschiedene Fragen auf. Jeder Schüler gliedert den neu gelernten Stoff an sein individuelles Vorwissen an und findet einen anderen Aspekt des Themas interessant. Nicht selten werden Fragen gestellt, deren Beantwortung einen Wissenszuwachs bedeuten könnten, die aber nicht ausreichend beantwortet werden können, da sie vielleicht eine zu starke Abweichung der vorgezeichneten Struktur der Stoffvermittlung bedeuten. Das Schulsystem scheint sich an Büchern zu orientieren, die dasselbe Problem haben, da sie nunmal an eine Form gebunden sind, die es nur erlaubt, den Inhalt linear darzustellen und zu begrenzen. Sie waren jahrhundertelang ausschlaggebend für unsere Vorstellung davon, wie Wissen geformt sein soll. Weinberger fasst das so zusammen:
“We’ve had to build a long sequence of thoughts, one leading to another, because books put one page after another. Long-form thinking looks the way because books shaped it that way. And because books have been knowledge’s medium, we have thought that that’s how knowledge should be shaped.” (Weinberger 2012, S. 95)
Das Web hingegen präsentiert Wissen in anderer Form und zwar in einer, die einer unvorstellbar gigantischen Mindmap, “a network of thought of any length and form” (ebenda S. 105), gleicht - laut Weinberger vielleicht eine bessere Art, die Welt zu verstehen (vgl. ebenda). Dass das Internet durch diese “nonlineare (Hypertext)Struktur” (Schäfer 2001, S.99) die Möglichkeit bietet, individuelle Lernwege zu gehen, ist durchaus keine neue Erkenntnis (vgl. ebenda ff.). Auch die Begriffe “eigenverantwortliches Lernen” oder “selbstgesteuertes Lernen” sind in didaktischen und schulpädagogischen Kontexten omnipräsent. Die Chancen des Internet bestehen darin, dass dies auch außerhalb der Schule individuell stattfinden kann, die Realität zeigt jedoch, dass das Internet je nach Milieu und Schulart nicht gleich stark für den Wissenserwerb genutzt wird. Schüler von geringerem Bildungsniveau nutzen das Internet eher selten selbständig als Lernquelle (ebenda, S. 116 ff.).

Ob im Schulalltag staatlicher Schulen Raum gegeben wird, diese individuellen Wege zu gehen, ist stark zu bezweifeln. Dabei könnte auch aus lernpsychologischer Sicht durchaus wünschenswert sein, das Schulsystem stärker darauf auszurichten, dass Lernen dort vom Grundprinzip ähnlich aufgebaut ist wie die selbständige Informationssuche im Internet. Die Struktur des Internet würde auf Bildungsstätten übertragen werden, mit dem Unterschied, dass das Wissen hier nicht nur in Hypertextform zugänglich wäre, sondern auch didaktisch aufbereitet wäre. Den Schülern würde in anregender Lernumgebung die Möglichkeit gegeben, zu lernen, was in irgendeiner Form ihr individuelles Interesse geweckt hat und sie würden dabei auf etwas stoßen, was sie weiter interessiert. Sie könnten sich darüber weiter informieren und dabei wieder auf etwas für sie Interessantes stoßen und so weiter, so dass damit Kettenreaktionen angestoßen würden, die in alle möglichen Richtungen ausstrahlen könnten.

Die Funktion der Lehrer wäre neben der Funktion als Lernbegleiter, didaktisches Material so zur Verfügung zu stellen, dass die Schüler in ihrer Lernumgebung so auf Wissensuche gehen könnten, wie es auch im Internet möglich ist. An einem Beispiel erklärt: In Biologie befasst sich ein Schüler mit Echsen, weil das seine Lieblingstiere sind. Es stehen ihm Lernmaterialien zur Verfügung, mit welchen er sich über die verschiedenen Gattungen von Echsen informieren kann. In einem Lexikoneintrag fällt ihm die Art der Komodowarane auf, eine besonders große Echsenart. Allerdings gibt es diese nur auf kleinen Inseln in Indonesien. Nun würde er diese gerne in Wirklichkeit sehen, weiß aber nicht, wo Indonesien ist. Gäbe es bereits eine Zusammenstellung didaktischer Materialien über Asien, könnte direkt bei den Materialien über Echsen ein Hinweis hinterlegt sein, in welcher Abteilung der Schule der Schüler etwas über die Verbreitungsgebiete herausfinden kann.

Dies wäre dann quasi eine nachgespielte Internetrecherche mit dem Unterschied, dass sie sich nicht auf Texte, Videos etc. beschränkt, sondern abwechslungsreiche Methoden und Interaktion mit einschließen würde. Nun ist es ein großer Aufwand, alle miteinander durch Verweise zu verknüpfen, aber hier würde dann wieder der Lehrer ins Spiel kommen, der auf Nachfrage Hilfestellung bei der Suche geben würde oder auch direkte Bildungsangebote zu bestimmten Themen machen würde.

Ein Gedankenexperiment, dass sich auf absurd anmutende Weise vom Alltag in deutschen Schulen unterscheidet. Aber es gibt bereits Schulen, deren reformpädagogisches Konzept ähnliche Aspekte beinhaltet, beispielsweise die Freie Schule Pankow in Berlin. Sie ist Mitglied des Bundesverbandes der freien Alternativschulen e.V. , wobei es sich um einen Zusammenschluss von fast 100 deutschen Schulen mit alternativen Bildungskonzepten handelt. Das bildungspolitische Selbstverständnis dieser Schulen beinhaltet die These, dass Lerninhalte aus den Erfahrungen der Kinder erarbeitet werden und dass flexiblere und vielfältigere Lernformen der Komplexität des Lernens gerecht werden. Im Zusammenhang mit dem durch Weinberger gezeichneten Bild des Wissens scheinen Schulen mit derartigem Konzept nahezu modern und der Entwicklung durch das Web 2.0 angemessen.

Die ernüchternde Realität ist allerdings, dass solche Schulen vorwiegend privat und aus Initiativen von Eltern entstanden sind. Gleichermaßen haben sie Schwierigkeiten, dass ihre Abschlüsse als gleichwertig anerkannt sind, da es auf diesem Weg nicht gewährleistet ist, dass alle Schüler annähernd denselben Wissensstand erlangen. Als Indikator für die Qualität einer Schule gilt aber nach wie vor die Messbarkeit der erbrachten Schülerleistungen im nationalen und internationalen Vergleich. Dies setzt voraus, dass es einen einheitlichen Stoffkanon geben muss, anhand dem der Bildungsstand erhoben werden kann. Somit sind die eben aufgeführten Gedanken wieder eng mit denen im zweiten Denkanstoß verknüpft, da eine Erneuerung der Lehrpläne hin zu noch mehr Kompetenzorientierung auch neue Standards für den Vergleich von Schülerleistungen mit sich bringen würde, wodurch mehr Platz für die individuelle Zusammensetzung von Lerninhalten wäre.

Der letzte Denkanstoß, oder: Befasst sich die deutsche Bildungspolitik mit den falschen Reformüberlegungen oder ist Weinberger allen einen Quantensprung voraus?

Aktuell drehen sich bildungspolitische Diskussionen hauptsächlich um Themen wie Gemeinschaftsschulen, Integration und Bildungsbenachteiligung, angeregt durch die neuen Ergebnisse der Iglu- und Timss-Studien, aber auch internationale Vergleichbarkeit und Vernetzung. Nach den aus “Too big to know” abgeleiteten Überlegungen ist nicht der Schluss zu ziehen, dass diese Themen, mit denen sich Bildungspolitik beschäftigt, zu Recht Dauerbrenner in den Diskussionen sind. Entscheidend ist, dass diesen Diskussionen immer noch der traditionelle Wissensbegriff zugrunde liegt, auch wenn dieser nach Weinberger längst überholt ist. Es ist also fraglich, ob diese Diskussionen möglicherweise nur an der Oberfläche der Probleme kratzen, indem sie den Wandel des Wissens durch das neue Medium des interaktiven Internet nicht in ihre Überlegungen miteinbeziehen.

Dass das Internet einen festen Platz im Bildungsplan haben muss, ist Bildungsministerin Schavan auch klar ( vgl. Pressemitteilung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung 2008). Das Web ist also längst Inhalt von Bildungsplänen - zu Recht, auch aus Weinbergers Perspektive. Mehr denn je ist die Vermittlung von Medienkompetenz und die theoretische und kritische Betrachtung von Medien wichtig, anders würden wir untergehen in einem Sumpf von Informationen und Meinungen, die von Usern der ganzen Welt im Netz verbreitet werden (vgl. Weinberger 2011, S. 192).

