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Montag, 16. September 2024

Chancen und Risiken der KI-Gesichtserkennung im öffentlichen Raum

KI-Gesichtserkennung im öffentlichen Raum: Eine Abwägung zwischen Sicherheit und Grundrechten

Die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) und ihre brisante Anwendung hat in den letzten Jahren zu einer intensiven Debatte geführt - einer Debatte u.a. über die Chancen und Risiken der KI-Gesichtserkennung im öffentlichen Raum. Sind die Ängste berechtigt und hat die KI-Gesichtserkennung überhaupt einen gesellschaftlichen Mehrwert?

Ursprünglich sollte die Technik der Sicherheit dienen. Doch mittlerweile nimmt sie gravierenden Einzug in unser öffentliches Leben. KI-Befürworter betonen die potenziellen Vorteile, wie die Verbesserung der öffentlichen Sicherheit und die Unterstützung bei der Strafverfolgung. Ihre Kritiker warnen vor den erheblichen Risiken, die mit ihrer Nutzung einhergehen.

Die Technologie der Gesichtserkennung hat enormes Potenzial bei der Überwachung und der Sicherheit von Bereichen im öffentlichen Raum. Durch den Einsatz von KI können öffentliche Bereiche schneller und einfacher beobachtet werden. Dennoch gibt es ein Spannungsfeld. In Europa steht die Technologie in der Bedrängnis zwischen Sicherheitsbedürfnissen und dem Schutz der Grundrechte.

Montag, 15. Juli 2019

Big Data: Utopie oder digitale Dystopie?

Man stelle sich vor, man lebt in einer Welt, welche wie ein Spiel aufgebaut ist. Für "gutes" Verhalten bekommt man Punkte und bestimmte Vergütungen und für ein "schlechtes" Verhalten erhält man einen Punktabzug und verliert das Spiel.

Dieses "Spiel" wird gerade von der chinesischen Regierung "entwickelt" und ist leider bittere Realität. Mit Hilfe von Gesichtserkennungs-Software und anderen Internet-Riesen hat China eine digitale Überwachung geschaffen. Aufgrund eines eingeführten "Punkte-Systems" verhalten sich die Bürger im Sinne der Regierung oder verlieren Punkte. Dies kann bis zur gesellschaftlichen Isolation führen.

Im Moment läuft das System in einer Art Testphase nur in wenigen Regionen. 2020 soll das System in ganz China umgesetzt werden. Anbei eines von bereits zahlreichen Videos, welche das "Social Credit System" Chinas beschreiben.

Dienstag, 14. Juni 2016

Fingerabdruck-Scanner an italienischer Schule

Digitale Bildung hat viele verschiedene Facetten. Eine davon ist, dass immer mehr Schulen die digitalen Medien nutzen, um ihre Schüler zu überwachen und zu kontrollieren. Einen solchen Fall gibt es nun wieder in Italien. Der Schulleiter einer Schule in Bari will einen Fingerabdruck-Scanner installieren, der den Eltern eine SMS schickt, sobald ihr Kind durch das Schultor geht. So soll vermieden werden, dass die Schüler zu spät kommen.

Dies ist, laut Klischees, ein Problem in Italien. Insbesondere für Jugendliche in der Pubertät. Die italienische Zeitung „La Repubblica“ schrieb zu dem Thema: „Die erste Liebe schadet der Pünktlichkeit der SchülerInnen.“ Deshalb will Schulleiter Marchitelli den Scanner zunächst auch nur in der Mittelstufe einsetzen und abwarten, ob sich das System bewährt. Einen großen Vorteil sieht er darin, dass die Schule seiner Meinung nach transparenter wird und dass es mit 6.000 € sehr billig sei.

Die meisten der betroffenen Eltern sind von der Idee ebenso überzeugt. Da die Schule in einem Problemviertel Baris liegt, sind sie froh darüber, dass sie ab dem nächsten Schuljahr immer genau wissen können, ob und wann ihr Kind dort angekommen ist. Natürlich gibt es auch Gegenstimmen der Eltern, die meinen, dass das Geld dafür an anderen Stellen wichtiger wäre, jedoch überwiegt laut „La Repubblica“ die Zahl derer, die es gutheißen.

Schulleiter Marchitelli ist in Italien bekannt für seinen Hang zu Hightech in der Schule. Er möchte eine Überwachung in dem angeschlossenen Kindergarten einführen, die es den Eltern erlaubt, ihre Kinder per Livestream beim Spielen zu beobachten. Außerdem bietet die Schule bereits eine App an, die die Noten und schulischen Leistungen der SchülerInnen in Echtzeit an deren Eltern übermittelt.

Der Fingerabdruck-Scanner ist noch nicht genehmigt, aber es kann davon ausgegangen werden, dass Marchitelli diesen durchsetzt. Er sagte schon 2013 zur „Repubblica“: „Die Schule muss ein Glashaus sein.“ Mit dieser Neuerung ist er diesem Ziel ein weiteres Stückchen näher – doch muss sie das wirklich? Den Link zu diesem Artikel findet ihr hier.

Donnerstag, 17. September 2015

Videoüberwachung - Ein Diskurs zwischen Freiheit und Sicherheit

Ich stehe an der S-Bahn Station und die Kamera läuft im Hintergrund. Ich stehe im Supermarkt und die Kamera läuft im Hintergrund. Ich gehe zur Bank und die Kamera läuft im Hintergrund. Ich esse Fastfood und die Kamera läuft im Hintergrund. Ich fahre auf der Autobahn und die Kamera ist über mir. Ich gehe auf die Toilette und ... 

Das Gefühl der ständigen Überwachung durch Kameras in Städten ist längst kein Einzelfall mehr. Zunehmend werden Videokameras zur Überwachung oder zur Verbesserung der Sicherheit (an öffentlichen Plätzen) aufgestellt. Jedoch stellt sich die Frage: Führt eine flächendeckende Überwachung durch Kameras zu höherer Sicherheit der Bürger? 

Andersherum: Inwieweit wird die Freiheit der einzelnen Bürgerin eingeschränkt, wenn man immer und überall im Auge einer Kamera agiert? Welche Chancen und welche Gefahren gehen von einer flächendeckenden Videoüberwachung aus? 

Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden. Zunächst werden die Vor- und Nachteile bzw. Chancen und Gefahren von Überwachungskameras betrachtet, um einen Überblick zu bekommen.

Donnerstag, 9. Juli 2015

Datenschutz-Test hinsichtlich staatlicher Zugriffe

Die Electronic Frontier Foundation (EFF) untersuchte, wie gut Anbieter von Internet-Diensten die Daten ihrer Nutzer vor staatlichen Zugriffen schützen. Der Test ergab eine sehr gute Bewertung für Apple, Google war im mittleren Bereich und Whatsapp schnitt sehr schlecht ab. Mehr Informationen unter: http://www.n-tv.de/technik/Whatsapp-versagt-im-Datenschutz-Test-article15339406.html

Montag, 19. Januar 2015

ARD: 2 x Snowden und NSA

Erst kürzlich erschienen zwei interessante Beiträge der ARD zum Thema Snowden und NSA. In der "Story im Ersten" wird die spannende Geschichte Snowdens, verfolgt von den amerikanischen Sicherheitsbehörden, erzählt. In "Schlachtfeld Internet" geht es um die offensiven Strategien der NSA, um sich in fremde IT-Systeme einzuschleusen und kritische Infrastruktur wie z.B. Energieversorgung anzugreifen. Außerdem veröffentlichte der Spiegel wieder einmal geheime Dokumente von Snowden und zeigt sehr umfassend, in welchem Außmaß die NSA spioniert.



http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/snowden-dokumente-wie-die-nsa-digitale-kriege-vorbereitet-a-1013521.html

Freitag, 5. Dezember 2014

TED Talk zur Zukunft ohne Privatsphäre

Wie sieht die Zukunft ohne Privatsphäre aus? Was machen Konzerne und Regierungen mit all den gesammelten Daten (Big Data) und welche Schlüsse können sie daraus ziehen? Alessandro Acquisti stellt Experimente mit Studenten vor und veranschaulicht die Problematik mit Adam und Eva im Paradies.

Dienstag, 2. Dezember 2014

Filter Bubble – Werden wir im Internet entmündigt?

Das Phänomen der „Verzeitlichung“ und die Rolle der Medien

Bevor wir uns der Frage widmen, was hinter dem Begriff „Filter Bubble“ steckt, ist es notwendig, den Blick zunächst auf die Bedeutung der Medien als Informationsträger und allen voran des Internets zu lenken.

