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Dienstag, 9. Juli 2019

Zooniverse – Wissenschaft durch Crowdsourcing

„Zooniverse“ ist eine der größten Plattformen für Wissenschaft, die ihre Ergebnisse unter anderem mit der „Crowdsourcing“-Methode erzielt. Dabei gelingt der Erkenntnisgewinn durch die Mithilfe Freiwilliger, die jeweils kleine Beiträge leisten. Anders als häufig mit Big Data assoziiert, wird die große Datenmenge hier jedoch nicht von Algorithmen oder Programmen, sondern von Menschen erstellt.

Unzählige Menschen können auf diese Weise die Arbeit von Wissenschaftlern unterschiedlichster Bereiche unterstützen, indem sie kleine Aufgaben oder Beiträge, wie z.B. Beobachtungen oder Kategorisierungen, erfüllen. Jeder kann zum „Citizen scientist“ werden und dabei mitwirken, eine riesige Datenmenge zu erstellen, die Wissenschaftler dann weiter verwerten und bewerten. Die Wissenschaftler verlassen sich auf die „Weisheit der Vielen“ und lagern Aufgaben und Arbeitsprozesse der Forschung, die sonst sehr kosten- und zeitintensiv wären, auf die Masse der Internetnutzer aus. 

Auch die thematische Vielfalt ist bei „Zooniverse“ garantiert. Die Projekte umfassen unter anderem die Bereiche Kunst, Biologie, Klima, Geschichte, Sprache und Literatur. „Bürgerwissenschaftler“ können sich so von ihren Interessen leiten lassen und zu Forschungsprojekten in ihrem Interessengebiet beitragen. Neben Projekten zur Kategorisierung von Galaxien können Freiwillige auch die Eichhörnchenpopulation im eigenen Garten beobachten oder Shakespeares handgeschriebene Dokumente transkribieren. Mehr zu „Zooniverse erfährt man über die Website. Für Informationen zu Crowdsourcing hier klicken.

Freitag, 20. Juni 2014

Das Wichtigste zum Thema Crowdfunding

Durch den spektakulären Erfolg der Krautreporter ist Crowdfunding momentan in aller Munde. Die Bundeszentale für politische Bildung hat (im Rahmen des Akquisos-Newsletters 2/2014) ein Dossier zum Thema mit weiterführenden Literatur- und Linkempfehlungen erstellt ...

Sonntag, 24. November 2013

Unterrichtsmaterialien zu Wikipedia

Foto: iStock_000016206307
Wikipedia zählt zu den bekanntesten, wichtigsten, faszinierendsten und umstrittensten Projekten des Web 2.0. Auch an dieser Stelle haben wir uns immer wieder mit der Online-Enzyklopädie befasst. Eine Zusammenschau der vielen Beiträge (Seminararbeiten, Projekte etc.) findet sich hier. Nun hat sich klicksafe.de der Thematik angenommen und eine Reihe von Unterrichtsmaterialien zur kompetenten Nutzung von Wikipedia veröffentlicht:
Das Unterrichtsmaterial erlaubt Einblicke hinter die Kulissen der Wikipedia und soll Schülern Informationskompetenz, Quellenkritik und die Freude am kollaborativen Mitarbeiten an der Wissengemeinschaft vermitteln.
Ein genauer Blick lohnt unbedingt, z.B. ausgehend von dieser Seite...

Sonntag, 3. November 2013

Schwarmintelligenz


Bundesarchiv, Bild 183-W1112-0301 / CC-BY-SA
Man unterstellt allen Mitwirkenden des Web 2.0 eine sogenannte Schwarmintelligenz oder auch ,,kollektive Intelligenz", die aus einem Schwarmverhalten, wie man es in der Biologie beobachten kann, generiert wird. Beispielsweise schließen sich Vögel, Fische oder Insekten zu einer größeren Einheit zusammen und können sich so auf intelligente Art und Weise vor Fressfeinden schützen oder Nahrungsquellen besser erschließen - eine Einheit mit emergenten Eigenschaften ist entstanden.

Übertragen auf das Web 2.0 stellt sich die Frage, ob man auch hier von einer Intelligenz sprechen kann, die sich durch das Zusammenwirken von Millionen von Individuen herausbildet. Die Internetplattform GuttenPlag Wiki ist ein solches Beispiel, wie durch das Mitwirken vieler ein beliebter Politiker in seiner Dissertation des Plagiats überführt worden ist. Ohne Twitter - der Gründer ebenjener Plattform rief hierin zur Mitarbeit aller auf - und ohne die grundlegende Möglichkeit des Mitwirkens durch das Web 2.0, wäre der CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg heute noch im Amt.

Das Motto dieser Aktion lautete: ,,E pluribus unum"-Aus vielen eines.



Donnerstag, 31. Oktober 2013

Crowdfunding

Crowdfunding ist eine neue Möglichkeit, um Projekte oder Vorhaben, die man nicht selbst finanzieren möchte oder kann, durch Geldgeber, die das nötige Kapital zu Verfügung stellen, durchführen zu können. Crowdfunding kann man mit "Schwarmfinanzierung" übersetzen. Es setzt sich aus den englischen Wörtern "crowd" - Menge und "funding" - Finanzierung zusammen. Hat zum Beispiel ein Musiker eine neue Idee für ein Lied und kann sich das Studio für die Aufnahme nicht leisten, dann sucht er sich Menschen, welche seine Produktion für das neue Lied unterstützen möchten. Jedes Mitglied der Masse (crowdfunder) steuert nun einen Betrag seiner Wahl bei, um das Projekt zu verwirklichen. Die Kommunikation verläuft über eine Internetplattform. Meistens gibt es auch eine Gegenleistung. Als Gegenleistung kann die Band z.B die Geldgeber dazu berechtigen, den Song vor der eigentlichen Veröffentlichung anhören zu können.

Sonntag, 17. März 2013

Das Erfolgskonzept von Wikipedia – die Community

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist heute praktisch jedem Internetnutzer bekannt. Bei den weltweit am häufigsten abgerufenen Websites belegt Wikipedia Platz sechs und ist somit für Schülerinnen, Studenten, aber natürlich auch für andere Informationssuchende ein Medium, das im Alltag häufig genutzt wird (vgl. Alexa:Top Sites).

Die deutsche Sprachversion beinhaltet mittlerweile bereits über 1.5 Millionen Artikel. Diese beträchtliche Summe hat Wikipedia ihrer Community zu verdanken, welche die Inhalte erstellt und kontinuierlich überarbeitet. Sie ist der Schlüssel zum Erfolg. Wenn sie nicht mehr so aktiv wäre, würde Wikipedia sehr schnell von der Bildfläche verschwinden (vgl. Shirky 2008, S. 141). Die deutsche Wikipedia Community ist weltweit mit 12% aller beteiligten Wikipedianer die zweitgrößte Community (hinter der amerikanischen mit 20%) (vgl. Editorenumfrage 2011).

Es ist faszinierend, dass Tausende von Menschen verschiedenster Herkunft weltweit, kontinuierlich und engagiert sich dem Ziel verpflichten, das Wissen der Menschheit zu sammeln - und das ganz unentgeltlich. Wie hart Menschen dafür arbeiten, wenn sie etwas lieben, hat Wikipedia zu einem Phänomen gemacht (vgl. Richardson 2011, S. 95).

Der vorliegende Beitrag soll einen Einblick in die Community der Wikipedia und deren Funktionsweise, Zusammenarbeit und Herausforderungen geben.

Joseph Reagle: „Good Faith Collaboration“


Joseph Reagle, der in seinem Buch „Good Faith Collaboration: The Culture of Wikipedia“ (hier geht es zur Online-Ausgabe) die englische Community über längere Zeit untersuchte, beleuchtet diesbezüglich vor allem die Begriffe der „collaboration“ und „culture“.

Wie bereits erwähnt, gibt es zahlreiche freiwillige Mitwirkende an der Online-Enzyklopädie. Sie werden als Herzstück der Wikipedia angesehen und ergeben die „collaborative community“. Durch gemeinschaftliches Zusammenarbeiten (Kollaboration) erhält sie Wikipedia am Leben und möchte kontinuierlich dem Ziel, „eine Enzyklopädie von bestmöglicher Qualität zu schaffen“, etwas näherkommen.

Die Kollaboration der Community findet dabei in Rahmen einer Kultur statt, die ein ausschlaggebender Faktor für die Zukunft von Wikipedia ist. Diese Kultur oder Reihe von Normen definiert sich durch die von der Community gesetzten Richtlinien. Sie entstehen teilweise auch durch Auseinandersetzungen aufgrund von Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Community (vgl. Lessig 2010, zitiert nach Reagle, Vorwort).

Laut Lessig ist das auffallendste Merkmal der Wikipedia „the human-ness of everything inside“. Hinter jedem Beitrag verbirgt sich ein Mensch, der unterschiedliche Absichten haben kann. Mit den verschiedenen Anliegen, Hintergründen und Ansichten der einzelnen Wikipedianer stößt die Community immer wieder an ihre Grenzen. Es gibt kaum Artikel, die nur von einer Person erstellt und bearbeitet wurden.

Andere Formen der direkten Zusammenarbeit ergeben sich beispielsweise mit der Eröffnung von sogenannten Wikipedia Projekten (= „Wiki Projekt“). In diesen finden sich interessierte Wikipedianer zu einem bestimmten Thema zusammen, planen dessen Inhalte und diskutieren die Fortschritte (vgl. Reagle 2010, S. 9).

Die Zusammenarbeit bei der Ausarbeitung von Inhalten ist eine sehr intensive Form der Kooperation, in der hin und wieder Spannungen zwischen den Zielen des Einzelnen und der Gruppe auftreten (vgl. Shirky 2008, S. 50).

Wikipedia kann als eine Momentaufnahme der Community verstanden werden, in der unterschiedliche Facetten der Beteiligten (z.B. zur Verzweiflung bringende, humorvolle und teilweise auch tiefgründige Gespräche) sichtbar werden (vgl. Reagle 2010, S. 1). Die Kultur der Wikipedianer ermutigt in ihren Grundprinzipien alle Beteiligten stets zu guten Umgangsformen untereinander und einer positiven Denkweise anderen gegenüber, da dies für ein Gemeinschaftsprojekt in dieser Größe essentiell ist. Zudem möchte man bei Streitigkeiten vorbeugen, dass diese von der Sach- auf die persönliche Ebene verlagert werden (vgl. Wikipedia:Wikiquette). Die zum Fachjargon gehörende Wikiquette beinhaltet so das Grundprinzip des „Assume Good Faith“ (= Geh von guten Absichten aus), das vor allem auch zu einem unterstützenden und verständnisvollen Verhalten gegenüber Neulingen anhalten soll (siehe: „Please don’t bite the newcomers“).