Aus didaktischer und methodischer Perspektive ist das auch für Lehrkräfte überaus bereichernd. Methoden, inspiriert von den Möglichkeiten neuer Medien, zum Beispiel die Methode des Webquests, oder neue Darstellungsmöglichkeiten von politischen Debatten über ihre kontroverse Präsenz im Internet stellen wertvolle Bereicherungen für die Bildungsarbeit dar. Aber es stellt sich die Frage, ob dieser Umgang mit dem Web 2.0 genügt, oder ob es nicht eigentlich in der Zukunft selbst eine Reform verkörpert. Wie David Weinberger mit dem Wissensbegriff umgeht, stellt einen übergeordneten Ansatz von Bildungspolitik dar, der auf extreme Art und Weise zum Umdenken anregt: “We are in a crisis of knowledge” (ebenda S. 173).

Wir haben in den oben formulierten Denkanstößen nun vielleicht vorübergehend in mehr oder weniger ungewohnten Gedankenspielen und Perspektiven gedacht, aber wirklich weitergekommen sind wir nicht, dafür sind Weinbergers Theorien möglicherweise noch zu weit entfernt von unserem Realitätsverständnis. Wie also umgehen damit? Sich überstürzt in den Strudel der Entwicklungen, die das Web 2.0 mitbringt, zu übergeben und es ein Selbstläufer sein lassen, kann nicht der richtige Weg sein, schließlich handelt es sich dabei um einen technischen Fortschritt und Wandel, der von Menschen erfunden, initiiert und angetrieben wurde und wird. An der traditionellen Vorstellung von Wissen und seiner Struktur festzuhalten, die Veränderungen durch das Web 2.0 zu ignorieren und es als rein technischen und funktionalen Bestandteil unseres Seins anzusehen aber auch nicht.

Vielmehr sollten wir und unsere Bildungsinstitutionen aktiv und bewusst das Wissensnetz des Web weiterspinnen und ausgestalten, mit ihm interagieren und unsere Denkweisen daran anpassen. Denn mehr denn je haben wir ein Mittel zur Verfügung, das uns einen Schritt näher zur Erkenntnis gelangen lässt - und das in einer länder- und schichtenübergreifenden Kooperation auf der Basis freiwilliger User. Das ist jedenfalls unbestreitbar positiv. Welche weiteren Entwicklungen das in Wechselwirkung mit gesellschaftlichem Wandel und weiterem Fortschritt mit sich bringen wird, bleibt abzuwarten.Ob Weinbergers Thesen von der Welt wahrgenommen werden oder ob von selbst ein Bewusstseinswandel herbeigeführt wird, und ob das eine radikale Umwälzung der Bildung und Forschung mit sich bringen wird, liegt noch im Dunkeln. Derartige Veränderungen vorherzusagen, wird wohl immer außerhalb unserer Vorstellungskraft liegen, denn sie ist schlichtweg: too big to know.

(Autorin: Lea Weber)

Literatur

Pannen, Ute: Social-Media und politische Bildung. In: Neue Medien, alte Fragen? Das Internet in der Politik. Wochenschau Verlag, Schwalbach am Ts. 2012.

Schäfer, Miriam; Lojewski, Johanna: Internet und Bildungschancen. Die soziale Realität des virtuellen Raums. kopaed, München 2007.

Weinberger, David: Too big to know. Rethinking Knowledge Now That the Facts Aren’t the Facts, Experts are Everywhere, and the smartest Person in the Room Is the Room. Basic Books New York, 2011.

Montag, 19. November 2012

Lernen im Web

Dank des Blogs netzpolitik.org bin ich darauf aufmerksam geworden, dass sich die aktuelle Ausgabe der c’t mit dem Schwerpunkt Online-Lernen (einem Referatsthema in diesem Semester) beschäftigt. Den lesenswerten Überblicksartikel von Jöran Muuß-Merholz gibt es auch online: "Das Wissensnetz. Ein Rundgang durch Online-Lernwelten":
Online-Universitäten erleben einen großen Zulauf, das Internet hält einen gigantischen Fundus an Wissen bereit. Aber kann man wirklich vernünftig per Browser lernen, wenn nebenan der E-Mail-Eingang vollläuft? Ein virtueller Besuch in der Allzweckschule Internet.

Freitag, 2. November 2012

Unbedingt lesen: "Die stille Revolution"

Viel gibt es nicht an wirklich guten deutschsprachigen Titeln zum Web 2.0 und zu den Auswirkungen von Web 2.0 bzw. Digitalisierung auf die Gesellschaft. Deshalb ist es besonders schön, auf dieses durch und durch lesenswerte und anregende Buch hinzuweisen:

Mercedes Bunz: Die stille Revolution. Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen" (Suhrkamp, edition unseld, 2012).

Mittels knapper und sehr prägnanter historischer Analogien macht die Autorin das Unbehagen angesichts neuer disruptiver Technologien verständlich (Angst vor Maschinen) und führt den Leser an das zentrale Anliegen heran:
"Für die Gesellschaft ist es an der Zeit, die Digitalisierung nicht nur zu fürchten, sondern zu nutzen" (S. 82).
Genau das ist auch der Grundtenor des Online-Lehrbuchs zum Web 2.0, das unserer Veranstaltung zugrundeliegt, und auch sonst finden sich zahlreiche Überschneidungen, die sich - so wäre zu wünschen - wechselseitig erhellen. Das trifft beispielweise gleich auf das erste Kapitel zu ("Als die Algorithmen schreiben lernten"), das - angelehnt an David Weinbergers hervorragendes Buch "Too Big to Know" - der Frage nachgeht, wie sich das Wissen selbst durch die Digitalisierung verändert (vgl. etwa den Abschnitt zu "Denken 2.0" im Online-Lehrbuch).

Ein Lob auch an die edition unseld, die mit dieser Veröffentlichung eine Reihe lesenswerter Titel zum Themenkomplex Web 2.0 und Digitalisierung ergänzt hat:

   

Donnerstag, 1. November 2012

Lernen und Web 2.0

Digitale Medien machen „dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich“ konnte man dieser Tage in einem Kommentar in der Stuttgarter Zeitung zu Manfred Spitzers neuestem Buch „Digitale Demenz“ lesen. Ohne eigenes Expertenwissen seien Internetfertigkeiten nichts wert und wer nur noch über soziale Netzwerke wie Facebook mit anderen Menschen kommuniziere, degeneriere als soziales Wesen. So extreme Positionierungen, wie die des Ulmer Psychiaters und Hirnforschers Spitzer, dass digitale Medien zum Bildungsverfall bei Jugendlichen führten und bei ihrer Nutzung kaum sensomotorische Eindrücke entstünden, lassen die Frage nach der Bedeutung digitaler Medien - und hier in erster Linie des Internets – im Hinblick auf Bildung in den Mittelpunkt des Interesses rücken: Welche Rolle spielt Lernen 2.0 beim Kompetenzerwerb von Kindern und Jugendlichen?

Lernen und Kompetenzen

Lernen als absichtlich (intentional) oder beiläufig (inzidentiell) bewirkter Prozess der Wissens- bzw. Verhaltensänderung durch Informationen oder Erfahrungen, lässt den Lernenden geistige, körperliche und soziale Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten (Kompetenzen) erwerben. Durch die Verarbeitung seiner Wahrnehmung der Umwelt und der Bewusstwerdung von erfahrenen Regelungen versteht der Lernende die von ihm wahrgenommenen Sachverhalte. Menschen lernen u.a. durch Nachahmung anderer Menschen (Lernen am Modell), vor allem Kinder suchen sich für die vielen, ihnen unbekannten Handlungen und Sachverhalte Vorbilder, deren Handlungsweisen sie nachahmen und von denen sie Unbekanntes erfragen; in dieser Phase des Lebens prägen Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, als Vorbilder und Förderer, die Entwicklung von Kindern entscheidend.Während der Pubertät suchen sich die heranwachsenden Jugendlichen dann zunehmend Vorbilder unter Gleichaltrigen (Peergroup).

Eine weitere wichtige Voraussetzung für den Lernprozess ist die Motivation des Lernenden und seine Bereitschaft zu lernen, da das Gedächtnis Informationen umso besser speichert, je sinnvoller und emotional bedeutsamer sie für den Einzelnen sind (vgl. Wagner et. al., S. 26). Zudem fordert die starke Dynamik unserer modernen Wissensgesellschaft - im Wesentlichen bedingt durch die rasanten technischen Entwicklungen im Informations- und Kommunikationsbereich - von den Menschen, die in ihr leben, eine ebenso starke Dynamik hinsichtlich des Lernens von neuen Sachverhalten und die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen.

Aufgabe der Schule ist es hierbei, ihren Schülerinnen und Schülern grundlegende Kompetenzen und Wissensinhalte zu vermitteln, die sie auf das - durch die sich ständig verändernden beruflichen und gesellschaftlichen Anforderungen - notwendige lebenslange, nachhaltige Lernen vorbereiten und sie zu einer aktiven Teilhabe an der Gesellschaft befähigen.