Wir bewegen uns in einer modernen Gesellschaft, in der Zeit als „Ressource und Orientierungsmedium“ zunehmend Einfluss gewinnt (vgl. Jäckel/Wollscheid 2004, S. 373)[1]. Täglich sehen wir uns dabei mit der Herausforderung konfrontiert, diese Ressource möglichst rational und organisiert zu nutzen. Nicht selten wägen wir zwischen Aktivitäten ab, die entweder den eigenen Interessen und Vorlieben entsprechen oder sich an gesellschaftlich Erwünschtem orientieren: Sollten wir also mit der Freundin einen Kaffee trinken gehen, mit den Jungs das nächste Fußballspiel der Nationalelf schauen oder doch lieber etwas für unseren Grips oder unsere Fitness tun, indem wir beispielsweise „Zukunft des Wassers“ von Érik Orsenna lesen oder im Park eine Runde joggen gehen? Der Soziologe Hartmut Lüdtke bezeichnet das Verhalten der Menschen in ihrer Freizeit als „diffus“ und „expressiv“ und den Zeitaufwand, den sie für eine Tätigkeit aufbringen, als relativ variabel (vgl. ebd.)[1]

Zwar betrifft die Tendenz der „Verzeitlichung“ (Rinderspacher zit.n. Jäckel/Wollscheid 2004, S. 373)[1] jeden unserer Lebensbereiche, ist aber in der Freizeit, durch deren vergleichsweise großen Handlungsspielraum, den sie uns lässt, besonders spürbar. Vor allem für die Freizeit stellt sich die Frage wie wir diese nutzen wollen. Dabei scheinen die Massenmedien eine dominante Rolle einzunehmen:
„Mediennutzung ist in der heutigen Gesellschaft die häufigste und für viele auch wichtigste Beschäftigung. Die Menschen widmen der technisch vermittelten Kommunikation – neben Schlafen und Arbeiten – die bei weitem meiste Zeit in ihrem Leben.“ (Schulz zit.n. Jäckel Wollscheid 2004, S. 373 )[1]
Im Jahr 2000 befassten sich deutsche Bürger ab 14 Jahren rund achteinhalb Stunden täglich mit Medien (vgl. Jäckel/Wollscheid 2004, S. 373)[1]. Glaubt man der ARD/ZDF-Onlinestudie 2013 hat sich die Zeit, die wir am Tag mit Medien verbringen, um drei Stunden auf nun elfeinhalb Stunden erhöht (vgl. van Eimeren/Frees 2013, S.371)[2]. Elfeinhalb Stunden – für viele eine nackte und zunächst unspektakuläre Zahl. Führen wir uns jedoch vor Augen, dass der Durchschnittsbürger vermutlich sechzehn Stunden am Tag wach ist, um beispielsweise zu arbeiten, den Einkauf zu erledigen oder Fahrrad zu fahren, so wird dessen Aufmerksamkeit über die Hälfte der Zeit auf Medien gelenkt. Dies kann bewusst passieren, indem wir bei der Arbeit unsere E-Mail-Neuzugänge kontrollieren, oder sich als Nebentätigkeit entpuppen, wie das Musikhören während des Kochens.

Die Ausdehnung des Medienzeitbudgets zeigt die Wichtigkeit der Medien in unserem Leben – kaum würden wir sonst so viel unserer Zeit auf ihre Nutzung verwenden, zumal Zeit, wie bereits beschrieben, ein knappes Gut geworden ist. Doch genießen alle Medien dieselbe Beachtung? Wohl kaum! Die aus der Ökonomie abgeleitete Substitutionsthese besagt, dass ein Konsumgut durch ein anderes ersetzt wird, sobald der Nutzen, den das zweite Gut mit sich bringt, den des Ersten übersteigt (vgl. Jäckel/Wollscheid 2004, S. 374)[1]. Auf Basis dieser These stellte Nicholas Negroponte (1995) die Behauptung auf, dass im Zusammenhang mit der Verbreitung des Internets alte oder auch als klassisch bezeichnete Medien, wie die Zeitung oder das Radio, ersetzt würden (vgl. ebd.)[1]. Trifft diese Prognose nach unserem heutigen Kenntnisstand zu und wenn ja, was sind die Vorteile, die uns das Internet im Vergleich zu anderen Medien bietet?

Das Internet als neues "klassisches Medium?"

Immer mehr Menschen nutzen das Internet. Weltweit ist jeder Dritte online – das sind bei der derzeitigen Weltbevölkerung etwa 2,7 Milliarden Menschen (vgl. Bitkom 2013a)[3]. Im Jahr 2012 hatten, laut des Reports der von der Internationalen Fernmeldeunion und der UNESCO einberufenen Broadband Commission for Digital Development, 84 Prozent der deutschen BürgerInnen Zugang zum Internet. Spitzenreiter war Island, dessen Bewohner zu 96 Prozent mit dem Internet verbunden waren (vgl. The Broadband Commission for Digital Development 2013, S.98)[4].

Aus der bloßen Verfügbarkeit des Internets lässt sich aber nicht automatisch auf einen routinierten und habitualisierten Umgang mit diesem Medium schließen. Es stellt sich vielmehr die Frage, inwiefern das Web tatsächlich in den Medienalltag integriert wird. Wie oft sind wir im Netz und wie viel Zeit widmen wir dem Mailen, Chatten, Surfen, Bloggen etc. im Vergleich zu anderen Medien? Hatte Negroponte Recht mit der Vermutung, dass das Internet früher oder später andere Medien ablösen würde?

Betrachtet man die Situation in Deutschland so waren im Frühjahr des vergangen Jahres 77,2 Prozent der Personen ab 14 Jahren online (vgl. van Eimeren/Frees 2013, S.358)[2]. Das entspricht rund 54,2 Millionen Deutschen. Die täglich mit dem Internet verbrachte Zeit lag im Jahr 2013 bei etwa drei Stunden. Berechnet man die Internetnutzungsdauer für die gesamte Bevölkerung und schließt damit Offliner mit ein, ist jeder Erwachsene ab 14 Jahren durchschnittlich knapp zwei Stunden am Tag online. Damit wird eine Vergleichbarkeit mit anderen Medien in Bezug auf deren Zeitbudget möglich. Der Fernsehkonsum betrug beim Durchschnittsbürger vier Stunden und blieb damit im Vergleich zum Vorjahr unverändert. Auch der Hörfunk verzeichnete mit drei Stunden täglicher Nutzung ein konstant hohes Level (vgl. ebd., S.368f.)[2]. Diese „klassischen Medien“ müssen also zunächst keine massiven Nutzungseinbrüche befürchten. Die Zukunft für Printmedien wie Zeitungen oder Bücher scheint bei einer täglichen Verwendungsdauer von jeweils etwa einer halben Stunde dagegen weniger rosig auszusehen.

Dann hatte Negroponte mit seiner Annahme also falsch gelegen und die von Lazarsfeld, Berelson und Gaudet 1940 formulierte „The-more-the-more“-Regel, laut derer die Nutzungszeit eines neuen Mediums zu der von bereits vorhandenen Medien dazu addiert wird, kann als bestätigt gelten (vgl. Jäckel/Wollscheid 2004, S. 374)[1]. Zu diesem Schluss könnte man gelangen, ließe man eine differenzierte Betrachtung des Nutzungsverhaltens unterschiedlicher Altersgruppen außen vor. Denn für die junge Generation der Onliner zwischen 14 und 29 Jahren ergibt sich ein deutlich anderes Bild: Diese liegen mit einer täglichen Internetnutzung von vier Stunden deutlich über dem Durchschnitt (vgl. van Eimeren/Frees 2013, S.361)[2]. Diese Entwicklung könnte noch verstärkt werden, beispielsweise durch die Verwendung mobiler Endgeräte, die den Webgebrauch auch unterwegs gestatten. Damit könnte Negroponte mit seiner Voraussage, dass das Internet zukünftig zu dem alles entscheidenden Medium avanciert, Recht behalten.

Das Internet scheint im Vergleich zu anderen Medien am flexibelsten nutzbar, nicht zuletzt durch die angesprochenen mobilen Endgeräte, die es uns unter anderem ermöglichen, unterwegs Zeitung zu lesen, E-Mails zu beantworten oder Musik zu hören. Für unser Zeitproblem erweist es sich als höchst praktikabel und das nicht nur in seiner Funktion als Unterhaltungs-, sondern auch als Informationsmedium.

Was sind jedoch die Folgen einer aus Gründen der Zeitnot zunehmend eingeschränkten Mediennutzung, die sich zukünftig nur auf das Internet begrenzen könnte? Und wie gehen wir dabei mit einer stetig anwachsenden Zahl von Informationen um, die uns unterschiedliche Web-Sites zur Verfügung stellen?

Potenziale und Gefahren

War das Internet anfänglich ein „elitäres Minderheitenmedium“ (van Eimeren/Frees 2013, S.358)[2], so gelang es mithilfe des World Wide Web, dieses Medium auch außerhalb von wissenschaftlichen Netzwerken populär zu machen. Heute bietet das Internet der gewachsenen Anzahl seiner Nutzer mehr als das bloße Rezipieren von Inhalten. Seine Funktionsformen scheinen unerschöpflich. So dient es dem Anwender als Kommunikations- und Informationsmittel, Shoppingmeile, Distributionsplattform, Bühne zur Selbstdarstellung und vieles mehr (vgl. ebd., S.370)[2].

Für Onliner ist das Internet meist integraler Bestandteil ihres Alltags und Onlinebanking, Communities und Videoportale sind für sie selbstverständlich (vgl. ebd., S.358)[2]. Die Möglichkeit, mithilfe bestimmter Technologien selbst Inhalte zu generieren, wird als Weiterentwicklung des Webs gesehen und unter dem Begriff „Web 2.0“ gefasst. Das Cloud Computing zählt als weiteres Element zum Web2.0-Begriff.

Das Internet erweckt damit den Anschein, nur Gutes hervorzubringen. Tatsächlich gestaltet es vieles angenehmer: Zum Beispiel weiß Kayak, wo ich den günstigsten Flug nach Antalya bekomme, Yelp erleichtert mir die Entscheidung beim nächsten Restaurantbesuch. Wer jedoch vergangenen Sommer, in Vorfreude auf die WM, im Netz auf der Suche nach Informationen zu Fußball-Stars wie Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi war, dürfte eventuell die unliebsame Bekanntschaft mit Schadsoftware gemacht haben. Diese laden sich Nutzer unbewusst als so genannte Drive-by-Downloads beim Besuch manipulierter Webseiten herunter. In der Regel werden dabei Zusatzprogramme (Plug-ins) oder Sicherheitslücken von Browsern ausgenutzt (vgl.Bitkom 2013b)[5]. Weitere Computerviren, die sich durch E-Mail-Anhänge, Downloads oder Speichermedien verbreiten können, sind Trojaner, Würmer oder Bots bzw. Botnetze (einen Überblick dazu bietet die Website Netzdurchblick).