Bei einem Gemeinschaftsprojekt von diesem Ausmaß sind solche Grundsätze besonders wichtig, um das professionelle Miteinander zu fördern. Sobald sich Wikipedianer im Umfeld der Community unwohl fühlen, tendieren sie dazu, das Projekt zu verlassen (vgl. Shirky 2008, S.50).

Wie setzt sich die Community zusammen?


Die Zahlen der internen Statistik verzeichnen 1.607.847 angemeldete Benutzer. Davon haben sich 23.925 Mitglieder in den letzten 30 Tagen aktiv beteiligt (vgl. Spezial:Statistik Abruf am 24.02.13). Die deutsche Wikipedia zählte im Januar 2013 131.409 aktive Wikipedianer, wobei im Vergleich zum Vormonat 858 neue Mitglieder dazugekommen sind. Davon waren, mit mehr als 5 Bearbeitungen pro Monat, 7256 Wikipedianer „aktiv“ und mit über 100 Bearbeitungen pro Monat 1112 „sehr aktiv“ (vgl. Wikipedia Statistics German; für die weltweiten Ergebnisse siehe: Wikipedia Statistics All Languages). Angeführt wird die Statistik übrigens von Wikipedianern, die sich als „Wikipediholics with a case of editcountitis“ beschreiben (Reagle 2010, S. 157).

Ein Großteil der Benutzer besteht allerdings aus „Ein-Mal-Editoren“ (vgl. Pscheida 2010, S. 358). Da es den Mitwirkenden freigestellt ist, ob sie sich mit Pseudonymen anmelden oder nicht, gibt es zahlreiche anonyme User, die im Hintergrund kleine Aufgaben übernehmen, wie z.B. das Verbessern von Rechtschreibfehlern oder der Grammatik. Solche Mitwirkenden werden humorvoll auch „Wiki-Gnomes“ genannt. Die wenigen sehr engagierten Autoren stehen also einer großen Gruppe von Autoren gegenüber, die nur einmal oder selten Änderungen vornehmen (vgl. Shirky 2008, S. 127). Doch sind alle Mitwirkenden an der Online-Enzyklopädie wichtig (vgl. Reagle 2010, S. 8). Da niemand Geld verdient und die Mitarbeit auf freiwilliger Basis erfolgt, ist es möglich, dass eifrige und sporadisch tätige Wikipedianer nebeneinander bestehen (vgl.Shirky 2008, S.121). In der Summe gibt es somit sehr viele Mitwirkende. Die weltweit verteilten kleinen und regionalen Communities ergeben eine „large community of multilingual encyclopedias and Wikimediaprojects“ (Reagle 2010, S. 10).

Wo und wie interagiert die Community?


Die Community ist in mehreren Bereichen aktiv. Zum einen sind die Wikipedia-Seiten und deren Bearbeitungen (die Enzyklopädie selbst sowie die Seiten, die z.B. die Normen und Grundsätze aufzeigen) für die Community relevant. Zum anderen spielen die Chat- und Diskussionsseiten, in denen es um Verbesserungen, Vorschläge usw. hinsichtlich Artikel geht, eine wichtige Rolle. Auch durch die Mailingliste, in der abstrakte und besonders schwierige Themen diskutiert werden, interagiert die Community. Sie ist darüber hinaus in Wikipedia-bezogenen Blogs und Podcasts aktiv. Abschließend sind die Treffen der Wikipedianer zu erwähnen, sogenannte „meetups“, in denen man sich regelmäßig zu einem Stammtisch trifft (vgl. ebd., S.9).

Rollen in der Community


Ein Blick auf die Benutzerstatistik lässt erkennen, dass es innerhalb der Community zusätzliche Aufgabenbereiche für angemeldete Nutzer gibt (z.B. Administratoren, Sichter, Bürokraten uvm.). Diese Ämter teilen den Benutzern bestimmte Aufgaben und Verantwortungsbereiche in der Community zu. Eine Untergliederung der verschiedenen „Typen“ von Wikipedianern gibt zusätzlich Aufschluss über das Selbstverständnis innerhalb der Community. Natürlich dürfen neben den angemeldeten Benutzern, die nicht-angemeldeten Benutzer („IP-ler“) nicht fehlen, da es für jedermann jederzeit problemlos möglich sein sollte, sich an der OnlineEnzyklopädie zu beteiligen.

Die Autoren: jung und männlich


Aufgrund der Verwendung von Pseudonymen und der anonymen Mitwirkungsmöglichkeit in der Wikipedia, lassen sich allgemeine Aussagen über die Teilnehmer der Community nur schwer treffen. Dennoch gab es bereits Untersuchungen zu den Wikipedianern. Interessante Ergebnisse liefert eine deutsche Studie der Universität Würzburg, die z.B. aussagt, dass die Community größtenteils männlich (88%) ist. Dies deckt sich mit der sehr ausführlichen Editorenumfrage von Wikipedia aus dem Jahr 2011, die weltweit mit 5073 Wikipedianern erhoben wurde. Hier gaben nur 8,5% an, weiblich zu sein.

Das Autorendurchschnittsalter liegt momentan bei 32 Jahren, und mehr als 60% der Wikipedianer haben einen Hochschulabschluss. Die Studie liefert auch einen nennenswerten Einblick in die Diskussionskultur der Community. 48% der 4930 berücksichtigten Antworten bezeichneten andere Editoren als gemeinschaftlich arbeitend, 38% werten andere Autoren als intelligent, 35% als hilfsbereit und 31% als freundlich. Dagegen stehen 24%, die andere Benutzer als arrogant empfinden, 8%, die andere für unhöflich oder vorlaut halten, sowie 5%, die diese als dumm bezeichnen (vgl. Wikimedia Foundation 2011: Editorenumfrage).

Grundprinzipien der Zusammenarbeit in der Community


Dass die Zusammenarbeit in einem solchen Projekt wie Wikipedia schwierig ist, steht außer Frage. Deshalb sind Normen für das Verhalten und den Umgang miteinander notwendig. Diese sind von Wikipedia zwar nicht vorgeschrieben, aber als Richtlinien und Empfehlungen vorhanden. All diese „Regeln und Konventionen des Handelns“ (Pscheida 2010, S. 367) sind mit der Zeit durch Konsens oder Gewohnheit entstanden und können sich deshalb weiterentwickeln und verändern. Die Einhaltung wird für die Zusammenarbeit als notwendig betrachtet. Im Gegensatz hierzu sind die vier Grundprinzipien (Wikipedia ist eine Enzyklopädie, Neutraler Standpunkt, Freie Inhalte und die Wikiquette) verbindlich und unveränderbar (vgl. Wikipedia:Grundprinzipien). Da die Einhaltung jedoch nicht offiziell geprüft wird, besteht ein tiefes Vertrauen in die Selbstregulierungsfähigkeit des gesamten Systems, das Grenzüberschreitungen anmahnt und gegebenenfalls diskutiert (vgl. Pscheida 2010, S. 367). Eine Erläuterung dieser Grundprinzipien kann beispielsweise in dem Online-Lehrbuch von d@dalos gefunden werden.

Good faith und NPOV


Als ergänzende Haltung zum „good faith“ (=gute Absichten) nennt Reagle den Neutralen Standpunkt, kurz NPOV (Neutral Point of View) (vgl. Reagle 2010, S. 45). Beide sind Bestandteil der 5 Säulen, welche nach Reagle die beste Zusammenfassung der Normen für die Kollaboration darstellen (vgl. ebd., S. 51f.).

Wikipedia kann als Beispiel dienen, um zu veranschaulichen, wie Normen in solch einer Kultur entstehen und wie sie inszeniert und verstanden werden (vgl. ebd., S. 13). Im Kontext dieser Normen und Konventionen rang die Community immer wieder mit sich selbst bei Themen wie Offenheit, Entscheidungsfindung oder Führungsfragen und lässt hierdurch interessante Einblicke in die gemeinsame Kultur erkennen. So ergibt sich manchmal auch ein recht chaotisches Bild von der Wikipedia (vgl. ebd., S. 14).

NPOV


Die englische Wikipedia erwartet von ihren Beteiligten, dass sie den NPOV beim Verfassen und Bearbeiten von Artikeln befolgen und sich untereinander eine „good faith“-Haltung entgegenbringen. Der NPOV ermöglicht durch die sachliche, objektive Themendarstellung, die persönliche Ansichten und einseitige Wertungen ausschließt, eine Nebeneinanderstellung aller Inhalte in der gemeinsamen Enzyklopädie. Jedoch ist die Theorie einfacher als die Praxis. „People using [a] Wiki […] [bring] their own preconceptions, agendas, and visions […]“ (Cunningham u.a. 2001, zitiert nach Reagle 2010, S. 59). Daher trifft die im NPOV geforderte Unvoreingenommenheit bei der Erstellung von Inhalten in der Realität nicht immer zu.

Der NPOV dient als Grundlage beim Verfassen von Texten für Wikipedia und stellt oftmals eine Herausforderung für die Community dar. Inwiefern die neutrale Darstellung gelungen ist, entscheiden die Benutzer. Ein Beispiel für ständige Probleme mit dem NPOV zeigt der Artikel zur Evolution, der häufig Auslöser für Diskussionen war und ist. Die Nachprüfbarkeit von Informationen spielt beim NPOV eine wichtige Rolle (vgl. Reagle 2010, S.53ff).

Für die Autoren gilt es so zu schreiben, dass die persönlichen Ansichten des Verfassers nicht deutlich werden. Bei kontroversen Themen sollte die Debatte beschrieben werden, anstatt eine der Positionen einzunehmen. Viele Wikipedianer müssen erst lernen, ihre eigenen Ansichten für das übergeordnete Wohl zu opfern. Dies wird am besten mit dem Satz „Schreiben für den Feind“ ausgedrückt, in dem der Versuch, die Sichtweise einer anderen Person so deutlich und fair wie möglich darzustellen, beschrieben wird (vgl. Wikipedia:Writing for the opponent).