Abgesehen von fachlichen Kompetenzen - als Fähigkeit, Probleme kreativ zu lösen und Wissen sinnorientiert einordnen und bewerten zu können - liegt der Schwerpunkt der schulischen Kompetenzförderung auf der Vermittlung von Methoden-, Sozial- und Personalkompetenz als unabdingbare Voraussetzungen für eigenverantwortliches Handeln und ein selbstbestimmtes Leben.

Das schulische Erziehungsziel der individuellen Handlungskompetenz umfasst somit neben der fachlichen Zielsetzung auch das methodische Gestalten und die Fähigkeit, das eigene Vorgehen strukturieren zu können, das gruppen- und beziehungsorientierte Auseinandersetzen im Hinblick auf Pläne und Ziele sowie die Bereitschaft zur Selbstentwicklung und Reflexion (vgl. Druckrey 2007, S. 87). Dementsprechend beinhalten die Bildungsstandards in Deutschland neben dem reinen Fachwissen Kompetenzen wie Methodenbeherrschung, Kommunikationsfähigkeit, Teamfähigkeit und Präsentationskompetenz in den verschiedenen Fachbereichen.

Der Begriff Lernen mit dem Zusatz 2.0 steht für ein neues Lernen mit und im Web 2.0. War der Nutzer der anfänglichen 1.0-Version des World Wide Webs noch ein eher passiver Informationsempfänger, so ist er bei der Version 2.0 darüber hinaus ein aktiver Teil des sich ständig rasant verändernden, äußerst dynamischen Informationssystems. Dies erfordert einerseits zusätzliche Kompetenzen bei der Nutzung des Internets und bietet andererseits vielfältige Möglichkeiten des Kompetenzerwerbs. Lernen 2.0 in unserer heutigen Mediengesellschaft umfasst darum sowohl die Erziehung im Umgang mit digitalen Medien als auch die Aneignung von Kompetenzen und Fachwissen durch digitale Medien.

Umgang mit digitalen Informationsquellen (er)lernen

Bedingt durch die Entwicklung des World Wide Web zu einem interaktiven, dynamischen Informationssystem haben sich auch die Eigenschaften von Informationen verändert. Harald Gapski und Lars Gräßer unterscheiden hierbei zwischen Informationsarbeit, Informationsorten, Informationszugängen und Informationsstrategie. Die Informationsarbeit durch den Lernenden bzw. Internetnutzer findet nicht mehr nur rezipierend, sondern auch produzierend statt. Der Informationsort ist nicht mehr lokal gebunden, sondern entgrenzt. Bei den Informationszugängen hat eine Verschiebung von privat zu öffentlich stattgefunden, und die neuen Informationsformen mit ihren unbegrenzten Datenmengen des Web 2.0 fordern vom Nutzer eine selektive Informationskompetenz.

Voraussetzung für die sinnvolle und effektive Nutzung der sich daraus ergebenden vielfältigen Möglichkeiten der Informationsaufnahme und des Lernens ist die Fähigkeit, sich die jeweils relevanten Wissensbestände zu verschaffen, sie kritisch auf ihren Richtigkeitsgehalt zu prüfen und irrelevante Wissenbestände auszusortieren, damit das Web 2.0 - wie es der Name eines Workshops des Web Literacy Lab in Graz treffend formuliert - “vom Infodschungel zum digitalen Nutzgarten” wird.

So bildet die Fähigkeit der interaktiven Anwendung von Medien - von der OECD im Zuge des DeSeCo-Projekts zur Unterstützung internationaler Studien zur Messung von Kompetenzniveaus von Jugendlichen und Erwachsenen als eine der Schlüsselkompetenzen definiert - die Grundlage für selbstständiges Handeln in unserer Gesellschaft. Grundlegende Kompetenzen stehen auch im Mittelpunkt der schulischen Bildung und so fordert Hans N. Weiler aufgrund des immer größer werdenden Einflusses der Online-Welt auf Alltag und Beruf, den Umgang mit Informationen als Pflichtfach “Wissenskunde” zur Vermittlung von Informationskompetenz im Lehrplan der Schulen zu verankern. Die Schule bietet hierfür die notwendigen zeitlichen und personalen Voraussetzungen, Kinder und Jugendliche kompetent zu unterstützen und sie auf ihrem Weg ins World Wide Web zu begleiten.

Das Fazit der Studie "Medienbildung - (k)ein Unterrichtsfach?" der Universität Hamburg, die der Frage nachgeht, inwieweit Medienkompetenz in den Lehrplänen der einzelnen Bundesländer verankert ist, zeigt jedoch, dass sich inzwischen zwar in allen Bundesländern Vorgaben zur Medienerziehung und Förderung von Medienkompetenz finden, es aber an konkreten Hinweisen, wann und wie diese Aufgaben umgesetzt werden sollen, fehle.
“Es gibt einige Schulen, in denen Lehrkräfte sich dieser Zielsetzung annehmen. Eine Verbindlichkeit ist aber kaum vorhanden. Inwiefern Schülerinnen und Schüler tatsächlich ein Mindestmaß an Medienkompetenz erreichen, wird nicht überprüft.Die Einführung eines eigenen Unterrichtsfaches könnte hier Abhilfe schaffen. Die befragten Experten berichteten aber übereinstimmend, dass hierfür keine bildungspolitische Mehrheit zu erwarten sei.”
Wissenskunde, Informations- oder Medienkompetenz, bleibt also weiterhin ein wenig konkretes Thema an den Schulen, das zwar einhellig für wichtig befunden wird, aber für das es wohl keine verbindliche Zielsetzung bzw. Evaluation in Form eines eigenständigen Fachs geben wird. Deshalb werden auch die Zuweisungen von finanziellen Mittel für diesen Bereich und die notwendigen Maßnahmen, wie die Schaffung von zusätzlichen Lehrerstellen, gezielte Lehrerfortbildungen und eine erweiterte technische Ausstattung, weiterhin wenig konkret bleiben.

Lernen 2.0 mit digitalen Informationen

Die Vorteile des Web 2.0 hinsichtlich der unendlich großen Daten- und Informationsmengen sowie deren schnelle, problemlose Verfügbarkeit für den Lernenden liegen auf der Hand und haben eine neue Lernkultur entstehen lassen. Digitale Virtualität stellt die Inhalte von Schulbüchern nicht nur in punkto Aktualität in den Schatten, sondern gibt dem Nutzer außerdem die Möglichkeit, mit dem Autor oder anderen Nutzern zu dem jeweiligen Thema zu kommunizieren und dadurch die Wissensinhalte aktiv weiterzuentwickeln.

Douglas Thomas und John Seely Brown bezeichnen in ihrem Buch “A New Culture of Learning” (2011) die Interaktion zwischen den Nutzern des Web 2.0 als “Real Learning”, das im Internet durch “comments, remixing and looking how other people solve problems” (Thomas/Brown 2011, S. 32) stattfindet. “The connection between the personal and collective is a key ingredient to lifelong learning” (ebd., S. 72), da sich das Wissen, ähnlich der Dynamik unserer heutigen Gesellschaft, in einem interaktiven Prozess ständig aktualisiert und weiterentwickelt. Sowohl das selbstständige, eigenmotivierte Handeln, das Hinzufügen und Weiterentwickeln von Inhalten, als auch das Lernen aus Fehlern stellt – im Gegensatz zu dem “teaching-based” Lernmodell der Vergangenheit – ein neues ,“learning-based” (ebd., S. 37) Lernmodell dar.

Im Vordergrund steht das eigenmotivierte, prozessorientierte Lernen in der Lebens- und Lernumgebung des Web 2.0, das die Notwendigkeit von fremdmotiviertem, produktorientiertem Unterricht in der Lebens- und Lernumgebung Schule in Frage stellt. Die zunehmende Handlungs- und Prozessorientierung im Unterricht und die in der realen Offline-Welt stattfindende Förderung der Sozial- und Personalkompetenz, als wesentlicher Bestandteil von Bildung, findet bei dieser Betrachtung keine Berücksichtigung.

Glaubt man dem Hirnforscher Spitzer, so entstehen bei der Nutzung digitaler Informationen kaum sensomotorische Eindrücke im Gehirn. Sensomotorik ist jedoch das für die Wahrnehmung des Menschen notwendige Zusammenspiel der Sinnesorgane mit den motorischen Systemen; die Wahrnehmung von Reizen durch die Sinnesorgane, wie Auge und Ohr, stehen also in unmittelbarem Zusammenhang mit den motorischen Vorgängen des Körpers. Wahrnehmung, deren Verarbeitung und somit Lernen ist also ein komplexer, ganzheitlicher Vorgang, der, um Nachhaltigkeit zu erzielen, nicht auf einzelne Sinnesorgane beschränkt werden darf. Demzufolge kann Lernen 2.0 ganzheitliche Erfahrungen des Menschen nicht ersetzen, ist aber ein wichtiges und unerlässliches Hilfsmittel und sollte in diesem Sinne unbedingt seinen festen Platz im Lehrplan der Schulen haben.