Die Filter Bubble – Personalisierung als neue Bedrohung?

Die hier genannten Gefahren, die das Internet birgt, werden wohl den meisten bekannt sein. Doch in Zukunft werden wir es mit einem weiteren Problem zu tun haben, das uns neben den oben genannten vermehrt beschäftigen wird: Der Filter Bubble. Noch nie gehört? Dann lohnt es sich weiterzulesen, denn dieser Beitrag versucht ein wenig Licht ins Dunkel der Filter Bubble zu bringen und über deren Hintergründe, Funktionsweisen und Auswirkungen aufzuklären.

Den meisten von uns ist vermutlich bewusst, dass unser Aufenthalt im Internet eine Datenspur hinterlässt. Zumindest wird dies spätestens dann augenfällig, wenn wir uns für einen neuen Laufschuh interessiert zeigen und Minuten später genau dieser in der Werbeleiste unseres E-Mail-Anbieters auftaucht. Der Gedanke daran, dass es Unternehmen gibt, die entweder selbst die Fährte aufnehmen, um uns anhand unseres Online-Verhaltens gezielt zu bewerben, oder dies von anderen (wie Acxiom oder Bluekai) erledigen lassen, scheint uns weder neu noch beunruhigend.

Weniger bekannt dürfte die Tatsache sein, dass Google seit 2009 anhand von 57 Signalen, angefangen von dem Ort, an dem ich mich einlogge, über den Browser, den ich verwende, bis hin zu der Zeit, die zwischen meiner Suchanfrage und dem Klick auf ein Ergebnis vergeht, Rückschlüsse zu meiner Person sowie den für mich potenziell interessanten Resultaten meiner Suche zieht. Google stelle sogar bei ausgeloggten Nutzern Vermutungen an, welche Seiten am wahrscheinlichsten bei einer Neuanmeldung angeklickt würden, und setze sie demnach auf die Startseite (vgl. Pariser 2012, S.10)[6].

Das Standard-Google, von dem wir glaubten, es würde jedem bei gleicher Suchanfrage dieselben Ergebnisse liefern, gibt es nicht mehr. Wie tiefgehend die Filterung im Internet anhand persönlicher Informationen betrieben wird und welche Folgen sich daraus ergeben, untersucht Eli Pariser, Autor, Netzaktivist und Mitbegründer der zivilgesellschaftlichen Interessensgruppe MoveOn.org in seinem 2011 erschienenen Buch „The Filter Bubble.What the Internet is Hiding from You“.

Pariser dürfte wie kaum ein anderer den Begriff der Filter Bubble geprägt haben. Zwar kursieren noch andere, das Phänomen beschreibende Begrifflichkeiten, wie der Echokammer-Effekt (englisch Echo-Chamber Effect), der schon zu einem früheren Zeitpunkt, noch vor dem Erscheinen des Filter Bubble-Buches, die Probleme virtueller Räume von Gleichgesinnten thematisierte. Ebenso wird die Idee Nicholas Negropontes einer digital verfügbaren und auf die Bedürfnisse des Lesers zugeschnittenen Zeitung mit diesem Thema in Verbindung gebracht, die er in seinem 1995 erschienenen Buch „Being Digital“ unter dem Begriff „Daily Me“ diskutierte. Die Bezeichnung "Filter Bubble" dürfte momentan aber die am weitesten verbreitete sein.

Um einen ersten Eindruck zu erhalten, was die Filter Bubble ist und wie sie funktioniert, eignet sich der folgende exzellente Vortrag Eli Parisers bei TED:



Das Internet stellt eine unüberschaubare Fülle von Informationen bereit. Niemand von uns wäre in der Lage, dieser Flut an Neuigkeiten zu begegnen und genau die Web-Site(s) zu finden, die das enthalten, wonach wir suchen. Deshalb werden diese von Algorithmen unterschiedlicher Dienste wie Google, Facebook und Amazon für uns nach Relevanz vorsortiert. Wie entscheiden diese Unternehmen jedoch, was für mich relevant sein könnte? Dies kann auf Grundlage meines Klickverhaltens oder meiner Suchhistorie geschehen, wie bei Google, oder, am Beispiel des sozialen Netzwerks Facebook, meine Interaktion mit anderen Nutzern betreffen. Daraus ergibt sich eine Blase, in deren Mittelpunkt ich als Nutzer stehe. Durch die Membran der Blase dringen nur die Informationen, von denen die jeweiligen Algorithmen der Unternehmen meinen, sie seien für mich wichtig. Die außenstehenden Botschaften dringen nicht hindurch, auch wenn diese potenziell meinen Interessen entsprechen könnten:
„Your filter bubble is the personal universe of information that you live in online – unique and constructed just for you by the array of personalized filters that now power the web. […] It’s a comfortable place, the filter bubble – by definition, it’s populated by things that most compel you to click. But it’s also a real problem: the set of things we’re likely to click on (sex, gossip, things that are highly personally relevant) isn’t the same as the set of things we need to know.” (Pariser zit.n. Popova 2011)[7]
Im letzten Satz verdeutlicht Pariser, weshalb die Filterung neuer Informationen, anhand dessen, was ich im Internet suche oder kommentiere, so problematisch ist. Meist sind es schnelle Impulse, die uns zu einem Klick verleiten, und keine langwierigen rationalen Entscheidungen. Drücke ich den „Gefällt-mir-Button“ bei Facebook, ist das nicht unbedingt als Stimmabgabe für Themen zu werten, die mich interessieren oder interessieren sollten. So werde ich Hemmungen haben, bei der Entführung der nigerianischen Mädchen durch die Terrororganisation Boko Haram „Gefällt-mir“ zu klicken. Das heißt aber nicht, dass ich über das Thema nicht informiert werden möchte. Werden wir aber nur noch mit Inhalten versorgt, die uns eine unmittelbare Befriedigung verschaffen und unseren Intellekt nicht herausfordern, hat das gravierende Folgen.

Folgen der virtuellen Blase

Ein Apfel fällt vom Baum – oder der Verlust des glücklichen Zufalls

Als Isaac Newton unter einem Baum im Garten seines Elternhauses saß, kam ihm jene Erkenntnis, die ihn später unsterblich machen sollte: Ein herabfallender Apfel erweckte die Neugier des jungen Studenten und ließ ihn das Gesetz der Anziehungskraft von Massenkörpern definieren.

Ob diese vom französischen Philosophen Voltaire überlieferte Geschichte stimmt, kann bezweifelt werden. Allerdings ließen sich problemlos auch andere Beispiele für Entdeckungen in der Menschheitsgeschichte finden, die auf demselben auslösenden Moment basieren: Zufall. Neue Ideen entstehen meist dann, wenn wir uns außerhalb unseres gewohnten Umfelds bewegen, andere Kontexte zulassen und unterschiedliche Themen und Inhalte miteinander kombinieren. In einem Informationssystem, das uns lediglich mit dem konfrontiert, was wir schon kennen, werden kreative Entdeckungen immer schwieriger. Zwar mag das Internet eine Fülle von Inhalten bereithalten, aber die zufällige Begegnung mit dem Unbekannten wird nach Pariser immer unwahrscheinlicher (vgl. Pariser 2012, S.110)[6].

Das sterbende Alter Ego und der Triumphzug des inneren Schweinehundes

„Wir glauben Erfahrungen zu machen, aber die Erfahrungen machen uns.“ Dieses bekannte Zitat des französisch-rumänischen Schriftstellers Eugène Ionesco verdeutlicht, wie sich aufgrund bestimmter Ereignisse unser Verhalten und Erleben verändern kann. Wir lernen in unserem Leben ständig dazu, häufig ohne es überhaupt zu bemerken. Unsere Identität, die Art und Weise, wie wir fühlen, denken und handeln, ist, zumindest partiell, wandelbar und vielfältig. Wie wir uns verhalten, ist außerdem an bestimmte Kontexte gebunden. Mein privates Auftreten kann sich vom Beruflichen unterscheiden und sogar innerhalb verschiedener Personengruppen variieren.

Die Personalisierung ignoriert jedoch die Nuancen meiner Persönlichkeit. Sie kennt keine Unterschiede zwischen meinem Job- und meinem Freizeit-Ich und, was sich als erheblich gravierender erweist, sie hat keine Vorstellung von meinem Zukunfts-Ich (vgl. Pariser 2012, S.125)[6]. Die Filter Bubble kann sich nur mit solchen Inhalten befassen, von denen sie glaubt, sie würden mich aufgrund meines momentanen oder bisher gezeigten Online-Verhaltens interessieren. Ihr bleibt mein innerer Schweinehund verborgen, der mich dazu veranlasst die siebte Staffel „Big Bang Theorie“ anzuschauen, anstatt Sport zu machen. Auch weiß sie nicht, dass ich eigentlich vorhatte ein rundum gut informierter und kluger Bürger zu sein, der sich eher mit den Herausforderungen des Transatlantischen Freihandelsabkommens TTIP bzw. TAFTA beschäftigt, als eine Klickorgie bei den Promi-News zu starten.

Die Filter Bubble beruht auf einem verzerrten und lückenhaften Bild des individuellen Nutzers. Sie sieht nicht den Menschen als Ganzes, sondern greift nur auf die nach ihren spezifischen Mitteln erfassten Daten zurück. Das Bild, das sie von uns hat, „wird jenen Verhaltensweisen Vorschub leisten, die der Datenerfassung entgegenkommen, während andere Verhaltensweisen unterdrückt werden“ (Stalder/Mayer 2011, S.7).[8]

Postmaterialistische Selbstverwirklichung und Erosion des öffentlichen Diskurses

Was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn wir in bisherigen Denkweisen gefangen bleiben, wenn der glückliche Zufall und die Möglichkeit zur Innovation versanden und wir – nur einseitig wahrgenommen – in unserer jetzigen Komfortzone verhaftet bleiben?