Wikipedias „good faith code of conduct“


Für die Ermöglichung der erfolgreichen Zusammenarbeit in der Community ist das Ausgehen von guten Absichten (= Assume good faith, kurz AGF) notwendig. Das spiegelt sich im Verhaltenskodex (= code of conduct) wieder. Am besten ermutigt man andere zum AGF, indem die eigenen guten Absichten demonstriert werden. Es ist wichtig, dass der anderen Person auch bei offensichtlichen Fehlern nicht vorgeworfen wird, diese mit Absicht gemacht zu haben. Sobald Unstimmigkeiten auftreten, sollte versucht werden, das Problem sachlich zu thematisieren und eine Lösung zu finden, ohne dass ein Konflikt ausgelöst wird. Die Tatsache beständig im Hinterkopf zu behalten, dass es sich bei dem anderen um einen Mensch handelt, ist wichtig. Geht man vom AGF-Prinzip aus, sollte niemand persönlich angegriffen werden (vgl. Wikipedia:Assume good faith).

AGF ist so eine Art und Weise, um „good faith“ herzustellen (vgl. Reagle 2010, S. 59-63). Dass die Kooperation manchmal nicht effektiv und auch unangenehm sein kann, ist offensichtlich. Hier zeigt sich der „good faith“ z.B. in der Bereitschaft zu einer Entschuldigung gegenüber anderen Wikipedianern. Die Kultur der Community sollte durch Geduld, Höflichkeit und Humor geprägt sein. Dies ist der erfolgreichen Zusammenarbeit förderlich (vgl. ebd., S. 71). Weitere Informationen, z.B. zum Umgang mit „Neulingen“, lassen sich ebenfalls auf der AGF-Seite finden (vgl. Wikipedia:Assume good faith).

Wikiliebe


„Our community already comes from a huge variety of backgrounds, and over time the variety will only increase. The only way we can coordinate our efforts in an efficient manner to achieve the goals […] is to love our work and to love each other, even when we disagree.” (Wales (Mitbegründer von Wikipedia): Founder letter 2004)

Alle Beteiligten sollen mit Respekt und sogenannter “Wikiliebe” behandelt werden. Sie beschreibt die generelle Einstellung der Kollegialität und Gemeinsamkeit in der Wikipedia (vgl. Wikipedia:Wikiliebe). Sie soll die offene Perspektive von Wissen mit einer fürsorglichen Einstellung (oder Liebe) gegenüber anderen kombinieren. Die Wikiliebe wird sogar als wichtigster Grundsatz bezeichnet (vgl. Reagle 2010, 62).

Wikipedia als eine „open content community“


Wie der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales einmal sagte, ist der Erfolg von Wikipedia der reine Verdienst der offenen Community (vgl. Wales:Statement of Principles). Ein wichtiges Merkmal der „open content community“ ist die Diskussion darüber, wie man die Werte in einer „freien Enzyklopädie, die jeder bearbeiten kann“ (Wikipedia:Introduction) am besten ins Gleichgewicht bringt. Reagle nennt die zentralen Charakteristika der „open content community“ (vgl. Reagle 2010, S. 75f.):

- Open Content: Ein offener Inhalt, der durch die FOSS-Lizenz (= Free and Open Source Software) verfügbar gemacht wird.

- Transparency and Integrity: Transparenz macht die Prozesse, Regeln, Bestimmungen und Begründungen der „open content community“ für alle zugänglich. Die transparente Dokumentation von Vorschlägen, Diskussionen und Entscheidungen ermöglicht eine Nachvollziehbarkeit und trägt zum Vertrauen in den Prozess bei (vgl. ebd., S. 79). Transparenz ist vor allem für Neulinge hilfreich, um die Regeln und die Kultur der Community zu verstehen. Die Wichtigkeit der Umsetzung von Transparenz kann beispielsweise in der Erwartungshaltung an die „Stewards“ (ein Amt in der Wikipedia) gesehen werden. Alle Unternehmungen, Diskussionen usw. sollen online vermerkt werden, so dass die anderen Benutzer die Entscheidungen und Mechanismen nachvollziehen können (vgl. ebd.).

- Nondiscrimination: Gleichbehandlung wird angestrebt, um ein „Wir-Gefühl“ zu erreichen. Sie soll willkürliche Diskriminierung gegenüber anderen Personen, Gruppen oder Charakteristiken unterbinden, da sie für die Zusammenarbeit in der Community schädlich sind. So sollte auch das Verhalten gegenüber Neulingen nicht herablassend sein (vgl. Please do not bite the newcomers). Es gilt, jeden mit Respekt und Würde zu behandeln (vgl. Wales: Statement of principles). Auftretende Probleme sollten, gemäß der transparenten Haltung, in offenen Foren der Mailingliste vorgestellt werden, so dass mit ihnen auf eine konstruktive Art und Weise umgegangen werden kann (vgl. Reagle 2010, S. 80). So sollen auch Wikipedianer, denen besondere Rechte aufgrund ihrer Position zuteil werden, diese nicht ausnutzen und andere Benutzer nicht diskriminieren (vgl. ebd., S. 81f).

- Noninterference beschreibt die Möglichkeit, die offenen Fragen bei Nichtübereinstimmung mit den gerade erwähnten Punkten in eigener Initiative und ohne Einschränkung in anderen Online-Projekten fortführen zu dürfen. Im Englischen ist dieser Prozess als „forking“ (= Gabelung) bekannt (vgl. ebd., S. 82).

Herausforderungen durch die Offenheit


Es steht außer Frage, dass die Offenheit sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringt. Als Nachteil wird hier der Vandalismus und dessen Folgen für die Beteiligung aufgegriffen (vgl. Reagle 2010, S. 83-88).

Als freie und offene Enzyklopädie erlaubt Wikipedia grundsätzlich jedem die Mitarbeit. Gerade deshalb ergeben sich bei Störungen in der Wikipedia (z.B. durch Vandalismus) immer neue Herausforderungen für die Community. Die Offenheit darf nicht mit dem Motto „Alles ist erlaubt“ gleichgesetzt werden. Dies ist jedoch leider immer wieder der Fall (vgl. ebd., S. 84). Um bei Vandalismus schnellst- und bestmöglich handeln zu können, hat Wikipedia spezielle Mechanismen eingerichtet.

So können z.B. automatisierte „bots“ den Artikel in den vorigen Zustand zurückversetzen. Seiten, die immer wieder von Vandalismus betroffen sind, können für eine gewisse Zeit vor der Bearbeitung „geschützt“ werden (vgl. ebd.). Benutzer, die häufig durch missbräuchliches Verhalten aufgefallen sind, droht eine von Administratoren verhängte Sperre, die in gravierenden Fällen für immer gilt. Die Sperrung kann auch für die IP-Adresse erfolgen, um Neuanmeldungen mit anderen Benutzernamen zu verhindern.

Die Einführung der „semi-protection“, die es anonymen Benutzern oder solchen, die weniger als vier Tage angemeldet sind, verbietet, geschützte Seiten zu editieren, stellt einen weiteren Schutzmechanismus dar. Solche Sicherheitsvorkehrungen erscheinen als notwendige Maßnahmen, selbst wenn darunter das Motto „anyone can edit“ leidet. Nicht zu vergessen ist allerdings, dass als oberstes Ziel der Wikipedia das Aufbauen einer freien Enzyklopädie genannt wird. Gegen dieses wird durch die zahlreichen Schutzmechanismen nicht verstoßen, selbst wenn Beiträge von neuen oder unangemeldeten Usern heute nicht mehr unmittelbar sichtbar sind (vgl. Wikipedia:Sichtung).

Der Umgang mit Vandalismus ist nur ein Beispiel, wo sich Wikipedia immer wieder fragen muss, inwieweit der Einsatz neuer technischer Funktionen oder sozialer Strukturen zum gemeinsamen Wohl beitragen und nicht zu stark mit anderen Werten in der Community kollidieren. Ein Problem wäre hier z.B. auch die gemeinsame Nutzung von IP-Adressen an einer Hochschule. Es ist keine leichte Aufgabe, Werte wie Transparenz, Gleichbehandlung oder Meinungsfreiheit mit freier Rede oder dem Schutz der Beteiligten und des Projekts zum Ausgleich zu bringen, um so dem Ziel gerecht zu werden, eine Enzyklopädie mit höchsten Qualitätsansprüchen zu erstellen (vgl. Reagle 2010, S. 96).

Grenzen, auch in Bezug auf die Offenheit, sind grundlegende Eigenschaften in einer Community (vgl. ebd.). Für eine ausführliche Beschreibung weiterer Mechanismen und sich daraus ergebenden Diskussionspunkten vgl. z.B. Pscheida 2010, S. 372-376 oder Reagle 2010, S.85f.

Bedeutung des Konsenses


„Consensus is Wikipedia’s fundamental model for editorial decision-making“ (Wikipedia:Consenus). In der Wikipedia wird eine auf Konsens beruhende Entscheidungsfindung gegenüber einer Wahl oder Abstimmung bevorzugt. Dies wird als bester Weg angesehen, um die Ziele der Wikipedia zu erreichen (vgl. ebd).

Doch was versteht man eigentlich unter Konsens? Das Wiktionary definiert Konsens mit „einer[r] Übereinstimmung der Meinungen oder Standpunkte; Einigkeit“ (vgl. Wiktionary:Konsens). Mit dem Konsens wird darauf abgezielt, die bestmögliche Lösung zu finden. Die Schnelligkeit der Entscheidungsfindung ist hierbei zweitrangig. Überlegungen, von der die Community dann über längere Zeit profitieren kann, werden als wichtiger angesehen. Um Konsens zu erreichen, soll die Meinung jedes Gruppenmitglieds ernstgenommen und abgewogen werden. Konsens erscheint als angemessenes Mittel, um Entscheidungen in einer von „openness“ und „good faith“ geprägten Community zu treffen. Desweiteren ist diese Vorgehensweise wesentlich für die Online-Kollaboration (vgl. Reagle 2010, S. 98-101).

Die Offenheit des Projektes kann auch hier teilweise als problematisch angesehen werden. Es kann z.B. vorkommen, dass sich Leute beteiligen, die andere einfach „nerven“ wollen und so partizipieren, dass ein Einvernehmen nie erreicht werden kann. Dies führt häufig zu Frustration innerhalb der Gruppe. Als weiteren problematischen Aspekt führen Benutzer an, dass je nachdem, welche Leute an welchen Tagen auftauchen und teilnehmen, die Ergebnisse der Debatten von ihnen abhängen und teilweise sehr stark variieren. So kann kein Konsens erreicht werden (vgl. ebd., S. 103f).