Das Web 2.0 ersetzt mit seine vielfältigen Anwendungen manche Lernmaterialien und Informationsquellen bzw. ergänzt diese sinnvoll, wodurch die Palette an Lehr- und Lernmethoden sich erweitert und neue Möglichkeiten des Lernens geschaffen werden, wie z.B. themenspezifische Lernplattformen und differenziertere Recherche von Informationen. Die Schule stellt eine Plattform für direkte Kommunikation und aktives Sich-Ausprobieren dar, die sich immer mehr ihrem Umfeld öffnet. Im Zuge dieser Öffnung kann das Internet als eine Teilplattform für die digitale Kommunikation und das Sich-Ausprobieren in der digitalen Datenwelt dienen; der Lernraum Schule wird zur Alltags- und Berufswelt hin geöffnet. Es werden Kompetenzen gefördert, die in unserer Medien- und Informationsgesellschaft gefordert werden und unbedingt erworben werden müssen; die reale Welt und somit den Unterricht vor Ort, den Umgang mit und das Lernen von Mitschülerinnen und Mitschülern (Peer-to-Peer-Lernen) einerseits und Lehrerinnen und Lehrern (Lernen am Modell) andererseits ersetzt es jedoch nicht.

Fazit

Lernen 2.0 ist ein wichtiges, notwendiges, heutzutage unerlässliches Tool im Bereich von Bildung und Lernen, kann aber die ganzheitliche Erfahrung von Lernen in der Schule und im realen Leben nicht ersetzen. Ein ergänzendes Miteinander muss das Ziel sein, denn so kann Lernen 2.0 durchaus sinnvoll zum Kompetenzerwerb von SchülerInnen beitragen. Und zurückkehrend zu dem eingangs erwähnten Zeitungsartikel, für dessen Autor sowohl in der Offline-Welt als auch in deren Abbild Online-Welt gilt: “Hier wie dort macht die Dosis das Gift”, muss die bewusste und kompetente Nutzung des Internets und seiner Inhalte das Ziel der Erziehung zum Lernen mit digitalen Medien sein, wodurch die Schülerinnen und Schülern die Fähigkeit erlangen, selbstständig, selbstbewusst und selbstbestimmt zu handeln - online oder offline.

Literatur

Druckrey, Petra: Qualitätsstandards für Verfahren zur Kompetenzfeststellung im Übergang Schule – Beruf. Bonn 2007.

Thomas, Douglas / Seely Brown, John: A New Culture of Learning. North Charleston 2011.

Wagner, Rudi F. / Hinz, Arnold / Rausch, Adly / Becker, Brigitte: Modul Pädagogische Psychologie. Bad Heilbrunn 2009.

Dienstag, 16. Oktober 2012

Wikipedia in der Schule

Der folgende Beitrag skizziert zum einen eine Unterrichtseinheit zum Thema Wikipedia, um die Schüler für einen sinnvollen Umgang mit der Online-Enzyklopädie zu sensibilisieren, zum anderen soll er Lehrern/innen (im Folgenden wird zur Vereinfachung von „Lehrern“ gesprochen) Anstöße geben, wie sie ihren Unterricht zum Thema Wikipedia gestalten können. Es soll gezeigt werden, dass man durchaus mit Wikipedia im Unterricht arbeiten kann und dass Wikipedia mehr ist als ein „monströser Spickzettel“ (Spiegel Online zum Thema Wikipedia im Unterricht).

Das Web 2.0 hat die Suche nach Informationen revolutioniert. Früher musste man in Büchern und Lexika nachschlagen und heute googelt man. In vielen Fällen verweist Google einen dann zu Wikipedia. Bereits Schüler/innen (im Folgenden wird zur Vereinfachung von „Schülern“ gesprochen) der unteren Jahrgangsstufen nutzen Wikipedia als Informationsquelle. Doch wissen die Schüler überhaupt, was Wikipedia ist? Die meisten von ihnen werden den Begriff Online-Enzyklopädie schon einmal gehört haben. Aber wissen sie, wie die Artikel zustandekommen, dass diese aktualisiert werden können (und müssen), um auf dem aktuellen Stand zu bleiben, dass man darauf achten muss, wie seriös bzw. korrekt die Informationen sind, die uns Wikipedia liefert, und dass man der Wikipedia nicht blind vertrauen darf (vgl. Spiegel Online zum Thema Wikipedia im Unterricht)?

Immerhin steht Wikipedia an dritter Stelle, was die Informationssuche im Netz angeht, und wird von 37 Prozent der Jugendlichen mehrmals pro Woche aufgesucht, wie die JIM-Studie 2011 zeigt.
Um den Schülern den richtigen Umgang mit Wikipedia näher zu bringen, ist es also durchaus notwendig, eine entsprechende Unterrichtseinheit durchzuführen. Dies soll jedoch nicht durch lehrerzentrierten Unterricht erfolgen, sondern durch die praktische Arbeit mit Wikipedia.

Folgende Lernziele sollen dabei erreicht werden: Die Schüler sollen lernen, dass
  • Wikipedia als Einstiegsquelle in ein Thema bestens geeignet ist,
  • man neben Wikipedia weitere Quellen nutzen sollte bzw. muss,
  • man Wikipedia nicht blind vertrauen darf,
  • manche Artikel verbesserungswürdig sind.
Zur Umsetzung und zum Erreichen dieser Lernziele ist eine Gruppenarbeit besonders geeignet, bei der die Schüler ihre Informationen selbständig einholen. Die Schüler können dabei voneinander profitieren, da die weniger Erfahrenen, was Online-Recherche angeht, von denjenigen profitieren können, die sich damit schon besser auskennen. Die Klasse wird dafür in 4 bis 5 Gruppen (je nach Klassengröße) aufgeteilt, und jede Gruppe bearbeitet ein eigenes Thema.

Die Gruppenarbeit besteht nun aus drei Teilen. Im ersten Teil soll das Thema erarbeitet werden, im zweiten Teil geht es um die Reflexion der Recherche, der dritte Schritt wird sein, eine Art Mindmap für den Umgang mit Wikipedia zu gestalten. 

Teil 1:
Hierbei geht es schlicht um die Erarbeitung des Themas mit anschließender Präsentation. Es steht den Schülern frei, ob sie es per Vortrag mit Folien, anhand einer Powerpoint-Präsentation oder auf einem Poster mit detaillierten Quellenangaben präsentieren. Für das Fach Gemeinschaftskunde/Politik in der Sekundarstufe 1 kämen dabei beispielsweise folgende Themen in Frage:
  • Das Wahlsystem des Bundestags und seine Aufgaben
  • Die Wahl der Verfassungsrichter und die Aufgaben des Bundesverfassungsgericht
  • Die Wahl des Bundespräsidenten und seine Aufgaben
  • Der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung Deutschland
  • Die Finanzkrise in der EU
  • etc.
Es muss dann natürlich eine genaue Fragestellung erfolgen, damit die Schüler wissen, welche Punkte ihres Themas relevant sind. Beim Thema Bundestag könnte man bspw. nach seinem Aufbau, nach seinen Aufgaben, nach der Arbeitsweise des Parlaments oder nach dessen Wahlsystem fragen.

Für die Bearbeitung dieser Themen darf allerdings nicht ausschließlich Wikipedia verwendet werden. Vorgabe ist es, dass neben Wikipedia mit mindestens zwei weiteren Quellen gearbeitet wird – eine davon muss in gedruckter Form vorliegen. Die Nutzung weiterer Quellen – seien sie online oder offline – ist natürlich möglich. Teil der Aufgabe ist es, sich widersprechende Informationen – sofern die Schüler bei ihrer Recherche solche finden sollten – in ihrer Präsentation zu erwähnen und nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Die Recherche-Arbeit wird nicht zu Hause, sondern ausschließlich im Computerraum der Schule und in der Schulbibliothek stattfinden. Die Ausarbeitung der Präsentationen erfolgt als Hausaufgabe. Dabei müssen die Schüler unter sich ausmachen, wer welchen Teil der Arbeit übernimmt.

Es geht dabei also zunächst einmal um das allgemeine Recherchieren zu einem bestimmten Thema oder Sachverhalt.
„Wikipedia ist oft Start einer Recherche. Um das zu nutzen und zu erweitern, sollen Schülerinnen und Schüler zu einem Thema in der Wikipedia recherchieren. In einem zweiten Schritt sollen sie Informationen finden (online und offline), die im Wikipedia-Artikel noch nicht enthalten sind. Hierbei lernen die Schülerinnen und Schüler Alternativen zu Wikipedia kennen, indem sie beispielsweise Internetsuchmaschinen und bibliothekarisch gepflegte Kataloge nutzen“ (Klicksafe - Wie setzt man Wikipedia im Unterricht ein?).