Die politisch-soziologische Theorie des Postmaterialismus besagt, dass Bürger moderner Demokratien stärker der Erfüllung immaterieller Bedürfnisse, wie emanzipativer und ästhetischer Werte, nachgehen, da deren materielle Anliegen bereits befriedigt wurden (vgl. Schubert/Klein 2011)[9]. So entwickeln sich spezielle Interessenlagen und der Drang zur Selbstverwirklichung wird größer. Nicht nur die Werbebranche bemüht sich deshalb, ihren Produkten eine identitätsstiftende Wirkung zu verleihen. Auch Parteien und andere politische Gruppen und Bewegungen sind gezwungen, eine gezieltere Ansprache ihrer (zukünftigen) Wählerklientel umzusetzen.

Wagen wir einen Blick ins Jahr 2017, dem Jahr, in dem die nächste Bundestagswahl stattfinden wird. Mithilfe einer Reihe von Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben, Daten zum Wahlverhalten der deutschen Bundesbürger zu sammeln, gelingt es den Parteien, eigens auf ihre Anhänger zugeschnittene Wahlwerbung auszusenden. Jeder wahlberechtigte Bürger bekommt also nur Informationen zu der Partei, deren er seine Stimme schon seit Jahren gibt oder von der vermutet wird, dass sie seinen Einstellungen am zuträglichsten ist. Noch dazu werden wir nur mit Aussagen zu den Themen konfrontiert, für die wir uns ohnehin interessieren.

Dies ist dann vor allem bedenklich, wenn ich mich beispielsweise als Sympathisant des auch online vertretenen Magazins Junge Freiheit erweise. Dieses bewegt sich im Grenzbereich zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus und offenbart seine Haltung weniger in den veröffentlichten Artikeln, als in den dazugehörigen Kommentaren. In diesem Fall würde ich in meinem völkischen Nationalismus-Denken durch Meinungen und Wahlversprechen bestärkt, die dieser Einstellung entgegenkommen.

Nach Ansicht Parisers könnte es Stammwählern aber auch passieren, dass sie überhaupt nichts über die anstehenden Wahlen erfahren. Dies wäre dann der Fall, wenn diese zwar ihre Bürgerpflicht, wählen zu gehen, ernst nähmen, sich ansonsten aber wenig für Politik interessierten. Die Filter Bubble würde politische Themen schlicht nicht auf deren Agenda setzen (vgl. Pariser 2012, S.161)[6]. Glücklich wähnen können sich hingegen Unentschlossene: Denn Nicht- bzw. Wechselwählern wird das größte Potential zugesprochen, wenn es um den Ausgang von Wahlen geht. Sie sind noch leichter zu beeinflussen und geraten deshalb am ehesten in den Werbesog unterschiedlicher Parteien (vgl. Pariser 2012, S.160f.)[6].

Dass wir einem solchen Szenario entgegensteuern könnten, sieht Pariser als wahrscheinlich an. Zumindest gibt es in den USA schon heute Unternehmen wie Catalist, das über eine Datenbank von mehreren Millionen Wählerprofilen verfügt (vgl. Pariser 2012, S.160)[6].

Der durch die Personalisierung manipulierte und fragmentierte öffentliche Raum birgt zusätzliche Risiken: Zum einen wird es für Parteien, Journalisten und Blogger immer schwieriger werden, Fakten zu überprüfen und wichtige Grundsatzfragen herauszustellen, wenn ihnen die unterschiedlichen Parteibotschaften nur begrenzt zugänglich sind (vgl. Pariser 2012, S.164)[6]. Andererseits ist es fraglich, wie unter solchen Bedingungen ein öffentlicher Diskurs zustandekommen soll.

Laut Pariser wird die Herausforderung demokratischer Systeme darin bestehen, dass „eine verstreute, mobile und mannigfaltige Öffentlichkeit sich so selbst erkennt, dass sie ihre Interessen definieren und ausdrücken kann“ (Dewey zit.n. Pariser 2012, S.172f.). Es geht nicht darum, die Bürger durch die Schaffung einer gemeinsamen „Einheitskultur“ (Bohlken 2011, S.353)[10] in ihren Freiheitsrechten zu beschneiden. Ganz im Gegenteil: Ohne einen gesellschaftlichen Dialog, der es uns ermöglicht, unser Zusammenleben zu regeln und unser gesellschaftliches Selbstverständnis immer wieder von Neuem zu definieren, laufen wir Gefahr, diese Rechte aufs Spiel zu setzen und uns unserer Mitbestimmung zu entledigen.

Das Fenster zur Welt

Im Hinblick auf die gewaltigen Datenmengen, die von Unternehmen wie Google mittels Click-Tracking, Log-Files und der Verwendung von Cookies gesammelt werden, stellt sich die Frage, inwiefern diese Daten zur Überwachung von Nutzern herangezogen werden können. Stalder und Mayer unterscheiden dazu drei Arten von Überwachung (vgl. Stalder/Mayer 2011, S.5)[8]:
  • Überwachung durch ein Zentralorgan
  • Überwachung im Sinne wechselseitiger Kontrolle sozialer Akteure
  • Überwachung durch soziales Sortieren
Rollen wir das Feld von hinten auf und beginnen mit der Überwachung durch soziales Sortieren. David Lyon, Direktor des Zentrums für Überwachungsstudien an der Queen’s Universität in Kingston und Mitherausgeber der Zeitschrift Surveillance& Society, versteht soziales Sortieren wie folgt:
„Codes, meist von Computern verarbeitet, sortieren Transaktionen, Interaktionen, Besuche, Anrufe und andere Aktivitäten. Sie sind unsichtbare Türen, die den Zugang zu einer Myriade verschiedener Ereignisse, Erfahrungen und Vorgängen ermöglichen, oder diesen verschließen. Die so entstehenden Klassifizierungen haben den Zweck, Bevölkerungsgruppen und Einzelpersonen zu beeinflussen und zu verwalten, wodurch sie direkt und indirekt in die Wahlmöglichkeiten und Lebenschancen der Datensubjekte eingreifen.“ (David Lyon zit.n. Stalder/Mayer 2011, S.5)[8]
Die soziale Sortierung, die Menschen Gruppen zuordnet, die wiederum kontrollierbar sind, und das Erleben ihrer Mitglieder beeinflussen, zeigt sich in der Personalisierung. Nach und nach beschneidet die Filter Bubble uns in unserer Autonomie, die der Rechtswissenschaftler Frank Pasquale nicht nur in der „Abwesenheit von externen Einschränkungen“ bei der Entscheidung zwischen Alternativen gegeben sieht (Pasquale/Bracha zit.n. Stalder/Mayer 2011, S.6)[8]. Viel entscheidender sei demnach, dass überhaupt bewertbare und bedeutende Wahlmöglichkeiten gegeben seien:
„Wenn A das Fenster kontrolliert, durch welches B die Welt sieht – wenn er systematisch Macht über die relevanten Informationen über die Welt und die verfügbaren Alternativen, die B erreichen, ausübt – dann wird die Autonomie von B dadurch eingeschränkt. Informationsfluss in einer Art und Weise zu kontrollieren, welche die Wahlmöglichkeiten einschränkt, bedeutet, die Autonomie dieser Person zu begrenzen, ob diese Person nun getäuscht wird oder nicht.“ (Pasquale/Bracha zit.n. Stalder/Mayer 2011, S.6)[8]
Es geht also nicht nur um die Güte der Informationen, die uns erreichen, sondern vor allem darum, dass sich Unternehmen wie Google ihrer redaktionellen Verantwortung, die sie uns gegenüber haben, bewusst werden. Können wir zukünftig darauf vertrauen, dass die angezeigten Ergebnisse, das Erscheinen oder Verschwinden einer Information, auf die Personalisierung zurückgehen und es sich nicht um Zensur oder Manipulation handelt? Bisher scheint die Forderung nach mehr Transparenz jedenfalls auf taube Ohren zu stoßen.

Eine eher unscheinbare Form der Überwachung ist die Überwachung im Sinne wechselseitiger Kontrolle sozialer Akteure. Verhalten wird beeinflusst, indem der Überwachte davon ausgeht, von einer unsichtbaren Autorität überprüft zu werden, die „abnormales Verhalten“ bestraft. Die Überwachungsstruktur ist dezentralisiert. Jeder kann von der Rolle des Beobachters in die des Beobachteten schlüpfen und umgekehrt (vgl. Stalder/Mayer 2011, S.5)[8]. Inwiefern diese Art der Überwachung bei der Personalisierung des Webs eine Rolle spielt, ist nach Stalder und Mayer schwer abzusehen, da es fraglich ist, was in diesem Kontext Normalisierung bedeutet.