Besonders herausfordernd ist auch die Frage, wer letztendlich die Entscheidung trifft, dass ein Einvernehmen vorliegt und deshalb die Diskussion geschlossen werden kann. Die Theorie besagt: Ein etablierter und respektierter Benutzer könnte die Diskussion schließen. Hierfür ist ein gutes Urteilsvermögen erforderlich, um zu bestimmen, ob ein Konsens erreicht oder nicht erreicht wurde. Wenn die Diskussion kontinuierlich unterbrochen und gestört wird, ist es spätestens an der Zeit, die Diskussion zu schließen und ein Ergebnis bekanntzugeben (vgl. ebd., S. 109). Die praktische Umsetzung wirft hinsichtlich der Entscheidungsautorität jedoch weiterhin Schwierigkeiten auf (Beispiele hierzu finden sich in Reagle 2010, S. 107ff.).

Alle Regelvereinbarungen durch erreichten Konsens sind prinzipiell erneut verhandelbar. Dies wird als wichtig angesehen und kann z.B. bei neuen oder zu überdenkenden Alternativen für die Community als angemessen erscheinen. Immer wieder aufkommende und endlose Diskussionen über die gleichen Dinge sollten allerdings vermieden werden. Die Community muss hier eine angemessene Balance zwischen dem Aufwärmen von ausdiskutierten Themen und wirklich lohnenswerten finden, was bei manchen hartnäckigen Vertretern gewisser Standpunkte eine nicht gerade leichte Aufgabe darstellt (vgl. ebd., S. 105).

Polling and Voting


Da das Übereinstimmen einen komplexen Prozess darstellen kann, wird manchmal, vor allem bei einer Community von dieser Größenordnung, der Ruf nach „polling“ (Reagle 2010, S. 110) laut. „Polls“ kommen bereits zum Einsatz, wenn z.B. langwierige Diskussionen zu keinem Konsens geführt haben, aber eine klare Entscheidung notwendig erscheint. Die Community listet dann einzelne Positionen mit Erklärungen (unter Punkten wie Ablehnen, Akzeptieren usw.) auf, die dann in weiteren Diskussionen und Kommentaren enden sollen. Somit soll der Prozess der Entscheidungsfindung unterstützt, aber keinesfalls ersetzt werden (vgl. Wikipedia:Polling is not a Substitute for Discussion, auch “Voting is evil” genannt). Obwohl eine Abstimmung für Laien manchmal als angemessen erscheint, hat sich die Wikipedia Community, aus den anfangs erwähnten Gründen, bisher dagegen entschieden (für weitere Diskussionen zu diesem Thema, vgl. Reagle 2010, S. 110-114). Das Vertrauen der Community in „good faith“ und die Tatsache, dass Entscheidungen über einen Konsens getroffen werden sollen, lassen darauf schließen, dass sie langfristig auf das menschliche Urteilsvermögen setzt (vgl. ebd., S. 115).

Entscheidungsträger und Autoritäten in der Community


Reagle erwähnt, dass der „need for »dictatorship«“ (ebd., S. 130) durch die Schwierigkeit der Entscheidungsfindung in großen, freiwilligen und auf Konsens basierten Communities aufkommt (vgl. ebd., S. 129f.). Ein Moderator wird als notwendig erachtet, um Angriffen auf die Wikipedia (wenn z.B. Leute mit bösen Absichten handeln), entgegenzuwirken. Hierbei ergeben sich jedoch immer wieder Diskussionen über die „editorial authority“ (ebd., S. 131). Obwohl eigentlich jeder editieren kann, verweisen manche Äußerungen der Community darauf, dass Wales letztendlich der „Chefredakteur“ ist (vgl. für diese Debatten Reagle 2010, S. 131ff.).

Häufig wird der „Führer" einer „open content community“ als „benevolent dictator“ (ebd., S. 129) (= wohlwollender Diktator) bezeichnet. Im Kontext der Wikipedia wird hier auf Wales verwiesen. Dieser lehnt die Zuschreibung als „benevolent dictator“ übrigens ab und bringt sich eher mit einer konstitutionellen Monarchie in Verbindung. Er artikuliert eine Mischform von Führungstypen: den autokratischen (Entscheidungen vom Anführer allein), den beratenden (Problem wird mit der Gruppe und deren Informationen geteilt, bevor die Entscheidung allein getroffen wird) und den übertragenden (Problem wird geteilt, Ideen akzeptiert, Anführer akzeptiert die Lösung der Gruppe) (vgl. ebd., S. 133).

Trotz der auf guten Absichten beruhenden Wikipedia-Kultur, dem auf Gleichheit beruhenden Ethos und der Offenheit ist die Wikipedia von auktorialer Führung gezeichnet. Ein „benevolent dictator“ fungiert zur behutsamen Anleitung der Community, um in internen Streitigkeiten zu vermitteln und das Projekt gegen diejenigen zu verteidigen, die in böser Absicht handeln. Wenn diese Verantwortung von einer Person nicht mehr gedeckt werden kann, werden neue Verantwortlichkeiten und Autoritäten entstehen (vgl. ebd., S. 134f). Sobald die Autorität der Führenden das gewährte Vertrauen überschreitet, bekommen sie es schnell mit der Community zu tun. Daher ist es für Führende am besten, wenn sie umsichtig vorgehen und nur wichtige Ergänzungen vornehmen (vgl. Pscheida 2010, S. 341).

Aktuelle Herausforderungen für die Wikipedia


Die oben bereits erwähnte Editorenumfrage 2011 von der Wikimedia Foundation liefert zahlreiche interessante Ergebnisse, aus denen die Community Schlüsse ziehen sollte. Zwei besonders wichtige Aspekte sollen abschließend etwas genauer betrachtet werden.

Männerdominanz


Die Anzahl der weiblichen Autoren steigt zwar bei den Neuregistrierungen an, dennoch sind nur 8,5% aller Wikipedianer weiblich. Dieses Ungleichgewicht soll strategisch (z.B. durch vereinfachte Werkzeuge für die Editierfunktionen) angegangen werden, um die Kluft zwischen den Geschlechtern zu verkleinern. Es liegt zudem an der gesamten Community, sicherzustellen, dass mehr weibliche Wikipedianer positive Interaktionen haben und somit mehr Frauen als aktive Wikipedianer gewonnen werden können. Probleme mit einem rauen Umgangston unter den Beteiligten sind damit aber leider noch nicht gelöst (siehe hierzu z.B. Haber 2012, S. 267). Bisher editierten Frauen während ihrer aktiven Zeit übrigens weitaus weniger als Männer (vgl. Wikimedia Foundation 2011: Editorenumfrage, S.4f.; 21-24).

Autorenschwund


Die Editor Trends Study hat den Trend einer abflachenden Beteiligung in allen Projektsprachen festgestellt. Vermutungen wurden angestellt, dass „edit wars“, Rückversetzen der Artikel in den vorigen Zustand, und die Verbitterung unter den Editoren zu dieser Abnahme beigetragen haben (vgl. ebd., S. 4f.). Zwar haben die meisten Editoren ein positives Bild von ihren Gleichgesinnten, jedoch wurden auch einige negative Interaktionen gemeldet. Solche führen dazu, dass die Beteiligung in Zukunft sinkt. Deshalb liegt es an der Community, vor allem positive Interaktionen, wie die Hilfsbereitschaft gegenüber anderen, zu verstärken. Durch die Erstellung einer vereinfachten Werkzeugauswahl soll Anerkennung durch positives Feedback leichter ausgedrückt werden können. Diese Art der positiven Verstärkung kann dem Autorenschwund entgegenwirken, da 78% der befragten Autoren aussagten, dass sie bei positivem Feedback länger motiviert sind und dabei bleiben (vgl. ebd., S. 26). Das Erreichen einer positiven Umgebung innerhalb der Community würde Editoren unterstützen und Neulinge ansprechen (vgl. ebd., S. 4f.).

Einen weiteren Denkanstoß zum Autorenschwund liefert der Verfasser eines Blogeintrags, nämlich die Selbstherrlichkeit von einigen Administratoren. Es wird eine „geschlossene Gesellschaft“ beschrieben, in der das Interesse der Autoren gegensätzlich zu manchen Vorstellungen der Administratoren („Problem-Admins“) ist. Viele Admins fühlten „sich als Herr im Haus“ und wer etwas gegen sie sagte, wurde gesperrt (vgl. Falke 2013a). Interessant ist auch der Bezug zur Wikipedia-Machtstruktur, die unter anderem eine „Herrschaft der Verdienten“ (ebd.) aufzeigt, in der besonders engagierte Benutzer üblicherweise zum Admin berufen werden. Admin-Entscheidungen müssen auf den Richtlinien der Wikipedia beruhen. Eine hierbei aufkommende Kritik bemängelt, dass es an Instanzen fehle, die darüber entscheiden, ob die einzelnen Entscheidungen der Admins im Sinne der Wikipedia-Richtlinien getroffen wurden.

Dabei ist der Großteil der Admins nicht anzuprangern. Dennoch hemmen immer wieder umstrittene Löschungen oder Sperrungen Neulinge an der Mitarbeit in der Wikipedia. Falke schlägt die Einführung eines Gremiums oder sogar einer Verfassung vor, die Wikipedia fairer, demokratischer und damit attraktiver machen könnte (vgl. ebd.).

Paid Editing


Ein ebenfalls vielfach diskutiertes Thema ist das sogenannte „paid editing“ (engl. to pay = bezahlen; editing = die Bearbeitung). Da Wikipedia häufig als erste Anlaufstelle bei der Informationssuche dient, gibt es zahlreiche Unternehmen, die Inhalte in der Wikipedia überwachen lassen oder bezahlte Schreiber dazu veranlassen, maßgeschneiderte Artikel für das Unternehmen zu verfassen. Rechtlich gesehen dürfen Unternehmen unter Angabe von Quellen Beiträge erstellen oder ergänzen. Voraussetzung ist allerdings, dass dies unter Nennung des Unternehmens und nicht anonym erfolgt. Wirtschaftswerbung als Teil der Meinungsfreiheit ist somit erlaubt, Schleichwerbung allerdings ausgeschlossen. Um für die nötige Transparenz zu sorgen, arbeiten viele Unternehmen mit verifizierten Benutzern. Für diese ist es wichtig, die Grundsätze der Wikipedia zu beachten, da die Community ansonsten sehr schnell einschreitet (vgl. Falke 2013b: „Wie „Paid Editing“ die Wikipedia verändert“, siehe auch Wikipedia:PaidEditing (policy)).