In den meisten Fällen kommen die Schüler gar nicht erst über den ersten Schritt hinaus und vergleichen Wikipedia mit anderen Quellen.
„Wenige Schüler wissen, dass praktisch jeder Einträge bearbeiten oder gar neu hinzufügen kann. Viele Schüler halten Wikipedia für ein Unternehmen, das Profi-Schreiber beschäftigt. Aus dem Irrglauben folgt oft grenzenloses Vertrauen. "Ich übernehme die Fakten, schreibe das aber um, damit der Stil nicht auffällt", erklärt der 17-jährige Toran - "das heißt, ich muss den Stil verschlechtern" (Spiegel Online zum Thema Wikipedia im Unterricht).
Hierzu noch ein interessanter Beitrag über die Korrektheit von Wikipedia-Artikeln: SF VideoPortal - Wikipedia-Gründer erhält den Gottlieb-Duttweiler-Preis

Bringt man die Schüler dazu, dass sie erkennen, welchem Irrglauben sie bislang aufgesessen sind, wenn sie mit Wikipedia gearbeitet haben, hat man als Lehrer bereits viel erreicht. Doch dies ist nur der erste Schritt.

Nachdem sich die Schüler nun anhand Wikipedia einen ersten groben Überblick über ihr Thema verschafft haben, soll es im weiteren Verlauf darum gehen, mit weiteren Quellen wie Bibliothekskatalogen, Suchmaschinen oder anderen Offline- und Online-Diensten ihr Thema zu vertiefen (vgl. Stöcklin 2010, S. 64 f.).
Doch was heißt vertiefen? Es gibt natürlich unterschiedliche Erkenntnisse, die bei der Arbeit mit weiteren Quellen entstehen können. Die Informationen können mit denen von Wikipedia übereinstimmen, können sie ergänzen oder können ihnen völlig oder teilweise widersprechen. Im Hinblick auf die Lernziele wäre es natürlich am Besten, wenn die Ergebnisse der vertiefenden Recherche nicht mit dem Recherchierten von Wikipedia übereinstimmen. Dann kommt bei den Schülern nämlich die Frage auf, warum die Informationen nicht übereinstimmen, oder es passt ihnen nicht, dass ihre Recherche nun komplizierter wird, als zunächst angenommen, weil man einander widersprechende Informationen hat. Auf jeden Fall werden die Schüler zum Nachdenken animiert. Diese Widersprüche können folgende Gründe haben:

1. Fehlerhafte Informationen
Die Fehler können - wie die folgende Grafik zeigt - wissentlich oder unwissentlich entstehen (vgl. Stöcklin 2010, S. 85).
2. Fehlendes Expertenwissen
„Der Hauptnachteil digitaler Lexika ist freilich, dass Themen, die Expertenwissen benötigen oder gar umstrittene wissenschaftliche oder politische Diskussionsstände darstellen sollen, in keiner Weise verlässlich sind. Das liegt nicht am bösen Willen der Autoren. Und es liegt auch nur zum Teil an der Anonymität der Autorschaft (die ist in Lexika gar nichts Revolutionäres). Es ist schlicht für Laien nicht möglich, hier angemessene Beiträge zu formulieren“ (Philosophieprofessorin Petra Gehring auf die Frage nach Nachteilen digitaler Lexika).
3. Mangelnde Aktualität und der Fluss der Inhalte
Viele Informationen in Wikipedia sind aktuell. Jedoch besteht bei Nischenthemen die Gefahr, dass die Informationen veraltet sind. Die Versionsgeschichte der Wikis gibt Auskunft darüber, wann und an welchen Stellen die letzte Überarbeitung stattfand. Um nicht in die Falle der mangelnden Aktualität von Wikis zu tappen, ist es ratsam, sich beim Zitieren von Inhalten direkt auf eine Version mit Datums- oder Zeitangaben zu beziehen, da diese meistens stabil sind und sich nicht ändern (vgl. Stöcklin 2010, S. 105 ff.).

4. Manipulation und Vandalismus
„Für uns Konsumenten ist es nicht einfach, Manipulationen zu entdecken. Letztlich können alle Medien manipuliert werden. Die Wikipedia ist eine besonders beliebte Zielscheibe. Ihre Inhalte werden erstens häufig gelesen, und sie können zweitens einfach geändert werden“ (Stöcklin 2010, S. 92).
Genau wie bei dem Problem der fehlerhaften Informationen handelt es sich auch hier um Falschaussagen. Der Unterschied ist nur, dass der Leser hier bewusst manipuliert werden soll.

5. Neutraler Standpunkt und mangelnde Objektivität
„Der Neutrale Standpunkt (neutrale Sichtweise; engl. Neutral Point Of View, kurz NPOV) ist eines der vier unveränderlichen Grundprinzipien der Wikipedia. Der Neutrale Standpunkt dient dazu, Themen sachlich darzustellen und den persönlichen Standpunkt des Wikipedia-Autors aus Wikipedia-Artikeln herauszuhalten. Um das zu gewährleisten, werden Artikel quellenbasiert, im Gesamten ausgewogen und möglichst objektiv verfasst [...]. Die Einhaltung des Neutralen Standpunkts gilt als Voraussetzung eines guten Wikipedia-Artikels“ (Wikipedia - neutraler Standpunkt).
Auf unsere Unterrichtseinheit bezogen muss man diese Punkte natürlich ein wenig relativieren. Fehler können sich überall einschleichen, die Aktualität ist vor allem bei präsenten Themen und dem immer schneller werdenden Fluss der Informationen ein generelles Problem und die Themen, welche die Schüler bearbeiten, sind in der Regel nicht so komplex, dass unbedingt Fachwissen von Experten nötig ist, um sicherzustellen, dass die Informationen korrekt sind.

Auf jeden Fall stehen die Schüler nun vor dem Problem – unter der Voraussetzung, dass sich die gefundenen Informationen widersprechen –, wie sie die verschiedenen Recherche-Ergebnisse für ihre Präsentation in Einklang bringen. Sie könnten die verschiedenen inhaltlichen Ergebnisse zu einem Thema gegenüberstellen oder am Ende ihrer Präsentation zu einer Diskussion anregen. Sollte die eine oder andere Gruppe, oder im „Extremfall“ alle Gruppen, keine Informationen finden, die es nötig machen, den Wikipedia-Artikel auf seine Korrektheit und Aktualität hin zu überprüfen, ist dies zwar nicht optimal zum Erreichen der oben genannten Lernziele, jedoch ist es auch kein Punkt, der die geplante Unterrichtseinheit zunichte macht.

Die Gruppen präsentieren der Klasse nun ihre Ergebnisse. Anschließend wird – wie häufig bei einer Präsentation – reflektiert, was sowohl inhaltlich als auch beim Vortragen gelungen ist und an welchen Stellen noch Verbesserungsbedarf besteht. Haben alle Gruppen präsentiert, folgt Teil zwei der Gruppenarbeit. 

Teil 2:
Hier erfolgt nun der Rückblick auf das Erarbeiten des Themas und das Recherchieren. Das Reflektieren soll dazu dienen, um zu erkennen, dass man den Inhalt von Wikipedia und auch von anderen Quellen immer kritisch hinterfragen sollte. Außerdem soll die Erkenntnis gewonnen werden, dass Wikipedia als Einstiegsquelle in ein Thema geeignet ist, man aber für die vertiefende Suche weitere Quellen hinzuziehen sollte. Hierfür bekommt jede Gruppe einen Fragenkatalog, der ihnen helfen soll, ihre Gruppenarbeit zu reflektieren, und an dem sich die Schüler orientieren sollten. Dabei notiert jede Gruppe ihre Erkenntnisse auf einem Plakat und präsentiert diese der Klasse. Die Plakate werden dann mit Magneten vorläufig an der Tafel befestigt, damit sie während der kompletten Ergebnisbesprechung sichtbar sind.

Folgende Aspekte sollte man bei dem Erstellen der Fragen beachten (Woran erkennt man einen guten Wikipedia-Artikel?):
  • Stil und Sachlichkeit
  • Neutralität
  • Glaubwürdigkeit
  • Quellennachweise
  • Aufbau/Struktur
  • Entstehung eines Artikels
Weitere Denkanstöße und Orientierungshilfen für Lehrer, um einen solchen Fragenkatalog zu erstellen, finden sie hier:
Vor- und Nachteile eines Wikis (1)
Vor- und Nachteile eines Wikis (2)
Nando Stöcklin: Wikipedia clever nutzen

Als weiteren Arbeitsauftrag neben der Reflexion der Recherche bietet es sich an, den Schülern eine Art „Überprüfungshilfe“ für Wikipedia-Artikel an die Hand zu geben.
Denn „Wikipedia-Artikel haben unterschiedliche Qualität. Versionsgeschichte, Diskussionsseiten etc. helfen aber, die Verlässlichkeit eines Artikels einzuschätzen. Der kostenlose Dienst Wikibu für die deutschsprachige Wikipedia bietet dabei Unterstützung. Wikibu analysiert die Artikel automatisch anhand mehrerer Kriterien und liefert Anhaltspunkte zur weiteren Überprüfung durch die Nutzenden der Wikipedia. Wikibu ist speziell für den Einsatz in den Schulen gedacht und soll die kompetente Nutzung der Wikipedia als Teil der Informationskompetenz fördern."
Zudem finden sich auf Wikibu viele weitere Vorschläge und Anregungen, wie man Wikibu sinnvoll in den Unterricht einbinden kann.