Bei der Überwachung durch ein Zentralorgan existiert eine Institution, deren ungerechtfertigte Machtposition durch die Kontrolle ihrer Untertanen erhalten wird. Zwar haben die angesprochenen Unternehmen keinen direkten Einfluss auf deren Nutzer, aber solch „extensive (…) Überwachungskapazitäten“ (Stalder/Mayer 2011, S.5)[8] üben eine gewisse Anziehungskraft aus. So schreibt Hal Roberts vom Berkman Center for Internet & Society an der Harvard Universität über Google:
„Es ist sogar wahrscheinlich, dass diese Sammlung von Suchbegriffen, IP-Adressen und Cookies die größte und sensibelste existierende Datensammlung ist, sowohl online als auch offline. Egal ob Google sich nun entscheidet, den relativ einfachen Schritt zu tun, der notwendig ist, um aus dieser Sammlung von Suchdaten eine Datenbank mit personenbezogenen Daten herzustellen, es hat jedenfalls die Möglichkeit, personenbezogene Daten aus dieser Sammlung abzurufen, wann immer es will (oder von einer Regierung, einem Eindringling, einem unzufriedenen Mitarbeiter usw. dazu genötigt wird).“ (Roberts zit.n. Stalder/Mayer 2011, S.3)[8]
Im August 2005 hat es bereits einen staatlichen Zugriff auf Daten von Millionen von Nutzeranfragen gegeben: Große Suchmaschinenbetreiber wurden in den USA gerichtlich aufgefordert, aufgrund der Prüfung eines Gesetzes zur Online-Pornografie, Nutzerdaten zu übergegeben (vgl. Stalder/Mayer 2011, S.5)[8]. Google hatte sich zwar als einziger Provider geweigert, dem nachzukommen, jedoch hat das Unternehmen gemeinsam mit der CIA in eine Firma namens RecordedFuture investiert (vgl. Pariser 2012, S. 154)[6].

Stalder und Mayer vermuten, dass „die erweiterten Befugnisse der Sicherheitsdienste und die großen Datenbestände von Suchmaschinen wohl auf die eine oder andere Art zusammenfinden [werden]“ (Stalder/Mayer 2011, S.5)[8]. Damit würden Suchmaschinen und vermutlich auch andere Unternehmen, die Datenspeicherung bzgl. ihrer Anwender betreiben, aktiv mithelfen, die Überwachungskapazitäten des Staates auszudehnen und Georg Orwell’s Big Brother wahrscheinlicher werden zu lassen (vgl. ebd.)[8].


Besonders gravierend wäre dies, wenn man bedenkt, dass Staatssysteme und Regierungsformen keine unabänderlichen Konstrukte darstellen. Was passieren könnte, wenn sich liberale Demokratien in totalitäre Regime verwandeln, zeigt das Beispiel Alfred Flatows. Er war olympischer Turner der Weimarer Republik, der im Jahr 1932, gemäß den bestehen Gesetzen, seine Waffe registrieren ließ. Sechs Jahre später stand die Gestapo vor seiner Tür, die im Zuge des Holocaust Juden erfasste, die im Besitz einer Handfeuerwaffe waren. Im Jahr 1942 wurde Flatow in einem Konzentrationslager ermordet (vgl. Pariser 2012, S. 152)[6]. Kaum vorzustellen, was Geheimdiensten innerhalb solcher Staaten anhand der heutigen, zum Teil äußerst privaten Daten möglich wäre. 

Die Filter Bubble – tatsächlich ein Problem?

Filterung kaum spürbar

Kritische Stimmen, wie die von Jacob Weisberg, Chefredakteur des Online-Magazins Slate, werden einwenden, dass all die beschriebenen Auswirkungen der Filter Bubble lediglich auf Prognosen beruhen. In seinem 2011 erschienenen Artikel „BubbleTrouble. Is Web personalization turning us into solipsistic twists?“ konstatiert er anhand eines kleinen, nicht-repräsentativen Experiments die Belanglosigkeit der Filterung in unserer heutigen Welt.

Dazu lässt er fünf Freiwillige mit unterschiedlichen politischen Einstellungen jeweils vier verschiedene Suchanfragen, die sich zur Darstellung der ideologischen Positionen eignen, durchführen. Das Resultat: Die Ergebnisse weichen nur geringfügig voneinander ab (vgl. Weisberg 2011)[11]. Nichts ließe auf die unterschiedlichen politischen Haltungen schließen.

Diese Erkenntnis, so Weisberg, würden auch unabhängige Experten wie Jonathan Zittrain bestätigen. Der Professor für Jura und Informatik an der Harvard Universität stufte den Effekt der Personalisierung auf das Suchergebnis als geringfügig ein (vgl. ebd.)[11]. Die lang gehegte Sorge eines infiltrierenden „Daily Me“, so Weisberg, sei der Realisierung noch nicht näher gekommen. Die Personalisierung von Nachrichten, die sich ständig ändern könnten und in die Zukunft hineinreichten, sei durch Algorithmen nur schwer umsetzbar und werde journalistische Arbeit wohl nie ersetzen. Gäbe es einen Filter Bubble-Effekt, so wäre dieser eher bei manipulierten Inhalten als bei der Verbreitung von Nachrichten zu suchen (vgl. ebd.)[11].

Länderspezifische Betrachtung

Bisher wenig beachtet wurde auch die Tatsache der länderspezifischen Unterschiede in Bezug auf die Nutzung des Internets als Informationsquelle. So werden Skeptiker darauf hinweisen, dass die Hinwendung zu digitalen Medien in Deutschland noch nicht in dem Maße stattgefunden hat wie in den USA.

Dies belegt auch eine internationale Studie des Reuters Institute. In dieser wurde das Medienverhalten von US-Amerikanern mit demjenigen von Briten, Finnen, Deutschen, Japanern und einigen mehr verglichen. Das Fernsehen erreicht als Informationsquelle mit durchschnittlich 50 Prozent unter allen teilnehmenden Staaten einen hohen Wert.

Betrachtet man die Nutzung von Online-Quellen, so schneidet Deutschland mit 19 Prozent im Vergleich zu den USA, die einen Wert von 35 Prozent erreichen, deutlich schlechter ab (vgl. Reuters Institute 2014, S.8)[12]. Vor allem nationale sowie regionale Nachrichten werden über das Fernsehen oder Zeitungen bezogen (vgl. van Eimeren/Frees 2013, S.364)[2]. Eine rasche Abkehr von den Print- hin zu den digitalen Medien, wie dies bei US-Amerikanern geschieht, ist in Deutschland noch nicht zu beobachten (vgl. ebd.)[2]. Zudem können sich filternde Effekte länder- und personenspezifisch unterschiedlich stark bemerkbar machen. So werden in den USA beispielsweise mehr Onliner auf Google-Anwendungen wie Google Bookmarks, Gmail und Google News zurückgreifen als hierzulande.

Nützliche Filter

Nicht nur, dass das Filter Bubble-Phänomen in Deutschland nicht als verbreitet gilt, auch die Auffassung von der Nützlichkeit der Personalisierung ist verschieden. Diese könne nach Stalder und Mayer nicht ausschließlich eine Schwächung der Autonomie der Nutzer, sondern paradoxerweise auch deren Stärkung bedeuten (vgl. Stalder/Mayer 2011, S.6)[8]. Vergleiche man im Fall von Google die personalisierte Suche mit dem Ranking-Verfahren, das stark verlinkte Seiten gegenüber peripheren bevorzuge, könne deren Vorteil darin bestehen, Quellen zu erschließen, die für ein breites Publikum wenig relevant, aber für eine spezifische Gruppe von Nutzern wichtig seien (vgl. ebd.)[8]. Außerdem werde die Schaffung eines uniformellen Klassifizierungssystems als utopisches Unterfangen gesehen, da es nicht möglich sei, einen einzigen kulturellen Begriffsrahmen festzulegen, auf dessen Basis eine Kategorisierung erfolgen könne (vgl. Stalder/Mayer 2011, S.1)[8].

Differenzierte Betrachtung der Anwendungen

Hier wird ein weiterer, bisher wenig beachteter Bereich der Personalisierung angesprochen: Nicht jede Anwendung, die Personalisierung betreibt, setzt diese auf dieselbe Weise um. Es sollte also, wenn von Filterung im Netz gesprochen wird, zwischen den verschiedenen Anbietern und ihren Intentionen unterschieden werden. Vergleichen wir z.B. den Suchdienst von Google mit den sozialen Netzwerken von Twitter und Facebook.

Der Mikroblog Twitter zeichnet sich dadurch aus, dass Anwender sowohl selbst Nachrichten, so genannte „Tweeds“, verfassen als auch die anderer abonnieren können. Anders als bei Facebook erscheinen diese in chronologischer Reihenfolge, d.h. dass in diesem Fall die Filterung kaum von Bedeutung ist.

Hingegen nutzt Facebook einen auf dem EdgeRank aufbauenden Algorithmus, der die Reihenfolge der im News Feed erscheinenden Nachrichten festlegt. Damit hat der Nutzer nur eingeschränkte Möglichkeiten zu entscheiden, welche Neuigkeiten zuerst angezeigt werden.

Das Beispiel Google ist da schon schwerer einzustufen. Einerseits sollte die von Stadler und Mayer angesprochene Nützlichkeit, die uns die personalisierte Suche bringt, nicht verkannt werden. Benötige ich einen Fahrradreparaturservice, so wird mir dankenswerterweise derjenige angezeigt, der sich in meiner Nähe befindet. Dies ist vor allem unter dem zu Beginn angesprochenen Aspekt des heutigen Zeitmangels eine Erleichterung. Anderseits könnten diese, auf meine Bedürfnisse ausgelegten Suchergebnisse bei bestimmten Themen zum Problem werden. Nämlich dann, wenn es darum geht, politisch umfassend informiert zu werden (siehe: Postmaterialistische Selbstverwirklichung und Erosion des öffentlichen Diskurses).



Ein weiteres Argument, das gegen ein „Abgeschottet-Sein“ in einer virtuellen, uns mit eigenem Gedankengut indoktrinierenden Filter Blase spricht, liefert uns der menschliche Sozialisationsprozess. Im Hinblick auf die politische Zukunftsfähigkeit moderner Demokratien gehe es laut der Soziologin Simone Abendschön darum, „mündige Bürger zu ‚sozialisieren’ und für fortschreitende Transnationalisierungsprozesse […] ‚fit‘ zu machen“ (Abendschön 2010, S.18, Hervorhebung im Original)[13].