“Since no one is being paid, the energetic and occasional contributors happily coexist in the same ecosystem” (Shirky 2008, S. 121). Diese Aussage von Shirky zeigt, dass mit den bezahlten Profischreibern neue Konflikte innerhalb der Community entstehen. Die Mehrheit der Community setzt aber auf Kooperation, da sich das paid editing aufgrund der Offenheit des Systems ohnehin nicht verbieten lässt. Als Chance wird z.B. das Liefern von Bildern und Daten gesehen, die anderweitig nicht verfügbar wären. So könnte beispielsweise unter Beachtung der Grundsätze (NPOV usw.) eine höhere Qualität der Artikel erzielt werden. Kritische Stimmen reden davon, dass die Glaubwürdigkeit der Wikipedia unter den paid edits leiden könnte, wenn auf längere Sicht gesehen freiwillige Autoren aufgrund solcher Konflikte die Wikipedia verlassen und der Großteil der Community dann nur noch aus bezahlten Schreibern bestehen würde (vgl. Falke 2013b; in diesem Blogeintrag werden noch weitere Vor- und Nachteile angeführt).

Das paid editing ist nicht mehr aufzuhalten. Die Glaubwürdigkeit der Online-Enzyklopädie darf dadurch aber nicht auf der Strecke bleiben. Unternehmen müssen auf werbliche Aussagen verzichten und mit lexikalischen Informationen arbeiten. Das Einhalten der Grundsätze ist auch für die bezahlten Schreiber essentiell, da ihre Änderungen ansonsten rückgängig gemacht werden. Inwiefern es Profis gelingt, im Sinne ihres Auftraggebers zu handeln und sich gleichzeitig als Teil der Community zu verstehen, bleibt spannend (vgl. ebd.). Als Problem empfindet Falke nicht die bezahlten Schreiber, sondern das drohende Ungleichgewicht, das durch den Autorenschwund entsteht (vgl. ebd.).

Abschließend lässt sich sagen, dass die Community immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert sein wird. Es bleibt spannend zu sehen, wie sie sich in Zukunft weiterentwickelt und mit internen Problemen umgeht.

Hinweis: Weitere interessante Beiträge zu Themen rund um die Wikipedia Community (und ihre Herausforderungen) liefert der Wiki-Watch-Blog.

Literatur


Fiebig, Henriette (2006): Wikipedia - schöner Schein und nichts dahinter? Über die inhaltliche Zuverlässigkeit der Wikipedia-Artikel und Folgerungen für den Unterricht. In: Log in, 26. Jg. (2006), Heft 141/142, S. 83-86.

Haber, Peter (2012): Wikipedia. Ein Web 2.0-Projekt, das eine Enzyklopädie sein möchte. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 63. Jg. (2012), Heft 5/6, S.261-270

Jaschniok, Meike (2007): Wikipedia und ihre Nutzer. Zum Bildungswert der Online-Enzyklopädie. Marburg: Tectum-Verl.

Pscheida, Daniela (2010): Das Wikipedia-Universum. Wie das Internet unsere Wissenskultur verändert. Bielefeld: transcript.

Reagle, Joseph Michael (2010): Good faith collaboration. The culture of Wikipedia. Cambridge, Mass: MIT Press.

Richardson, Will (2011): Wikis, Blogs und Podacsts. Neue und nützliche Werkzeuge für den Unterricht. Überlingen: TibiaPress.

Shirky, Clay (2008): Here comes everybody. The power of organizing without organizations. New York: Penguin Press.

Stegbauer, Christian (2007): Die Bedeutung positionaler Netzwerke für die Sicherstellung der Online-Kooperation: Das Beispiel Wikipedia. In: Medien + Erziehung, 51. Jg. (2007), Heft 6, S.59-72

Wikimedia Foundation (2011): Editor Survey, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Editor_Survey_Report_-_April_2011.pdf

Blogs

Falke (2013a): “Mehr Demokratie wagen: warum Wikipedia Reformen braucht“, http://blog.wiki-watch.de/?p=1759 [zuletzt eingesehen am 03.03.13]

Falke (2013b): „Wie »PaidEditing« die Wikipedia verändert“, http://blog.wiki-watch.de/?p=1842 [zuletzt eingesehen am 03.03.13]

mk (2011): „Einblicke in eine Männerwelt: Die Ergebnisse der Wikipedia-Autorenstudie 2011 zeigen Probleme der Diskussionskultur und die Dominanz des Englischen“, http://blog.wiki-watch.de/?p=1297 [zuletzt eingesehen am 03.03.13]

mk (2012): „Nach der Wikimania 2012: Wie kann Wikipedia nur ein wenig weiblicher werden?“, http://blog.wiki-watch.de/?p=1535 [zuletzt eingesehen am 03.03.13]

Dienstag, 16. Oktober 2012

Wikipedia in der Schule

Der folgende Beitrag skizziert zum einen eine Unterrichtseinheit zum Thema Wikipedia, um die Schüler für einen sinnvollen Umgang mit der Online-Enzyklopädie zu sensibilisieren, zum anderen soll er Lehrern/innen (im Folgenden wird zur Vereinfachung von „Lehrern“ gesprochen) Anstöße geben, wie sie ihren Unterricht zum Thema Wikipedia gestalten können. Es soll gezeigt werden, dass man durchaus mit Wikipedia im Unterricht arbeiten kann und dass Wikipedia mehr ist als ein „monströser Spickzettel“ (Spiegel Online zum Thema Wikipedia im Unterricht).

Das Web 2.0 hat die Suche nach Informationen revolutioniert. Früher musste man in Büchern und Lexika nachschlagen und heute googelt man. In vielen Fällen verweist Google einen dann zu Wikipedia. Bereits Schüler/innen (im Folgenden wird zur Vereinfachung von „Schülern“ gesprochen) der unteren Jahrgangsstufen nutzen Wikipedia als Informationsquelle. Doch wissen die Schüler überhaupt, was Wikipedia ist? Die meisten von ihnen werden den Begriff Online-Enzyklopädie schon einmal gehört haben. Aber wissen sie, wie die Artikel zustandekommen, dass diese aktualisiert werden können (und müssen), um auf dem aktuellen Stand zu bleiben, dass man darauf achten muss, wie seriös bzw. korrekt die Informationen sind, die uns Wikipedia liefert, und dass man der Wikipedia nicht blind vertrauen darf (vgl. Spiegel Online zum Thema Wikipedia im Unterricht)?

Immerhin steht Wikipedia an dritter Stelle, was die Informationssuche im Netz angeht, und wird von 37 Prozent der Jugendlichen mehrmals pro Woche aufgesucht, wie die JIM-Studie 2011 zeigt.
Um den Schülern den richtigen Umgang mit Wikipedia näher zu bringen, ist es also durchaus notwendig, eine entsprechende Unterrichtseinheit durchzuführen. Dies soll jedoch nicht durch lehrerzentrierten Unterricht erfolgen, sondern durch die praktische Arbeit mit Wikipedia.

Folgende Lernziele sollen dabei erreicht werden: Die Schüler sollen lernen, dass
  • Wikipedia als Einstiegsquelle in ein Thema bestens geeignet ist,
  • man neben Wikipedia weitere Quellen nutzen sollte bzw. muss,
  • man Wikipedia nicht blind vertrauen darf,
  • manche Artikel verbesserungswürdig sind.
Zur Umsetzung und zum Erreichen dieser Lernziele ist eine Gruppenarbeit besonders geeignet, bei der die Schüler ihre Informationen selbständig einholen. Die Schüler können dabei voneinander profitieren, da die weniger Erfahrenen, was Online-Recherche angeht, von denjenigen profitieren können, die sich damit schon besser auskennen. Die Klasse wird dafür in 4 bis 5 Gruppen (je nach Klassengröße) aufgeteilt, und jede Gruppe bearbeitet ein eigenes Thema.

Die Gruppenarbeit besteht nun aus drei Teilen. Im ersten Teil soll das Thema erarbeitet werden, im zweiten Teil geht es um die Reflexion der Recherche, der dritte Schritt wird sein, eine Art Mindmap für den Umgang mit Wikipedia zu gestalten. 

Teil 1:
Hierbei geht es schlicht um die Erarbeitung des Themas mit anschließender Präsentation. Es steht den Schülern frei, ob sie es per Vortrag mit Folien, anhand einer Powerpoint-Präsentation oder auf einem Poster mit detaillierten Quellenangaben präsentieren. Für das Fach Gemeinschaftskunde/Politik in der Sekundarstufe 1 kämen dabei beispielsweise folgende Themen in Frage:
  • Das Wahlsystem des Bundestags und seine Aufgaben
  • Die Wahl der Verfassungsrichter und die Aufgaben des Bundesverfassungsgericht
  • Die Wahl des Bundespräsidenten und seine Aufgaben
  • Der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung Deutschland
  • Die Finanzkrise in der EU
  • etc.
Es muss dann natürlich eine genaue Fragestellung erfolgen, damit die Schüler wissen, welche Punkte ihres Themas relevant sind. Beim Thema Bundestag könnte man bspw. nach seinem Aufbau, nach seinen Aufgaben, nach der Arbeitsweise des Parlaments oder nach dessen Wahlsystem fragen.

Für die Bearbeitung dieser Themen darf allerdings nicht ausschließlich Wikipedia verwendet werden. Vorgabe ist es, dass neben Wikipedia mit mindestens zwei weiteren Quellen gearbeitet wird – eine davon muss in gedruckter Form vorliegen. Die Nutzung weiterer Quellen – seien sie online oder offline – ist natürlich möglich. Teil der Aufgabe ist es, sich widersprechende Informationen – sofern die Schüler bei ihrer Recherche solche finden sollten – in ihrer Präsentation zu erwähnen und nicht unter den Tisch fallen zu lassen. Die Recherche-Arbeit wird nicht zu Hause, sondern ausschließlich im Computerraum der Schule und in der Schulbibliothek stattfinden. Die Ausarbeitung der Präsentationen erfolgt als Hausaufgabe. Dabei müssen die Schüler unter sich ausmachen, wer welchen Teil der Arbeit übernimmt.