Ein weiterer Anbieter, mit dem man die Qualität von Wikipedia überprüfen kann, ist Wiki-Watch. Dieser Anbieter ist jedoch im Gegensatz zu Wikibu nicht speziell für den Einsatz in Schulen entwickelt worden und bietet neben der Einstufung von Artikeln bezüglich ihrer Qualität weitere Dienste an. Hier finden sich bspw. Nutzungsstatistiken, Richtlinien und Grundprinzipien von Wikipedia, und man kann sich informieren, wenn man bei Wikipedia mitmachen möchte.

Für den Schulunterricht bietet sich jedoch Wikibu an, da es eigens hierfür entwickelt wurde. Die Startseite ist ähnlich wie diejenige von Google, was die Anwendung für die Schüler einfacher machen dürfte, da Google den meisten vertraut ist. Außerdem bietet Wikibu eine detaillierte Bewertung der Artikel, die dem Niveau der Schüler entspricht. Zusätzlich sind Verlinkungen zu Autoren, Versionsgeschichte und zur Diskussionsseite vorhanden. Hier ein Beispiel zu einem Artikel über die Deutsche Wiedervereinigung.

Neben diesen beiden Kontrollwerkzeugen gibt es noch eine weitere Möglichkeit der Qualitätsprüfung der Artikel. Die sogenannten Wikipedia Bewertungsbausteine. Mit deren Hilfe kann man ebenfalls die Qualität eines Artikels einschätzen. An ihnen lässt sich erkennen, ob ein Artikel einen Mangel oder Schwachstellen aufweist, ob er sachlich und neutral geschrieben ist oder ob er besonders lesenswert ist.

Auf der Basis all dieser Kriterien und Hilfsmitteln zur Überprüfung von Wikipedia-Artikeln könnte ein Arbeitsblatt für die Schüler folgendermaßen aussehen:


Der Umfang und das Niveau der Fragen können variieren und müssen an die Klasse angepasst werden. Es notiert nun jede Gruppe ihre Erkenntnisse auf einem Plakat und präsentiert diese der Klasse. Die Plakate werden dann mit Magneten vorläufig an der Tafel befestigt, damit sie während der kompletten Ergebnisbesprechung sichtbar sind. 

Teil 3:
Nun geht es darum, das bis hierhin Erarbeitete anhand von Regeln bzw. einem Leitfaden für den Umgang mit Wikipedia festzuhalten. Dies erfolgt nun in Form eines Posters, das im Klassenzimmer aufgehängt wird, und jeder Schüler erhält zusätzlich eine Regelliste oder einen „Wikipedia-Führerschein“, wo er nachschauen kann, wenn er nicht in der Schule ist. Folgender Leitfaden könnte als Orientierung oder Vorlage für solch ein Regelwerk dienen: Leitfaden für den Umgang mit Wikipedia.

Die Erarbeitung des Führerscheins erfolgt nun gemeinsam an der Tafel. Der Lehrer hängt dafür den leeren Wikipedia-Führerschein als Poster mit den drei wichtigsten Punkten, die man beim Umgang mit Wikipedia beachten sollte, an die Tafel. Jeder Schüler erhält diesen Blanko-Führerschein im Din-A4 Format. Anhand dieser Vorlage wird nun gemeinsam erarbeitet, was alles in den Führerschein kommt. Der Lehrer notiert die Beiträge der Schüler auf dem Poster an der Tafel und die Schüler tragen diese auf ihrem eigenen Führerschein ein.


Für solch eine Unterrichtseinheit sollte man mehrere Wochen einplanen. Im Normalfall stehen bei Klassenstufe 8 – 10 für das Fach Gemeinschaftskunde/Politik nicht mehr als eine Doppelstunde (= 90 Minuten) pro Woche auf dem Stundenplan. Hier hat man im Vergleich zu anderen Fächern wie Mathe, die mehrmals in der Woche unterrichtet werden, das Problem, dass die Stunden immer eine Woche auseinanderliegen. Das heißt, die Schüler müssen sich quasi jede Stunde neu in ihr Thema einarbeiten, was natürlich eine Menge Zeit kostet.

Die zeitliche Gliederung für solch eine Unterrichtsskizze könnte wie folgt aussehen:
  • Teil 1: Erarbeitung des Themas und Präsentation; ca. 3,5 Doppelstunden (= 315 Minuten)
  • Teil 2: Reflexion der Recherche-Arbeit und Präsentation; ca. 2 Doppelstunden (= 180 Minuten)
  • Teil 3: Erstellen der Regelliste; ca. 2 Doppelstunden (= 180 Minuten)
Es macht durchaus Sinn, den Zeitrahmen etwas großzügiger zu gestalten, denn die Recherche-Arbeit soll ja effektiv und vertiefend sein und nicht nur oberflächlich. Rechnet man noch eine Schulstunde (= 45 Minuten) als Puffer mit ein, kommt man auf 8 Doppelstunden, die man für diese Unterrichtseinheit benötigt. In der Regel sind es sechs oder sieben Unterrichtswochen zwischen den Ferien. Bei dieser Gliederung ist es also gar nicht möglich, dieses „Projekt“ am Stück und ohne große zeitliche Unterbrechung durchzuführen. Es handelt sich jedoch um ein ausführliches und wichtiges Thema, dem man durchaus etwas mehr Zeit einräumen sollte, da Wikipedia als Informationsquelle immer wichtiger wird und die Schüler deshalb auf diese Art des Lernens vorbereitet werden sollten.


Literaturverzeichnis:

Grogg Nadja/Luber Sarah/Schreiner Annina: Vor- und Nachteile eines Wikis – http://www.learning-in-activity.com/index.php?title=Vor-_und_Nachteile_eines_Wikis

Grogg Nadja/Luber Sarah/Schreiner Annina: Vor- und Nachteile eines Wikis – http://www.learning-in-activity.com/images/6/6d/Praes11.pdf

JIM-Studie 2011. Jugend, Information, (Multi-)Media – http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf11/JIM2011.pdf

Klicksafe.de. EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz: Wie setzt man Wikipedia im Unterricht ein? – http://www.klicksafe.de/themen/suchen-recherchieren/wikipedia/wie-setzt-man-wikipedia-im-unterricht-ein/

Klicksafe.de. EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz: Wie setzt man Wikipedia im Unterricht ein? – http://www.klicksafe.de/themen/suchen-recherchieren/wikipedia/woran-erkennt-man-einen-guten-wikipedia-artikel/

Leitfaden für den Umgang mit Wikipedia - https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0b/Leitfaden_für_den_Umgang_mit_Wikipedia.pdf

Menke Birger: Für Lehrer ist Wikipedia ein rotes Tuch. In: Spiegel Online (2009) – http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/lexikonmacher-auf-schultournee-fuer-lehrer-ist-wikipedia-ein-rotes-tuch-a-615029.html

Prüwer Tobias: Ich rate meinen Studierenden ab. In: Wikipedia: Ein kritischer Standpunkt (2010) – http://www.cpov.de/?p=365

Stöcklin Nando (2010): Wikipedia clever nutzen – in Schule und Beruf. Zürich Verlag: Orell Füssli

Wikibu – http://wikibu.ch/

Wikipedia-Gründer erhält den Gottfried-Duttweiler-Preis. In: SF VideoPortal (2011) –
http://www.videoportal.sf.tv/video?id=05c68b6a-790a-487f-b90b-2342cca300b1
 
Wikipedia: Bewertungsbausteine – http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Bewertungsbausteine

Wikipedia: Neutraler Standpunkt – http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:N

Wiki-Watch – http://www.wiki-watch.de

Freitag, 14. September 2012

Grundlegende Fragen zur Schule im digitalen Zeitalter

In meinen Seminaren habe ich immer wieder auf Bücher und Vorträge von Will Richardson hingewiesen. In einem rund 18-minütigen TEDx Vortrag in Melbourne hat er nun wieder die Grundfragen treffend formuliert, vor denen das Bildungswesen steht angesichts der Tatsache, dass Wissen kein knappes Gut mehr und die Welt voller LehrerInnen ist. Außerdem hat er seine Gedanken dazu heute als kleines E-Book (Kindle Single) mit dem Titel "Why School?" veröffentlicht:

 

Unbedingt lesenswert sind - neben seinem Blog - außerdem die beiden folgenden Bücher:

Freitag, 20. Juli 2012

EduCamp - Diskussion zu Lernen 2.0

EduCamps gibt es weltweit; die Idee eines EduCamps im deutschsprachigen Raum stammt von den Medienwissenschaftlern Steffen Büffel (freier Medienberater), Marcel Kirchner und Thomas Bernhardt (ehemalige Studenten der TU Ilmenau).