Ein zentrales Ziel bei der (politischen) Sozialisation sei die Einbindung einzelner Gesellschaftsmitglieder in einen von der Gemeinschaft festgelegten Wertekonsens, der das Fortbestehen eines politischen Systems wahre (Easton zit.n. Abendschön 2010, S.22)[13]. Dem würde Pariser sicherlich nicht widersprechen: Werte und Normen sind konstitutiv für ein Gemeinwesen. Entscheidend ist jedoch, dass Sozialisation nicht im luftleeren Raum oder, wie in unserem Fall, nicht ausschließlich innerhalb einer virtuellen Filter Blase geschieht. Sie wird sowohl von individuellen Anlagen als auch unserer Umwelt bestimmt:

Persönlichkeitsmerkmale, Familie, Freunde, Schule und Medien, aber auch kulturelle, sozialstrukturelle und institutionelle Rahmenbedingungen tragen dazu bei, wer wir sind, wie wir denken und handeln (Barthelemy zit.n. Abendschön 2010, S.22)[13]. Die Tatsache, dass unser individuelles Wertesystem und die Art, wie wir die Welt begreifen, von Erfahrungen und dem Austausch mit unserer Umgebung abhängt, bleibt von Pariser nahezu unberücksichtigt. Der Filter Bubble wird damit ein Stück ihrer machtvollen Aura entzogen.

Gleichheit als Chance

Daran anknüpfen lässt sich die Sichtweise des Autors David Weinberger (Too big to know), der sich in einem Interview im Jahr 2012 auf EconTalk zum Phänomen der Echo Chamber äußerte. Zwar sei es laut Weinberger wichtig, den Blick für andere Meinungen und Interessen zu weiten und nicht zu sehr auf die eigene Perspektive beschränkt zu bleiben, jedoch dürfe man nicht verkennen, dass ein gewisser Grad an Konsens und Gleichheit essenziell für das Funktionieren von Kommunikation sei:
„And so I worry that the echo chamber argument leads us to undervalue the extent to which we need similarity in order to have a simple conversation, or to have a culture at all.” (Weinberger 2012, 0:34:40)[14]
Das Wissen einer Gesellschaft und deren Kultur würden sich nur entwickeln, wenn eine bestimmte Basis bestehe, aus der neue Ansätze hervorgehen könnten. Dass also aus einer Gesprächsplattform Gleichgesinnter, die durchaus unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema besitzen, neue Ideen entstehen (und nicht nur in der Konfrontation mit dem „Fremden“; siehe: Ein Apfel fällt vom Baum – oder der Verlust des glücklichen Zufalls), hat Pariser nicht mitbedacht.

Zurück in die Zukunft

Zwar mögen die kritischen Einwände durchaus ihre Berechtigung haben und die Prognosen Eli Parisers noch Zukunftsmusik sein, dass diese sich aber doch noch bewahrheiten könnten, zeigen verschiedene Entwicklungen beispielhaft:

Eine Weiterführung personalisierter Werbung wird in Tokyos U-Bahnen angestrebt. Dort sollen mithilfe von Kameras das Geschlecht und das ungefähre Alter von Personen bestimmt werden, die sich in der Nähe einer Werbetafel aufhalten. Mit den gewonnenen Daten werden daraufhin entsprechende Botschaften ausgesendet. Das "Digital Signage Promotion Project" mag bei einigen die Erinnerung an den Science-Fiction-Thriller Minority Report wecken, dessen Werbern eine individuelle Ansprache von Passanten durch Werbeflächen gelingt.

Dass die personalisierte Bereitstellung von Informationen nach wie vor aktuell ist, zeigt auch einer der bekanntesten Nachwuchswettbewerbe Deutschlands: „Jugend forscht“. In diesem Jahr gewann der 19-jährige Moritz Uehling aus Stuttgart den Preis im Bereich Mathematik/Informatik. Er entwickelte das Programm „MonEzine“, das eintreffende Artikel aus Nachrichtenseiten und Blogs nach der Wahrscheinlichkeit sortiert, mit der sie gelesen werden.

Die Deutschen mögen das Internet vielleicht noch nicht als erste Informationsquelle nutzen, sie sind aber auf dem besten Weg dahin: Vor allem Jüngere verwenden laut Bitkom häufig das Internet, um sich auch über politische Themen auf dem Laufenden zu halten.

Beeindruckend ist auch die Tatsache, dass 15 Prozent derer, die einer Online-Community angehören, scheinbar alles in ihrer Community finden, was sie im Internet suchen, und Seiten außerhalb dieser Plattform nur wenig Beachtung schenken (vgl. Busemann 2013, S.396)[15]. Die Abweichung in der Zustimmung zu dieser Aussage sind zwischen den jüngeren und älteren Nutzern nur geringfügig (14-29 Jahre: 15%, 30-49 Jahre und ab 50 Jahre: jeweils 17%). Ein Grund für die Abhängigkeit der Nutzer von einem einzelnen Netzwerk ist die Geschlossenheit von Internetangeboten wie Facebook, Google oder Apple, die als „Walled Gardens“ fungieren (vgl. ebd.)[15]. Nach der erstmaligen Messung der ARD/ZDF-Onlinestudie im vergangen Jahr bleibt jedoch abzuwarten, wie sich diese Ergebnisse entwickeln werden.

Dass ein sensibler Umgang mit unseren Daten und der Filterung dessen, was wir zu sehen bekommen, notwendig ist, zeigt das jüngst bekannt gewordene Experiment der beiden Wissenschaftler Jamie Guillory und Jeffrey Hancock der Cornell Universität. Diese untersuchten den emotionalen Zustand von etwa 700.000 Facebook-Nutzern anhand derer Posts. Dabei wurde deren News Feed mithilfe von Facebook gezielt manipuliert, indem ein Teil der User vermehrt negative und der andere vermehrt positive Nachrichten angezeigt bekam. Das Gravierende daran: Die Nutzer wurden nicht eingeweiht. Hier zeigt sich deutlich die Macht, die Unternehmen durch die Filterung von Daten über ihre Kunden erhalten und was ein Missbrauch bewirken kann (zu dieser Studie ist ein ausführlicher Beitrag auf diesem Blog erschienen).

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung antwortete Pariser auf die Frage, ob wir dem Trend zur Filter Bubble hilflos ausgeliefert sind, wie folgt:
„Es ist zu früh zu sagen, ob wir wirklich hilflos sind. Am Ende geht es darum, ob wir Werkzeuge benutzen oder die Werkzeuge uns. Jemand der sich gut auskennt und das Problem versteht, kann die Filterblase zum Platzen bringen. Aber viele Internetnutzer sind noch nicht so weit, weil es nicht leicht ist, diese neue seltsame Welt ohne technischen Hintergrund zu verstehen.“ (Pariser zit.n. Süddeutsche 2012)[16]
Wie finden wir nun das Werkzeug, die passende Nadel, die die Blase unserer Online-Welt zum Platzen bringt? Pariser antwortet darauf mit einer kleinen Geschichte:
„There was a […] guy who looks at new mousetrap designs at the biggest mousetrap supply company. As it turns out, there’s not much need for a better mousetrap, because the standard trap does incredibly well, killing mice 90% of the time. The reason is simple: Mice always run the same route, often several times a day. Put a trap along that route, and it’s very likely that the mouse will find it and become ensnared. So, the moral here is: don’t be a mouse. Vary your online routine, rather than returning to the same sites every day. It’s not just that experiencing different perspectives and ideas and views is better for you – serendipity can be a shortcut to joy.” (Pariser zit.n. Popova 2011)[7] 

Abschließende Bemerkung und Ausblick

In einer Welt, in der wir uns häufig getrieben fühlen, in der Zeit zum Luxusgut wird und ständig Informationen auf uns hereinprasseln, sind wir dankbar für alles, was uns hilft, das tägliche Chaos zu ordnen. Je weiter wir eindringen in eine dynamische und informationsintensive Umgebung, desto mehr wünschen wir uns etwas oder jemanden, der unsere Bedürfnisse versteht und das, was wir benötigen, bereitstellt. Dieses etwas, oder jemand, wenn man berücksichtigt, dass sich dahinter Menschen mit bestimmten Absichten befinden, das uns zumindest Erleichterung im Umgang mit der Online-Welt verschafft, ist die durch Algorithmen ermöglichte Personalisierung des Internets:
„Die Entwicklung von personalisierten Suchergebnissen ist unverzichtbar, wenn man in Betracht zieht, wie viele neue Daten täglich online gestellt werden. [..] In einer Welt der unbegrenzten Information und der begrenzten Zeit können gezielte und persönliche Ergebnisse durchaus die Lebensqualität der Menschen verbessern.“ (Stalder/Mayer 2011, S.2)[8]
Die Vorteile der personalisierten Angebote zu verkennen und das Potenzial der Personalisierung vollkommen ungenutzt zu lassen, wäre sicherlich naiv. Dennoch ist es nötig, eine Grundlage zu schaffen, auf der wir diesen Diensten mehr Vertrauen entgegenbringen können: Es benötigt u.a. Organe der Aufsicht, Transparenz bei der Art und Weise, wie Filter eingesetzt werden, und eine Stärkung der Datenschutzgesetze. Im Hinblick auf die riesigen Datenmengen, die abgespeichert werden, bedarf es einer Regelung des Zugangs zu diesen. Sowohl öffentliche Anfragen über Gerichte, als auch solche, die außerhalb der Öffentlichkeit liegen, müssen einer stärkeren Kontrolle unterliegen. Letztendlich liegt es an jedem von uns, sich die Frage zu stellen, ob wir bereit sind, den Komfort, den uns die Filter Bubble bietet, gegen ein Leben in Selbstbestimmtheit einzutauschen.