Es geht dabei also zunächst einmal um das allgemeine Recherchieren zu einem bestimmten Thema oder Sachverhalt.
„Wikipedia ist oft Start einer Recherche. Um das zu nutzen und zu erweitern, sollen Schülerinnen und Schüler zu einem Thema in der Wikipedia recherchieren. In einem zweiten Schritt sollen sie Informationen finden (online und offline), die im Wikipedia-Artikel noch nicht enthalten sind. Hierbei lernen die Schülerinnen und Schüler Alternativen zu Wikipedia kennen, indem sie beispielsweise Internetsuchmaschinen und bibliothekarisch gepflegte Kataloge nutzen“ (Klicksafe - Wie setzt man Wikipedia im Unterricht ein?).

In den meisten Fällen kommen die Schüler gar nicht erst über den ersten Schritt hinaus und vergleichen Wikipedia mit anderen Quellen.
„Wenige Schüler wissen, dass praktisch jeder Einträge bearbeiten oder gar neu hinzufügen kann. Viele Schüler halten Wikipedia für ein Unternehmen, das Profi-Schreiber beschäftigt. Aus dem Irrglauben folgt oft grenzenloses Vertrauen. "Ich übernehme die Fakten, schreibe das aber um, damit der Stil nicht auffällt", erklärt der 17-jährige Toran - "das heißt, ich muss den Stil verschlechtern" (Spiegel Online zum Thema Wikipedia im Unterricht).
Hierzu noch ein interessanter Beitrag über die Korrektheit von Wikipedia-Artikeln: SF VideoPortal - Wikipedia-Gründer erhält den Gottlieb-Duttweiler-Preis

Bringt man die Schüler dazu, dass sie erkennen, welchem Irrglauben sie bislang aufgesessen sind, wenn sie mit Wikipedia gearbeitet haben, hat man als Lehrer bereits viel erreicht. Doch dies ist nur der erste Schritt.

Nachdem sich die Schüler nun anhand Wikipedia einen ersten groben Überblick über ihr Thema verschafft haben, soll es im weiteren Verlauf darum gehen, mit weiteren Quellen wie Bibliothekskatalogen, Suchmaschinen oder anderen Offline- und Online-Diensten ihr Thema zu vertiefen (vgl. Stöcklin 2010, S. 64 f.).
Doch was heißt vertiefen? Es gibt natürlich unterschiedliche Erkenntnisse, die bei der Arbeit mit weiteren Quellen entstehen können. Die Informationen können mit denen von Wikipedia übereinstimmen, können sie ergänzen oder können ihnen völlig oder teilweise widersprechen. Im Hinblick auf die Lernziele wäre es natürlich am Besten, wenn die Ergebnisse der vertiefenden Recherche nicht mit dem Recherchierten von Wikipedia übereinstimmen. Dann kommt bei den Schülern nämlich die Frage auf, warum die Informationen nicht übereinstimmen, oder es passt ihnen nicht, dass ihre Recherche nun komplizierter wird, als zunächst angenommen, weil man einander widersprechende Informationen hat. Auf jeden Fall werden die Schüler zum Nachdenken animiert. Diese Widersprüche können folgende Gründe haben:

1. Fehlerhafte Informationen
Die Fehler können - wie die folgende Grafik zeigt - wissentlich oder unwissentlich entstehen (vgl. Stöcklin 2010, S. 85).
2. Fehlendes Expertenwissen
„Der Hauptnachteil digitaler Lexika ist freilich, dass Themen, die Expertenwissen benötigen oder gar umstrittene wissenschaftliche oder politische Diskussionsstände darstellen sollen, in keiner Weise verlässlich sind. Das liegt nicht am bösen Willen der Autoren. Und es liegt auch nur zum Teil an der Anonymität der Autorschaft (die ist in Lexika gar nichts Revolutionäres). Es ist schlicht für Laien nicht möglich, hier angemessene Beiträge zu formulieren“ (Philosophieprofessorin Petra Gehring auf die Frage nach Nachteilen digitaler Lexika).
3. Mangelnde Aktualität und der Fluss der Inhalte
Viele Informationen in Wikipedia sind aktuell. Jedoch besteht bei Nischenthemen die Gefahr, dass die Informationen veraltet sind. Die Versionsgeschichte der Wikis gibt Auskunft darüber, wann und an welchen Stellen die letzte Überarbeitung stattfand. Um nicht in die Falle der mangelnden Aktualität von Wikis zu tappen, ist es ratsam, sich beim Zitieren von Inhalten direkt auf eine Version mit Datums- oder Zeitangaben zu beziehen, da diese meistens stabil sind und sich nicht ändern (vgl. Stöcklin 2010, S. 105 ff.).

4. Manipulation und Vandalismus
„Für uns Konsumenten ist es nicht einfach, Manipulationen zu entdecken. Letztlich können alle Medien manipuliert werden. Die Wikipedia ist eine besonders beliebte Zielscheibe. Ihre Inhalte werden erstens häufig gelesen, und sie können zweitens einfach geändert werden“ (Stöcklin 2010, S. 92).
Genau wie bei dem Problem der fehlerhaften Informationen handelt es sich auch hier um Falschaussagen. Der Unterschied ist nur, dass der Leser hier bewusst manipuliert werden soll.

5. Neutraler Standpunkt und mangelnde Objektivität
„Der Neutrale Standpunkt (neutrale Sichtweise; engl. Neutral Point Of View, kurz NPOV) ist eines der vier unveränderlichen Grundprinzipien der Wikipedia. Der Neutrale Standpunkt dient dazu, Themen sachlich darzustellen und den persönlichen Standpunkt des Wikipedia-Autors aus Wikipedia-Artikeln herauszuhalten. Um das zu gewährleisten, werden Artikel quellenbasiert, im Gesamten ausgewogen und möglichst objektiv verfasst [...]. Die Einhaltung des Neutralen Standpunkts gilt als Voraussetzung eines guten Wikipedia-Artikels“ (Wikipedia - neutraler Standpunkt).
Auf unsere Unterrichtseinheit bezogen muss man diese Punkte natürlich ein wenig relativieren. Fehler können sich überall einschleichen, die Aktualität ist vor allem bei präsenten Themen und dem immer schneller werdenden Fluss der Informationen ein generelles Problem und die Themen, welche die Schüler bearbeiten, sind in der Regel nicht so komplex, dass unbedingt Fachwissen von Experten nötig ist, um sicherzustellen, dass die Informationen korrekt sind.

Auf jeden Fall stehen die Schüler nun vor dem Problem – unter der Voraussetzung, dass sich die gefundenen Informationen widersprechen –, wie sie die verschiedenen Recherche-Ergebnisse für ihre Präsentation in Einklang bringen. Sie könnten die verschiedenen inhaltlichen Ergebnisse zu einem Thema gegenüberstellen oder am Ende ihrer Präsentation zu einer Diskussion anregen. Sollte die eine oder andere Gruppe, oder im „Extremfall“ alle Gruppen, keine Informationen finden, die es nötig machen, den Wikipedia-Artikel auf seine Korrektheit und Aktualität hin zu überprüfen, ist dies zwar nicht optimal zum Erreichen der oben genannten Lernziele, jedoch ist es auch kein Punkt, der die geplante Unterrichtseinheit zunichte macht.

Die Gruppen präsentieren der Klasse nun ihre Ergebnisse. Anschließend wird – wie häufig bei einer Präsentation – reflektiert, was sowohl inhaltlich als auch beim Vortragen gelungen ist und an welchen Stellen noch Verbesserungsbedarf besteht. Haben alle Gruppen präsentiert, folgt Teil zwei der Gruppenarbeit. 

Teil 2:
Hier erfolgt nun der Rückblick auf das Erarbeiten des Themas und das Recherchieren. Das Reflektieren soll dazu dienen, um zu erkennen, dass man den Inhalt von Wikipedia und auch von anderen Quellen immer kritisch hinterfragen sollte. Außerdem soll die Erkenntnis gewonnen werden, dass Wikipedia als Einstiegsquelle in ein Thema geeignet ist, man aber für die vertiefende Suche weitere Quellen hinzuziehen sollte. Hierfür bekommt jede Gruppe einen Fragenkatalog, der ihnen helfen soll, ihre Gruppenarbeit zu reflektieren, und an dem sich die Schüler orientieren sollten. Dabei notiert jede Gruppe ihre Erkenntnisse auf einem Plakat und präsentiert diese der Klasse. Die Plakate werden dann mit Magneten vorläufig an der Tafel befestigt, damit sie während der kompletten Ergebnisbesprechung sichtbar sind.

Folgende Aspekte sollte man bei dem Erstellen der Fragen beachten (Woran erkennt man einen guten Wikipedia-Artikel?):
  • Stil und Sachlichkeit
  • Neutralität
  • Glaubwürdigkeit
  • Quellennachweise
  • Aufbau/Struktur
  • Entstehung eines Artikels
Weitere Denkanstöße und Orientierungshilfen für Lehrer, um einen solchen Fragenkatalog zu erstellen, finden sie hier:
Vor- und Nachteile eines Wikis (1)
Vor- und Nachteile eines Wikis (2)
Nando Stöcklin: Wikipedia clever nutzen

Als weiteren Arbeitsauftrag neben der Reflexion der Recherche bietet es sich an, den Schülern eine Art „Überprüfungshilfe“ für Wikipedia-Artikel an die Hand zu geben.
Denn „Wikipedia-Artikel haben unterschiedliche Qualität. Versionsgeschichte, Diskussionsseiten etc. helfen aber, die Verlässlichkeit eines Artikels einzuschätzen. Der kostenlose Dienst Wikibu für die deutschsprachige Wikipedia bietet dabei Unterstützung. Wikibu analysiert die Artikel automatisch anhand mehrerer Kriterien und liefert Anhaltspunkte zur weiteren Überprüfung durch die Nutzenden der Wikipedia. Wikibu ist speziell für den Einsatz in den Schulen gedacht und soll die kompetente Nutzung der Wikipedia als Teil der Informationskompetenz fördern."
Zudem finden sich auf Wikibu viele weitere Vorschläge und Anregungen, wie man Wikibu sinnvoll in den Unterricht einbinden kann.

Ein weiterer Anbieter, mit dem man die Qualität von Wikipedia überprüfen kann, ist Wiki-Watch. Dieser Anbieter ist jedoch im Gegensatz zu Wikibu nicht speziell für den Einsatz in Schulen entwickelt worden und bietet neben der Einstufung von Artikeln bezüglich ihrer Qualität weitere Dienste an. Hier finden sich bspw. Nutzungsstatistiken, Richtlinien und Grundprinzipien von Wikipedia, und man kann sich informieren, wenn man bei Wikipedia mitmachen möchte.