EduCamps sind offene Konferenzen, in denen die Teilnehmer – meist ExpertInnen und StudentInnen – schwerpunktmäßig medienpädagogische Fragen im Hinblick auf neue Medien, wie z.B. das Thema E-Learning 2.0, aber auch ganz allgemein über Lehr- und Lernmethoden, diskutieren.

Das nächste EduCamp findet vom 18. bis 21. Oktober 2012 in Ilmenau statt.

Freitag, 27. April 2012

Howard Rheingold: Net Smart

In der gestrigen Sitzung zum Thema Medienkompetenz haben wir uns u.a. mit dem neuen Buch von Howard Rheingold beschäftigt, der fünf Dimensionen von digital literacy unterscheidet (attention, participation, collaboration, crap detection, network smarts). Im Blog meiner Firma habe ich dieses Buch vor kurzem vorgestellt. Hier geht es zum entsprechenden Post...

Mittwoch, 14. März 2012

Wikipedia Teil IX (Fazit): Ist Wikipedia eine zuverlässige Quelle?

Im Rahmen eines Projekts an der PH Ludwigsburg haben wir uns in den letzten Wochen intensiver mit der Online-Enzyklopädie Wikipedia beschäftigt. Den Ausgangspunkt unserer Überlegungen bildete die Frage, ob es gerechtfertigt ist, dass viele Lehrende an Schulen und Hochschulen Wikipedia ablehnen oder sogar verbieten. Unsere Vermutung war, dass dieser Umstand mit mangelndem Verständnis hinsichtlich des Web 2.0 im allgemeinen und der Enzyklopädie im besonderen erklärt werden kann. In einer Reihe von Postings haben wir deshalb versucht, Wikipedia und dessen Nutzung zu erläutern:

Wikipedia Teil I: Wie ist Wikipedia entstanden?
Wikipedia Teil II: Grundprinzipien der Wikipedia
Wikipedia Teil III: Weitere Regeln in der Welt der "freien Enzyklopädie"
Wikipedia Teil IV: Erfolgsfaktoren und Wikipedianer
Wikipedia Teil V: Motivation der AutorInnen
Wikipedia Teil VI: Wie schreibe ich einen Artikel?
Wikipedia Teil VII: Wie finanziert sich Wikipedia?
Wikipedia Teil VIII: Weitere Projekte der Wikimedia Foundation

Dieses abschließende Posting bilanziert unsere Arbeit, indem wir eine Antwort auf die Frage anbieten, ob Wikipedia eine zuverlässige Quelle ist. Alle Postings zusammen werden dann als neues Unterkapitel im Abschnitt Lernen 2.0 des Online-Lehrbuchs zum Web 2.0 veröffentlicht.

Ist Wikipedia eine zuverlässige Quelle?
"Kein anderes Social-Software-Projekt hat in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit, Bewunderung und Kritik erfahren wie die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Das große Interesse an der Wikipedia lässt sich nicht allein damit erklären, dass scheinbar aus dem Nichts innerhalb weniger Jahre die größte Enzyklopädie der Welt entstand. Aufsehen erregte vor allem, wie sie entstand: In der Wikipedia kann nicht nur jeder Benutzer eigene Artikel erstellen, sondern auch fremde Lexikoneinträge frei bearbeiten" (Ebersbach u.a. 2011, S. 55).
Jede/r kann mitschreiben an dieser Enzyklopädie. An diesem zentralen Erfolgsfaktor entzündet sich auch die immer wieder vorgebrachte Kritik: "Was soll schon rauskommen, wenn jeder schreiben kann, was er will!" Hinter dieser Kritik steht das tief verankerte Vorurteil, dass die Masse dumm sei. Als Kronzeugen werden in der Regel Charles Mackay (Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds, 1841) und Gustave Le Bon (Psychologie des Foules, 1895 – deutsch: Psychologie der Massen) aufgerufen. An Belegen scheint es nicht zu fehlen, die Geschichte bietet reichlich Anschauungsmaterial für dumme Massen (von Lynch-Mobs bis hin zu periodisch wiederkehrenden Spekulationsblasen an der Börse). Wikipedia kann demnach nicht gut sein, weil das Welt- und Menschenbild dies nicht zulässt.

"Massen" – Gruppen von Menschen – sind aber nicht per se dumm, ebenso wenig sind sie aber auch immer weise, wie Surowieckis These von der "wisdom of crowds" häufig missverstanden wird. In seinem Buch "The Wisdom of Crowds" gelingt es ihm zu zeigen, unter welchen Bedingungen Gruppen gute bzw. schlechte Entscheidungen treffen (siehe Seite "Weisheit der Vielen" im Online Lehrbuch zum Web 2.0). Und er weist auf einen Umstand hin, der hilft, die Widerstände gegen Wikipedia besser zu verstehen: "One of the striking things about the wisdom of crowds is that even though its effects are all around us, it’s easy to miss, and, even when it’s seen, it can be hard to accept" (Surowiecki 2005, S. XIV).

Der Erfolg von Wikipedia mag schwer zu akzeptieren sein – auch und gerade, wenn man Teil der traditionellen Wissenselite ist –, schwer zu verstehen ist er nicht: Ein ausgegebenes Ziel (das Wissen der Menschheit zu sammeln und frei zugänglich zu machen) hat sich als so attraktiv erwiesen, dass sich eine ausreichend große und heterogene Community zusammengefunden hat, um das Projekt in Angriff zu nehmen. Und bislang ist es gelungen, die Community bei der Stange zu halten. Dabei war sicherlich hilfreich, dass es sich um ein non-profit Projekt handelt, das sich ausschließlich über Spenden finanziert. Hinzu kommt, dass das eingesetzte Mittel (Wiki-Software) ausreichend einfach zu bedienen ist.

David Weinberger (2011, S. 168) bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: "The network of Wikipedians is bound together by shared enthusiasm, an ethos, and constitutional principles." Geht man der Frage nach, ob Wikipedia eine zuverlässige Quelle darstellt, verdienen die "constitutional principles" besondere Beachtung, die wir – ihrer Bedeutung entsprechend – ausführlich dargestellt haben (Wikipedia Teil II: Grundprinzipien der Wikipedia). Das erste der vier Grundprinzipien ist das wichtigste:

Wikipedia ist eine Enzyklopädie. Das scheint auf den ersten Blick banal zu sein, kann aber in seiner Bedeutung kaum überschätzt werden, wie in der Folge auszuführen sein wird. Außerdem hat die Tatsache, dass Wikipedia ein bekanntes Konzept – das der Enzyklopädie – aufgreift, wesentlich zum Erfolg beigetragen, weil sich dadurch (manche) Koordinierungsfragen erst gar nicht stellten, wie Clay Shirky (2008, S. 116) betont:
"Wikipedia, like all social tools, is the way it is in part because of the way the software works and in part because of the way the community works. Though wikis can be used for many kinds of writing, the early users were guided by the rhetorical models of existing encyclopedias, which helped synchronize the early work: there was a shared awareness of the kind of writing that should go into a project called Wikipedia. This helped coordinate the users in ways that were not part of the software but were part of the community that used the software."
Dass Wikipedia eine Enzyklopädie ist, hat zur Folge, dass es vieles andere nicht sein kann, etwa ein Wörterbuch, ein Forum für den Austausch von (wissenschaftlichen) Ideen oder Theorien, ein Nachrichtenportal usw. Zur Frage, was Wikipedia nicht ist, gibt es sogar eine eigene Seite auf Wikipedia. Für viele dieser anderen Zwecke hat die Wikimedia Foundation Schwesterprojekte wie Wikinews oder Wiktionary ins Leben gerufen (Wikipedia Teil VIII: Weitere Projekte der Wikimedia Foundation).

Zum Konzept der Enzyklopädie gehört weiterhin zwingend – und dabei handelt es sich um das zweite Grundprinzip der Wikipedia –, dass die Artikel möglichst neutral sein sollen. Dafür steht das zwischenzeitlich über die Reihen der Wikipedianer hinaus bekannt gewordene Kürzel NPOV ("neutral point of view"). Über die Einhaltung dieser Prinzipien (und weiterer Regeln beispielsweise hinsichtlich der Relevanz von Artikeln) wacht die Community. Sie ist der entscheidende Faktor, der in den gängigen Vorwürfen ("da kann jeder reinschreiben, was er will") ausgespart bleibt. Wikipedia funktioniert, weil und solange ausreichend viele Menschen Beiträge leisten UND weil und solange die Community dem Vandalismus Herr werden kann.