Weiterführende Links und Literatur

Zur Frage, ob Suchmaschinen nicht nur Märkte, sondern auch unser Denken beherrschen, ist bei der Bundeszentrale für politische Bildung der sehr gelungene Band „Deep Search. Politik des Suchens jenseits von Google“ erschienen. Am Beispiel des Internetgiganten Google wird die Bedeutung von Suchmaschinen und deren Funktionsweise untersucht sowie Ansätze diskutiert, wie in Gesellschaft und Politik auf deren Macht reagiert werden kann.

Zum Thema Überwachungsstaat findet sich hier im Blog ein aufschlussreiches Video mit dem Titel „Überwachungsstaat – Was ist das?“, das die Thematik prägnant und verständlich zusammenfasst.
All diejenigen, die eine konkrete Anleitung bei der Frage wünschen, wie gegen den Filter Bubble-Effekt vorgegangen werden kann, werden auf der Website Eli Parisers unter „10 Things you can do“ fündig.



Wer eine Alternative zu Suchmaschinen wie Google, Yahoo oder Bing sucht, findet bei DuckDuckgo einen adäquaten Ersatz. Diese verzichtet nach Angaben der Betreiber auf eine personalisierte Suche und auf die Aufzeichnung und Weitergabe persönlicher Daten ihrer Anwender (mehr dazu findet man unter dem Punkt „Our Policy“).

Verwendete Quellen:

[1] Jäckel, Michael/Wollscheid, Sabine (2004): Mediennutzung im Tagesverlauf: Ausweitung des Angebots und Strukturen der Zeitverwendung. In: Statistisches Bundesamt. Forum der Bundesstatistik (Hrsg.): Alltag in Deutschland. Analysen zur Zeitverwendung, Bd. 43. Wiesbaden, S.373-411.

[2] Eimeren, Birgit van/Frees, Beate (2013): Rasanter Anstieg des Internetkonsums – Onliner fast drei Stundentäglich im Netz. ARD/ZDF-Online-Studie 2013. In: Media Perspektiven, 7-8/2013. Frankfurt a.M., S.358-372.

[3] Bitkom (2013a): Das WWW wird 20 Jahre alt. Online verfügbar unter: http://www.bitkom.org/de/presse/30739_76028.aspx , [zuletzt eingesehen: 16.07.14].

[4] The Broadband Commission for Digital Development (2013): The state of broadband 2013: Universalizing broadband. Online verfügbar unter: http://www.broadbandcommission.org/Documents/bb-annualreport2013.pdf, [zuletzt eingesehen: 16.07.14].

[5] Bitkom (2013b): Die zehn größten Gefahren im Internet. Online verfügbar unter:
http://www.bitkom.org/de/presse/30739_74922.aspx, [zuletzt eingesehen: 16.07.14].

[6] Pariser, Eli (2012): Filter Bubble. Wie wir im Internet entmündigt werden. München: Hanser.

[7] Popova, Maria (2011): The Filter Bubble: Algorthim vs. Curator & the Value of Serendipity. How the Web gives us what we want to see, and that’s not necessarily a good thing. Online verfügbar unter: http://www.brainpickings.org/index.php/2011/05/12/the-filter-bubble/, [zuletzt eingesehen: 16.07.14].

[8] Stalder, Felix/Mayer, Christine (2011): Der zweite Index. Suchmaschinen, Personalisierung und Überwachung. Online verfügbar: http://www.bpb.de/gesellschaft/medien/politik-des-suchens/75895/der-zweite-index, [zuletzt eingesehen: 16.07.14].

[9] Schubert, Klaus/Martina Klein (2011): Postmaterialismus. In: Das Politiklexikon. Begriffe. Fakten. Zusammenhänge. 5., aktual. u. erw. Aufl. Bonn: Dietz. Online verfügbar: http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/politiklexikon/18053/postmaterialismus, [zuletzt eingesehen: 16.07.14].

[10] Bohlken, Eike (2011): Die Verantwortung der Eliten. Eine Theorie der Gemeinwohlpflichten. Frankfurt a.M.: Campus.

[11] Weisberg, Jacob (2011): Bubble Trouble. Is Web personalization turning us into solipsistic twists? Online verfügbar: http://www.slate.com/articles/news_and_politics/the_big_idea/2011/06/bubble_trouble.html, [zuletzt eingesehen: 18.07.2014].

[12] Reuters Institute (2014): Tracking the future of news. Digital news report 2014. Online verfügbar: http://de.slideshare.net/NicNewman/reuters-institute-digital-news-report-2014-tracking-the-future-of-news, [zuletzt eingesehen: 18.07.2014].

[13] Abendschön, Simone (2010): Die Anfänge demokratischer Bürgerschaft. Sozialisation politscher und demokratischer Werte und Normen im jungen Kindesalter. Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung, Bd. 18. Baden-Baden: Nomos

[14] Roberts, Russ (2012): Weinberger on Too Big to Know. EconTalk Episode with David Weinberger hosted by Russ Roberts. Talk about Echo Chamber starting at about 00:30:24.

[15] Busemann, Katrin (2013): Wer nutzt was im Social Web? ARD/ZDF-Online-Studie 2013. In: Media Perspektiven, 7-8/2013. Frankfurt a.M., S.391-399.

[16] Süddeutsche (2012): Ausweitung der Komfortzone. Eli Pariser im Interview mit Johannes Kuhn und Mirjam Hauck. Online verfügbar: http://www.sueddeutsche.de/digital/eli-pariser-und-die-filter-bubble-ausweitung-der-komfortzone-1.1303419, [zuletzt eingesehen: 20.07.2014]

Mittwoch, 19. November 2014

NSA-Affäre

Ist die NSA-Affäre wirklich nichts Neues und schon wieder Schnee von gestern? Ich habe doch nichts zu verstecken, und wir werden sowieso alle überwacht! Diesen und vielen weiteren Aspekten geht Mikko Hypponen, ein Cybersicherheits-Experte, in Form eines TED-Talkes auf den Grund:


Montag, 10. November 2014

BND will SSL-geschützte Verbindungen abhören

Der Bundesnachrichtendienst will offenbar mit Hilfe von Exploits Verbindungen auswerten, die mit der Transportverschlüsselung SSL gesichert sind. Bis 2020 sollen 4,5 Millionen Euro in das Projekt fließen. 

Der Bundesnachrichtendienst BND will verschlüsselte Internet-Datenströme analysieren. Der Auslandsnachrichtendienst hat zu diesem Zweck bis zum Jahr 2020 rund 4,5 Millionen Euro für den Kauf von Werkzeugen und Informationen über "Zero Day Exploits" eingeplant. Sichere Verbindungen, wie die beim Online-Banking, könnten dadurch abgehört werden.

Michael Waidner, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie kritisiert das Vorhaben: "Den Markt für Schwachstellen zu unterstützen, ist aus staatlicher Sicht eine extrem schlechte Idee"

Quellen:
http://www.heise.de/newsticker/meldung/BND-will-SSL-geschuetzte-Verbindungen-abhoeren-2444901.html
http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/bnd-will-informationen-ueber-software-sicherheitsluecken-einkaufen-a-1001771.html

Sonntag, 6. April 2014

NSA – No Such Agency?!

NSA – No Such Agency?! - Spätestens seit den Enthüllungen von WikiLeaks und durch Edward Snowden ist die NSA sehr wohl bekannt. Doch was macht diese Behörde? Wer sind die Whistleblower? Wie kann ich mich besser schützen? Welche Auswirkungen sind zu erwarten? Diese Fragen sollen im Folgenden genauer untersucht werden.
Bildquelle: Wikipedia/NSA

Was ist die NSA überhaupt und wie arbeitet sie?

Der Slogan der National Security Agency (NSA) ist „Defending our nation. Securing the future.” Dem zunächst harmlos wirkenden Spruch ist auf den ersten Blick nichts entgegenzusetzen, denn schließlich möchte jede Nation das eigene Land schützen und die Zukunft sichern.

Die NSA ist zwar erst seit kurzem in den Medien präsent, doch ihre Geschichte reicht bereits lange zurück. Sie wurde am 4. November 1952 von Dwight D. Eisenhower gegründet. Vorher gab es schon Vorgängerorganisationen, die geheime Informationen des Deutschen Reiches während des Zweiten Weltkrieges beschaffen sollten, die noch unter anderen Namen tätig waren. Heutzutage hat die NSA die Aufgabe, ausländische Nachrichtenverbindungen abzuhören.

Formal ist die NSA heute noch, wie bereits bei ihrer Gründung, eine Unterabteilung des Department of Defense (Verteidigungsministerium der USA). Die NSA beschäftigt laut einer Schätzung etwa 40.000 Mitarbeiter und besitzt ein Haushaltsvolumen von ca. 10,8 Mrd. US-Dollar (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 7). Beide Angaben sind lediglich geschätzt, da die offiziellen Zahlen, falls es sie überhaupt gibt, geheim sind.

Im Vergleich dazu hat der Bundesnachrichtendienst, der als einziger deutscher Geheimdienst für die Auslandsaufklärung zuständig ist, lediglich ein Haushaltsvolumen von ca. 500 Mio. und beschäftigt ca. 6.500 Mitarbeiter. An diesen Zahlen lässt sich erkennen, welchen Stellenwert die beiden Länder dem Geheimdienst einräumen (vgl.Bundesfinanzministerium 2012, S.21).