Für den Schulunterricht bietet sich jedoch Wikibu an, da es eigens hierfür entwickelt wurde. Die Startseite ist ähnlich wie diejenige von Google, was die Anwendung für die Schüler einfacher machen dürfte, da Google den meisten vertraut ist. Außerdem bietet Wikibu eine detaillierte Bewertung der Artikel, die dem Niveau der Schüler entspricht. Zusätzlich sind Verlinkungen zu Autoren, Versionsgeschichte und zur Diskussionsseite vorhanden. Hier ein Beispiel zu einem Artikel über die Deutsche Wiedervereinigung.

Neben diesen beiden Kontrollwerkzeugen gibt es noch eine weitere Möglichkeit der Qualitätsprüfung der Artikel. Die sogenannten Wikipedia Bewertungsbausteine. Mit deren Hilfe kann man ebenfalls die Qualität eines Artikels einschätzen. An ihnen lässt sich erkennen, ob ein Artikel einen Mangel oder Schwachstellen aufweist, ob er sachlich und neutral geschrieben ist oder ob er besonders lesenswert ist.

Auf der Basis all dieser Kriterien und Hilfsmitteln zur Überprüfung von Wikipedia-Artikeln könnte ein Arbeitsblatt für die Schüler folgendermaßen aussehen:


Der Umfang und das Niveau der Fragen können variieren und müssen an die Klasse angepasst werden. Es notiert nun jede Gruppe ihre Erkenntnisse auf einem Plakat und präsentiert diese der Klasse. Die Plakate werden dann mit Magneten vorläufig an der Tafel befestigt, damit sie während der kompletten Ergebnisbesprechung sichtbar sind. 

Teil 3:
Nun geht es darum, das bis hierhin Erarbeitete anhand von Regeln bzw. einem Leitfaden für den Umgang mit Wikipedia festzuhalten. Dies erfolgt nun in Form eines Posters, das im Klassenzimmer aufgehängt wird, und jeder Schüler erhält zusätzlich eine Regelliste oder einen „Wikipedia-Führerschein“, wo er nachschauen kann, wenn er nicht in der Schule ist. Folgender Leitfaden könnte als Orientierung oder Vorlage für solch ein Regelwerk dienen: Leitfaden für den Umgang mit Wikipedia.

Die Erarbeitung des Führerscheins erfolgt nun gemeinsam an der Tafel. Der Lehrer hängt dafür den leeren Wikipedia-Führerschein als Poster mit den drei wichtigsten Punkten, die man beim Umgang mit Wikipedia beachten sollte, an die Tafel. Jeder Schüler erhält diesen Blanko-Führerschein im Din-A4 Format. Anhand dieser Vorlage wird nun gemeinsam erarbeitet, was alles in den Führerschein kommt. Der Lehrer notiert die Beiträge der Schüler auf dem Poster an der Tafel und die Schüler tragen diese auf ihrem eigenen Führerschein ein.


Für solch eine Unterrichtseinheit sollte man mehrere Wochen einplanen. Im Normalfall stehen bei Klassenstufe 8 – 10 für das Fach Gemeinschaftskunde/Politik nicht mehr als eine Doppelstunde (= 90 Minuten) pro Woche auf dem Stundenplan. Hier hat man im Vergleich zu anderen Fächern wie Mathe, die mehrmals in der Woche unterrichtet werden, das Problem, dass die Stunden immer eine Woche auseinanderliegen. Das heißt, die Schüler müssen sich quasi jede Stunde neu in ihr Thema einarbeiten, was natürlich eine Menge Zeit kostet.

Die zeitliche Gliederung für solch eine Unterrichtsskizze könnte wie folgt aussehen:
  • Teil 1: Erarbeitung des Themas und Präsentation; ca. 3,5 Doppelstunden (= 315 Minuten)
  • Teil 2: Reflexion der Recherche-Arbeit und Präsentation; ca. 2 Doppelstunden (= 180 Minuten)
  • Teil 3: Erstellen der Regelliste; ca. 2 Doppelstunden (= 180 Minuten)
Es macht durchaus Sinn, den Zeitrahmen etwas großzügiger zu gestalten, denn die Recherche-Arbeit soll ja effektiv und vertiefend sein und nicht nur oberflächlich. Rechnet man noch eine Schulstunde (= 45 Minuten) als Puffer mit ein, kommt man auf 8 Doppelstunden, die man für diese Unterrichtseinheit benötigt. In der Regel sind es sechs oder sieben Unterrichtswochen zwischen den Ferien. Bei dieser Gliederung ist es also gar nicht möglich, dieses „Projekt“ am Stück und ohne große zeitliche Unterbrechung durchzuführen. Es handelt sich jedoch um ein ausführliches und wichtiges Thema, dem man durchaus etwas mehr Zeit einräumen sollte, da Wikipedia als Informationsquelle immer wichtiger wird und die Schüler deshalb auf diese Art des Lernens vorbereitet werden sollten.


Literaturverzeichnis:

Grogg Nadja/Luber Sarah/Schreiner Annina: Vor- und Nachteile eines Wikis – http://www.learning-in-activity.com/index.php?title=Vor-_und_Nachteile_eines_Wikis

Grogg Nadja/Luber Sarah/Schreiner Annina: Vor- und Nachteile eines Wikis – http://www.learning-in-activity.com/images/6/6d/Praes11.pdf

JIM-Studie 2011. Jugend, Information, (Multi-)Media – http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf11/JIM2011.pdf

Klicksafe.de. EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz: Wie setzt man Wikipedia im Unterricht ein? – http://www.klicksafe.de/themen/suchen-recherchieren/wikipedia/wie-setzt-man-wikipedia-im-unterricht-ein/

Klicksafe.de. EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz: Wie setzt man Wikipedia im Unterricht ein? – http://www.klicksafe.de/themen/suchen-recherchieren/wikipedia/woran-erkennt-man-einen-guten-wikipedia-artikel/

Leitfaden für den Umgang mit Wikipedia - https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0b/Leitfaden_für_den_Umgang_mit_Wikipedia.pdf

Menke Birger: Für Lehrer ist Wikipedia ein rotes Tuch. In: Spiegel Online (2009) – http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/lexikonmacher-auf-schultournee-fuer-lehrer-ist-wikipedia-ein-rotes-tuch-a-615029.html

Prüwer Tobias: Ich rate meinen Studierenden ab. In: Wikipedia: Ein kritischer Standpunkt (2010) – http://www.cpov.de/?p=365

Stöcklin Nando (2010): Wikipedia clever nutzen – in Schule und Beruf. Zürich Verlag: Orell Füssli

Wikibu – http://wikibu.ch/

Wikipedia-Gründer erhält den Gottfried-Duttweiler-Preis. In: SF VideoPortal (2011) –
http://www.videoportal.sf.tv/video?id=05c68b6a-790a-487f-b90b-2342cca300b1
 
Wikipedia: Bewertungsbausteine – http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Bewertungsbausteine

Wikipedia: Neutraler Standpunkt – http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:N

Wiki-Watch – http://www.wiki-watch.de

Mittwoch, 14. März 2012

Wikipedia Teil IX (Fazit): Ist Wikipedia eine zuverlässige Quelle?

Im Rahmen eines Projekts an der PH Ludwigsburg haben wir uns in den letzten Wochen intensiver mit der Online-Enzyklopädie Wikipedia beschäftigt. Den Ausgangspunkt unserer Überlegungen bildete die Frage, ob es gerechtfertigt ist, dass viele Lehrende an Schulen und Hochschulen Wikipedia ablehnen oder sogar verbieten. Unsere Vermutung war, dass dieser Umstand mit mangelndem Verständnis hinsichtlich des Web 2.0 im allgemeinen und der Enzyklopädie im besonderen erklärt werden kann. In einer Reihe von Postings haben wir deshalb versucht, Wikipedia und dessen Nutzung zu erläutern:

Wikipedia Teil I: Wie ist Wikipedia entstanden?
Wikipedia Teil II: Grundprinzipien der Wikipedia
Wikipedia Teil III: Weitere Regeln in der Welt der "freien Enzyklopädie"
Wikipedia Teil IV: Erfolgsfaktoren und Wikipedianer
Wikipedia Teil V: Motivation der AutorInnen
Wikipedia Teil VI: Wie schreibe ich einen Artikel?
Wikipedia Teil VII: Wie finanziert sich Wikipedia?
Wikipedia Teil VIII: Weitere Projekte der Wikimedia Foundation

Dieses abschließende Posting bilanziert unsere Arbeit, indem wir eine Antwort auf die Frage anbieten, ob Wikipedia eine zuverlässige Quelle ist. Alle Postings zusammen werden dann als neues Unterkapitel im Abschnitt Lernen 2.0 des Online-Lehrbuchs zum Web 2.0 veröffentlicht.

Ist Wikipedia eine zuverlässige Quelle?
"Kein anderes Social-Software-Projekt hat in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit, Bewunderung und Kritik erfahren wie die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Das große Interesse an der Wikipedia lässt sich nicht allein damit erklären, dass scheinbar aus dem Nichts innerhalb weniger Jahre die größte Enzyklopädie der Welt entstand. Aufsehen erregte vor allem, wie sie entstand: In der Wikipedia kann nicht nur jeder Benutzer eigene Artikel erstellen, sondern auch fremde Lexikoneinträge frei bearbeiten" (Ebersbach u.a. 2011, S. 55).
Jede/r kann mitschreiben an dieser Enzyklopädie. An diesem zentralen Erfolgsfaktor entzündet sich auch die immer wieder vorgebrachte Kritik: "Was soll schon rauskommen, wenn jeder schreiben kann, was er will!" Hinter dieser Kritik steht das tief verankerte Vorurteil, dass die Masse dumm sei. Als Kronzeugen werden in der Regel Charles Mackay (Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds, 1841) und Gustave Le Bon (Psychologie des Foules, 1895 – deutsch: Psychologie der Massen) aufgerufen. An Belegen scheint es nicht zu fehlen, die Geschichte bietet reichlich Anschauungsmaterial für dumme Massen (von Lynch-Mobs bis hin zu periodisch wiederkehrenden Spekulationsblasen an der Börse). Wikipedia kann demnach nicht gut sein, weil das Welt- und Menschenbild dies nicht zulässt.