Vandalismus – der Missbrauch des Projekts – stellt die größte Bedrohung dar. Die Formen sind vielfältig: falsche oder einseitige Informationen, aus Dummheit oder zu PR-Zwecken (Wikipedia zählt zu den zehn am meisten besuchten Websites der Welt!). Die Community reagiert laufend auf diese Bedrohung und probiert neue Instrumente aus. So wurde etwa die Sichtung eingeführt. Das bedeutet, dass Bearbeitungen von Neulingen erst sichtbar werden, wenn sie gesichtet wurden und bei dieser Prüfung festgestellt wurde, dass es sich nicht um offensichtlichen Vandalismus handelt.

Diese und weitere Maßnahmen dienen der Qualitätssicherung und -steigerung, einem zentralen Ziel der Wikipedia. Schritt für Schritt werden die Ansprüche an die Artikel hochgeschraubt. Sichtbares Zeichen hierfür ist, dass zunehmend Belege für die Informationen beigefügt werden müssen. Wikipedia nähert sich damit immer mehr wissenschaftlichen Gepflogenheiten. Außerdem wurden Auszeichnungen eingeführt ("Lesenswerter Artikel", "Exzellenter Artikel"), die nicht nur zur Motivation der AutorInnen beitragen, sondern auch ausgesprochen hilfreich für Leser sind.

Die Frage, ob Wikipedia eine zuverlässige Quelle ist, kann also mit ja beantwortet werden, sofern dieses Lexikon auch als solches genutzt wird (z.B. als Einstieg in ein neues Thema und nicht als Ersatz für Fachliteratur). Denn "glücklicherweise gibt es [...] weit mehr Autoren, die richtige Informationen einstellen, als solche, die Fehler verbreiten" (Richardson 2011, S. 96). Die Zuverlässigkeit gilt uneingeschränkt für Artikel mit Auszeichnung. Sie wird im übrigen durch einschlägige Studien bestätigt (z.B. Giles 2005 oder Günderoth/Schönert 2007).

Bei "normalen" Artikeln müssen allerdings mehrere Aspekte beachtet werden. So kann nicht vollständig ausgeschlossen werden, dass man das Pech hat, einen Artikel zu lesen, der kurz zuvor von einem Vandalen heimgesucht wurde. Das heißt, dass neben dem Text des Artikels auch die Versionsgeschichte und gegebenenfalls die Diskussionsseite einbezogen werden muss, was – nebenbei bemerkt – beim Einstieg in ein Thema über das Aufspüren von Vandalismus hinaus sehr hilfreich sein kann. Im Unterschied zu herkömmlichen Lexika wird man sofort auf strittige Aspekte und Kontroversen aufmerksam, die ansonsten von typischen Lexikonformulierungen überdeckt werden.

"Wikipedia ist", so Stefan Münker (2009, S. 97), "tatsächlich mehr als ein bloßes Nachschlagewerk geronnenen Wissens: Sie ist, gerade auf den jeden Artikel begleitenden Diskussionsseiten, auch die Live-Dokumentation der Entstehung und des Wandels von Wissen; sie ist aber auch [...] aufgrund ihres Erfolges dafür verantwortlich, dass wir über den Begriff des Wissens selber neu nachdenken müssen!" Diesem überaus interessanten Aspekt werden wir uns ausgehend von dem neuen Buch von David Weinberger ("Too Big to Know") unter der Überschrift "Wissen 2.0" im kommenden Semester zuwenden...

Doch zurück zu Wikipedia und der Frage nach der Verlässlichkeit: Nutzt man die Online-Enzyklopädie angemessen, also beispielsweise
  • um sich einen groben Überblick über eine (neue) Thematik zu verschaffen (hier kann auch WikiMindMap sehr hilfreich sein, ein Dienst, der auf Wikipedia aufsetzt),
  • um Begriffe zu klären, bei denen es nicht um die zentrale Fragestellung der zu erstellenden Arbeit geht, sondern bei denen ein schnelles Nachlesen en passant genügt,
  • um weitere Quellen zu einem (neuen) Thema zu finden (Belege, Links),
  • um sich über aktuellere Entwicklungen zu informieren, die noch nicht in Fachbüchern zu finden sein können,
dann spricht nichts gegen den Einsatz von Wikipedia. Darüber hinaus wäre ein Wikipedia-Verbot schädlich, würde man sich doch einer vielversprechenden Chance berauben, im Unterricht oder in Seminaren im Sinne des Lernens 2.0 auf Wissen(sgenerierung) im Web 2.0-Zeitalter zu sprechen zu kommen. Wie kann web literacy besser vermittelt werden als anhand einer Auseinandersetzung mit einem Wikipedia-Artikel? Wo wird "Lernen als Prozess" anschaulicher? Kurz und gut: Man kann Wikipedia nicht nur nutzen, man sollte Wikipedia sogar nutzen, gerade in der Schule und an der Hochschule.

Dabei versteht sich von selbst, dass für Wikipedia das gleiche gilt wie für alle Quellen: Man sollte sich nie auf eine einzige Quelle verlassen, immer mehrere Quellen verwenden und diese kritisch prüfen. Für den Bereich wissenschaftlicher Arbeiten kann nur unterstrichen werden, was Christian Spannagel bereits 2006 in seinem Blog-Beitrag "Wikipedia als Quelle in wissenschaftlichen Arbeiten" geschrieben hat:
"Eine wichtige Voraussetzung wissenschaftlichen Arbeitens ist die Kenntnis der relevanten wissenschaftlichen Literatur (Fachbücher, Zeitschriften, Journalartikel usw.). Mit Hilfe einer Enzyklopädie (wie beispielsweise Wikipedia) kann man sich einen groben Überblick über ein Wissensgebiet verschaffen. Durch die Lektüre wissenschaftlicher Literatur eignet man sich detailliertes Expertenwissen an. Niemand wäre früher auf die Idee gekommen, nur den Brockhaus als Quelle beim Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten zu verwenden und stattdessen auf die Lektüre wissenschaftlicher Quellen zu verzichten. Es wird auch niemand ernsthaft behaupten wollen, dass man sich mit Hilfe eines Wikipedia-Artikels in ein wissenschaftliches Gebiet einarbeiten kann. Dafür hat Wikipedia andere Qualitäten."
Literatur

Ebersbach, Anja / Glaser, Markus / Heigl, Richard (20112), Social Web, UVK, S. 39-60: „Wikis“.

Giles, Jim (2005), Special Report: Internet Encyclopaedias Go Head to Head; in: Nature, No. 7070, Vol. 438, S. 900-901.

Günderoth, Horst / Schönert, Ulf (2007), Wie gut ist Wikipedia?, in: Stern 50/2007, S. 30ff.

Münker, Stefan (2009), Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Die Sozialen Medien im Web 2.0, Suhrkamp, S. 95-102: „Kollektives Wissen und der Erfolg von Wikipedia“.

Pscheida, Daniela (2010), Das Wikipedia-Universum. Wie das Internet unsere Wissenskultur verändert, Transcript Verlag.

Richardson, Will (2011), Wikis, Blogs und Podcasts. Neue und nützliche Werzeuge für den Unterricht, Tibia Press, S. 95-116: „Wikis. Gemeinschaftsarbeit leicht gemacht“.

Schuler, Günter (2007), Wikipedia inside. Die Online-Enzyklopädie und ihre Community, UNRAST Verlag.

Shirky, Clay (2008), Here Comes Everybody. The Power of Organizing Without Organizations, Penguin, S. 109-142: “Personal Motivation Meets Collaborative Production”.

Stöcklin, Nando (2010), Wikipedia clever nutzen - in Schule und Beruf, Orell Füssli Verlag AG.

Surowiecki, James (2005), The Wisdom of Crowds, Anchor Books.

Tapscott, Don / Williams, Anthony D. (2007), Wikinomics. Die Revolution im Netz, Hanser, S. 71-76: „Die Enzyklopädie, an der jeder mitschreiben kann“.

Van Dijk, Ziko (2010), Wikipedia. Wie Sie zur freien Enzyklopädie beitragen, Open Source Press.

Weinberger, David (2008), Das Ende der Schublade. Die Macht der neuen digitalen Unordnung, Hanser, S. 160-176: „Anonyme Verfasser“.

Weinberger, David (2011), Too Big to Know. Rethinking Knowledge now that the Facts aren't the Facts, Experts are Everywhere, and the Smartest Person in the Room is the Room, Basic Books.

Wikimedia Deutschland e.V. (2011), Alles über Wikipedia. Und die Menschen hinter der größten Enzyklopädie der Welt, Hoffmann und Campe Verlag.