"Massen" – Gruppen von Menschen – sind aber nicht per se dumm, ebenso wenig sind sie aber auch immer weise, wie Surowieckis These von der "wisdom of crowds" häufig missverstanden wird. In seinem Buch "The Wisdom of Crowds" gelingt es ihm zu zeigen, unter welchen Bedingungen Gruppen gute bzw. schlechte Entscheidungen treffen (siehe Seite "Weisheit der Vielen" im Online Lehrbuch zum Web 2.0). Und er weist auf einen Umstand hin, der hilft, die Widerstände gegen Wikipedia besser zu verstehen: "One of the striking things about the wisdom of crowds is that even though its effects are all around us, it’s easy to miss, and, even when it’s seen, it can be hard to accept" (Surowiecki 2005, S. XIV).

Der Erfolg von Wikipedia mag schwer zu akzeptieren sein – auch und gerade, wenn man Teil der traditionellen Wissenselite ist –, schwer zu verstehen ist er nicht: Ein ausgegebenes Ziel (das Wissen der Menschheit zu sammeln und frei zugänglich zu machen) hat sich als so attraktiv erwiesen, dass sich eine ausreichend große und heterogene Community zusammengefunden hat, um das Projekt in Angriff zu nehmen. Und bislang ist es gelungen, die Community bei der Stange zu halten. Dabei war sicherlich hilfreich, dass es sich um ein non-profit Projekt handelt, das sich ausschließlich über Spenden finanziert. Hinzu kommt, dass das eingesetzte Mittel (Wiki-Software) ausreichend einfach zu bedienen ist.

David Weinberger (2011, S. 168) bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: "The network of Wikipedians is bound together by shared enthusiasm, an ethos, and constitutional principles." Geht man der Frage nach, ob Wikipedia eine zuverlässige Quelle darstellt, verdienen die "constitutional principles" besondere Beachtung, die wir – ihrer Bedeutung entsprechend – ausführlich dargestellt haben (Wikipedia Teil II: Grundprinzipien der Wikipedia). Das erste der vier Grundprinzipien ist das wichtigste:

Wikipedia ist eine Enzyklopädie. Das scheint auf den ersten Blick banal zu sein, kann aber in seiner Bedeutung kaum überschätzt werden, wie in der Folge auszuführen sein wird. Außerdem hat die Tatsache, dass Wikipedia ein bekanntes Konzept – das der Enzyklopädie – aufgreift, wesentlich zum Erfolg beigetragen, weil sich dadurch (manche) Koordinierungsfragen erst gar nicht stellten, wie Clay Shirky (2008, S. 116) betont:
"Wikipedia, like all social tools, is the way it is in part because of the way the software works and in part because of the way the community works. Though wikis can be used for many kinds of writing, the early users were guided by the rhetorical models of existing encyclopedias, which helped synchronize the early work: there was a shared awareness of the kind of writing that should go into a project called Wikipedia. This helped coordinate the users in ways that were not part of the software but were part of the community that used the software."
Dass Wikipedia eine Enzyklopädie ist, hat zur Folge, dass es vieles andere nicht sein kann, etwa ein Wörterbuch, ein Forum für den Austausch von (wissenschaftlichen) Ideen oder Theorien, ein Nachrichtenportal usw. Zur Frage, was Wikipedia nicht ist, gibt es sogar eine eigene Seite auf Wikipedia. Für viele dieser anderen Zwecke hat die Wikimedia Foundation Schwesterprojekte wie Wikinews oder Wiktionary ins Leben gerufen (Wikipedia Teil VIII: Weitere Projekte der Wikimedia Foundation).

Zum Konzept der Enzyklopädie gehört weiterhin zwingend – und dabei handelt es sich um das zweite Grundprinzip der Wikipedia –, dass die Artikel möglichst neutral sein sollen. Dafür steht das zwischenzeitlich über die Reihen der Wikipedianer hinaus bekannt gewordene Kürzel NPOV ("neutral point of view"). Über die Einhaltung dieser Prinzipien (und weiterer Regeln beispielsweise hinsichtlich der Relevanz von Artikeln) wacht die Community. Sie ist der entscheidende Faktor, der in den gängigen Vorwürfen ("da kann jeder reinschreiben, was er will") ausgespart bleibt. Wikipedia funktioniert, weil und solange ausreichend viele Menschen Beiträge leisten UND weil und solange die Community dem Vandalismus Herr werden kann.

Vandalismus – der Missbrauch des Projekts – stellt die größte Bedrohung dar. Die Formen sind vielfältig: falsche oder einseitige Informationen, aus Dummheit oder zu PR-Zwecken (Wikipedia zählt zu den zehn am meisten besuchten Websites der Welt!). Die Community reagiert laufend auf diese Bedrohung und probiert neue Instrumente aus. So wurde etwa die Sichtung eingeführt. Das bedeutet, dass Bearbeitungen von Neulingen erst sichtbar werden, wenn sie gesichtet wurden und bei dieser Prüfung festgestellt wurde, dass es sich nicht um offensichtlichen Vandalismus handelt.

Diese und weitere Maßnahmen dienen der Qualitätssicherung und -steigerung, einem zentralen Ziel der Wikipedia. Schritt für Schritt werden die Ansprüche an die Artikel hochgeschraubt. Sichtbares Zeichen hierfür ist, dass zunehmend Belege für die Informationen beigefügt werden müssen. Wikipedia nähert sich damit immer mehr wissenschaftlichen Gepflogenheiten. Außerdem wurden Auszeichnungen eingeführt ("Lesenswerter Artikel", "Exzellenter Artikel"), die nicht nur zur Motivation der AutorInnen beitragen, sondern auch ausgesprochen hilfreich für Leser sind.

Die Frage, ob Wikipedia eine zuverlässige Quelle ist, kann also mit ja beantwortet werden, sofern dieses Lexikon auch als solches genutzt wird (z.B. als Einstieg in ein neues Thema und nicht als Ersatz für Fachliteratur). Denn "glücklicherweise gibt es [...] weit mehr Autoren, die richtige Informationen einstellen, als solche, die Fehler verbreiten" (Richardson 2011, S. 96). Die Zuverlässigkeit gilt uneingeschränkt für Artikel mit Auszeichnung. Sie wird im übrigen durch einschlägige Studien bestätigt (z.B. Giles 2005 oder Günderoth/Schönert 2007).

Bei "normalen" Artikeln müssen allerdings mehrere Aspekte beachtet werden. So kann nicht vollständig ausgeschlossen werden, dass man das Pech hat, einen Artikel zu lesen, der kurz zuvor von einem Vandalen heimgesucht wurde. Das heißt, dass neben dem Text des Artikels auch die Versionsgeschichte und gegebenenfalls die Diskussionsseite einbezogen werden muss, was – nebenbei bemerkt – beim Einstieg in ein Thema über das Aufspüren von Vandalismus hinaus sehr hilfreich sein kann. Im Unterschied zu herkömmlichen Lexika wird man sofort auf strittige Aspekte und Kontroversen aufmerksam, die ansonsten von typischen Lexikonformulierungen überdeckt werden.

"Wikipedia ist", so Stefan Münker (2009, S. 97), "tatsächlich mehr als ein bloßes Nachschlagewerk geronnenen Wissens: Sie ist, gerade auf den jeden Artikel begleitenden Diskussionsseiten, auch die Live-Dokumentation der Entstehung und des Wandels von Wissen; sie ist aber auch [...] aufgrund ihres Erfolges dafür verantwortlich, dass wir über den Begriff des Wissens selber neu nachdenken müssen!" Diesem überaus interessanten Aspekt werden wir uns ausgehend von dem neuen Buch von David Weinberger ("Too Big to Know") unter der Überschrift "Wissen 2.0" im kommenden Semester zuwenden...

Doch zurück zu Wikipedia und der Frage nach der Verlässlichkeit: Nutzt man die Online-Enzyklopädie angemessen, also beispielsweise
  • um sich einen groben Überblick über eine (neue) Thematik zu verschaffen (hier kann auch WikiMindMap sehr hilfreich sein, ein Dienst, der auf Wikipedia aufsetzt),
  • um Begriffe zu klären, bei denen es nicht um die zentrale Fragestellung der zu erstellenden Arbeit geht, sondern bei denen ein schnelles Nachlesen en passant genügt,
  • um weitere Quellen zu einem (neuen) Thema zu finden (Belege, Links),
  • um sich über aktuellere Entwicklungen zu informieren, die noch nicht in Fachbüchern zu finden sein können,
dann spricht nichts gegen den Einsatz von Wikipedia. Darüber hinaus wäre ein Wikipedia-Verbot schädlich, würde man sich doch einer vielversprechenden Chance berauben, im Unterricht oder in Seminaren im Sinne des Lernens 2.0 auf Wissen(sgenerierung) im Web 2.0-Zeitalter zu sprechen zu kommen. Wie kann web literacy besser vermittelt werden als anhand einer Auseinandersetzung mit einem Wikipedia-Artikel? Wo wird "Lernen als Prozess" anschaulicher? Kurz und gut: Man kann Wikipedia nicht nur nutzen, man sollte Wikipedia sogar nutzen, gerade in der Schule und an der Hochschule.

Dabei versteht sich von selbst, dass für Wikipedia das gleiche gilt wie für alle Quellen: Man sollte sich nie auf eine einzige Quelle verlassen, immer mehrere Quellen verwenden und diese kritisch prüfen. Für den Bereich wissenschaftlicher Arbeiten kann nur unterstrichen werden, was Christian Spannagel bereits 2006 in seinem Blog-Beitrag "Wikipedia als Quelle in wissenschaftlichen Arbeiten" geschrieben hat:
"Eine wichtige Voraussetzung wissenschaftlichen Arbeitens ist die Kenntnis der relevanten wissenschaftlichen Literatur (Fachbücher, Zeitschriften, Journalartikel usw.). Mit Hilfe einer Enzyklopädie (wie beispielsweise Wikipedia) kann man sich einen groben Überblick über ein Wissensgebiet verschaffen. Durch die Lektüre wissenschaftlicher Literatur eignet man sich detailliertes Expertenwissen an. Niemand wäre früher auf die Idee gekommen, nur den Brockhaus als Quelle beim Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten zu verwenden und stattdessen auf die Lektüre wissenschaftlicher Quellen zu verzichten. Es wird auch niemand ernsthaft behaupten wollen, dass man sich mit Hilfe eines Wikipedia-Artikels in ein wissenschaftliches Gebiet einarbeiten kann. Dafür hat Wikipedia andere Qualitäten."
Literatur

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