Neben den finanziellen Mitteln stehen dem US-Geheimdienst auch zahlreiche Spionageflugzeuge und Schiffe zur Verfügung, um an jedem Ort eine bestmögliche Überwachung zu erreichen. Besonderen Ruhm erlangten die Lockheed U-2 Dragon Lady Flugzeuge, die im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion eingesetzt wurden, da diese durch ihre sehr hohe Flughöhe nicht erreichbar waren für andere Kampfjets.

Diese geheimen Einsätze sorgten für reichlich Spannungen zwischen den beiden Ländern. Dies verdeutlicht zudem auch, dass die USA schon eine jahrzehntelange Tradition besitzen, andere Länder auszuspionieren, und zwar meist durch technologischen Vorsprung.

Heutzutage ist es durch die Vernetztheit aller Lebensbereiche jederzeit möglich, dass sich Geheimdienste Wissen aneignen, das rein privat ist und geheim bleiben sollte. Ein Beispiel, wie die NSA nicht nur militärisch interveniert, bildet der Fall der Enercon GmbH aus den 1990er Jahren. Hierbei wurde ein deutsches Unternehmen ausspioniert und Firmengeheimnisse an US-Unternehmen geleitet, damit diese einen Vorteil daraus ziehen konnten.

Die NSA handelt nicht alleine - Five Eyes 

Weiterhin gilt es zu beachten, dass die NSA nicht alleine in diese weltweite Spionageaffäre verwickelt ist. Neben den US-amerikanischen Geheimdiensten sind auch die britischen Dienste aufgefallen, die unlängst Rede und Antwort stehen mussten. Dabei gestehen die Briten sogar ein, Wirtschaftsspionage betrieben zu haben.

Doch das ist längst nicht alles. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Spionageallianz "Five Eyes" ins Leben gerufen. Zu dieser besonderen Allianz zählen Australien, Großbritannien, Kanada, Neuseeland und die USA (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 14). Dadurch sollte gewährleistet werden, in jeder Region der Welt spionieren zu können. Weiterer Vorteil dieser Praxis ist, dass das jeweilige Land nicht seine eigenen Bürger ausspähen muss, da dies in den meisten Fällen nicht mit geltendem Recht vereinbar wäre. Diese Aufgabe wird nun von einem Vertragspartner übernommen, und die Daten werden einfach weitergereicht. Auffällig bei dem bisherigen Skandal ist, dass zunächst die NSA in den Mittelpunkt rückte und anscheinend alles von dieser Organisation ausging. In einem Bericht vom 22.6.2013 wird deutlich, dass vor allem Großbritannien mit seinem Geheimdienst sehr viel mehr überwacht als die NSA.

Dies zeigt auch das Beispiel in einem erst kürzlich bekannt gewordenen Bericht. Dort wird aufgezeigt, wie die Briten im Internet versuchen,. einzelne Menschen zu „zerstören“. Die FAZ veröffentlichte dies im Februar 2014 und legte somit ein neues Ausmaß der Spähaffäre offen.
Wieso solche Berichte erst durch Edward Snowden bekannt wurden, zeigt sich daran, dass die Geheimdienste sich erfolgreich gegen die Regierungen durchsetzten, die geheime Dokumente in Justizverfahren einsetzen wollten. Dem widersetzten sich jedoch die Geheimdienste und behielten letztlich die Oberhand. Sehr passend wurde dies in einem Artikel zusammengefasst. Ein Zitat aus besagtem Artikel deutet bereits an, worum es geht:
„In den als geheim eingestuften Papieren begründete der GCHQ das Vorgehen nicht in erster Linie mit möglichen Bedrohungen der Sicherheit. Vielmehr wollte der Geheimdienst offenbar der Gefahr vorbeugen, dass die großangelegten Spähprogramme selber ins Visier der Justiz geraten könnten.“
Dies veranschaulicht, dass die Geheimdienste stets Angst vor einer Enthüllung ihrer Praktiken hatten und es nie zu einer öffentlichen Debatte kommen sollte. Dass es nun doch zu eben einer solchen Debatte kommt, verdanken wir den Whistleblowern.

Wer nun denkt, dass vor allem die USA und Großbritannien spioniert, der irrt sich. Der deutsche Auslandsgeheimdienst BND überwacht genauso das Internet - auch das der eigenen Bevölkerung. Bisher, zumindest ist nichts weiteres bekannt, jedoch nicht in einem solchen Maße wie andere Geheimdienste. Die Frage nach der Rechtmäßigkeit solcher Verfahren muss dennoch gestellt werden (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 126 f.).

Im Oktober letzten Jahres wurde der kanadische Geheimdienst CSEC, Mitglied der Five Eyes, ebenfalls durch den Skandal überführt. Dieser Dienst hatte mit Hilfe der NSA unter anderem das brasilianische Energieministerium ausspioniert.

Whistleblower - wie alles an die Öffentlichkeit kam 

Zunächst muss geklärt sein, was ein Whistleblower ist. Wikipedia beschreibt es folgendermaßen: "… Ein Whistleblower (von engl.: to blow the whistle, ‚in die Pfeife blasen‘; im deutschen Sprachraum auch ‚Enthüller‘, ‚Skandalaufdecker‘ oder ‚Hinweisgeber‘) ist eine Person, die für die Allgemeinheit wichtige Informationen aus einem geheimen oder geschützten Zusammenhang an die Öffentlichkeit bringt …"

Die in letzter Zeit bekanntesten Whistleblower sind Julian Assange, Bradley Manning und Edward Snowden. Doch Whistleblower gibt es nicht erst seit diesen drei Personen. In einem Artikel der Zeit werden insgesamt acht Whistleblower vorgestellt, die Stellung zu ihren Motiven nehmen. Im Weiteren werden Assange und Snowden in den Mittelpunkt gerückt.

Assange ist vor allem durch die Enthüllungsplattform WikiLeaks, die er mitgegründet hat, berühmt und sogleich zum Staatsfeind der USA geworden. Das Motto von WikiLeaks lautet: „We open governments“. Auf WikiLeaks wurden anonym unter anderem Geheimdokumente veröffentlicht, die brisante Themen wie beispielsweise über den Irak- und Afghanistankrieg offenlegten. Eine kurze Darstellung der Ereignisse nach den Veröffentlichungen von Assange gibt es hier. Die Affäre um Assange ist bis heute noch nicht gelöst, was zu diesem weiteren Artikel führte. Hierbei versucht Assange, seine eigene Position zu stärken, und drohte mit weiteren Veröffentlichungen.

In einer Linie mit WikiLeaks und Assange ist der Whistleblower Bradley Manning zu nennen. Der zunächst geheim gebliebene Informant lieferte zahlreiche Dokumente und Videos an die Enthüllungshomepage, ehe Manning im Juni 2010 dem FBI durch einen Chat auffiel, in dem er sich als Informant verraten hatte und schließlich verhaftet wurde. Er ist einer der wenigen Whistleblower, die verhaftet wurden und denen danach ein Prozess gemacht wurde. Die US-Regierung statuierte an ihm ein Exempel, indem er zu 35 Jahren Haft verurteilt wurde (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 58). Ein solches Urteil soll künftige Whistleblower von Enthüllungen abhalten.

Der in jüngster Zeit bekannteste Whistleblower ist Edward Snowden. Er enthüllte seit Juni 2013 unter anderem das große Spionageprogramm PRISM. Mit seinen Dokumenten legte er offen, wie vor allem die NSA massenhaft Daten ausspionierte. Das Ausmaß der Spionage wird beispielsweise in diesem Spiegel Online Artikel aufgezeigt. Des Weiteren sind hier noch Details zu den einzelnen Ländern zu finden.

Den Whistleblowern stehen derzeit die Verantwortlichen der Geheimdienste gegenüber. Ein Beispiel liefert der Chef des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5. Dieser behauptet, dass die Enthüllungen vor allem Terroristen helfen würde. In diesem Artikel wird Stellung dazu bezogen und sogleich den fragwürdigen Aussagen widersprochen. 

Edward Snowden kurz vorgestellt 

Snowden, der bekannteste Whistleblower der Welt, wuchs in verschiedenen beschaulichen Wohnvierteln in den USA auf. Seine Eltern arbeiteten für die Regierung und führten ein bürgerliches Leben. Seine Schulzeit beendete Snowden ohne einen Abschluss nach der 9. Klasse. Als Traumberuf gab er an, er wolle einen Arbeitsplatz bei der Regierung (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 27 ff.). Zu seinen Hobbies zählt Kung-Fu, das er nach Berichten von Bekannten bis zur Perfektion gebracht habe. Weiterhin wuchs er als "digital native" auf und brachte sich sein IT-Wissen selbst bei, das er später noch unter Beweis stellen sollte.

Auf der Suche nach einer Arbeitsstelle schrieb er sich 2004 mit 21 Jahren bei der US-Armee ein und wollte in die Eliteeinheit Special Forces aufgenommen werden. Nach wenigen Wochen brach er sich bei einem Unfall beide Beine, womit die angestrebte Karriere beim Militär früh beendet war. Nach diesem Vorfall war er zunächst arbeitslos. Ein halbes Jahr später arbeitete er als Wachmann an einer Universität. Während dieser Zeit suchte er stets nach Jobangeboten beim State Departement. Für ihn überraschend wurde er zu einem Vorstellungsgespräch bei der CIA eingeladen und fand dort seinen nächsten Arbeitgeber. Mittlerweile hatte er seine IT-Kenntnisse deutlich verbessert, was ihn für die CIA interessant machte (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 32-34).

Anfangs musste er ins Ausland nach Genf, was als Sprungbrett für seine Karriere gedacht war. Zuständig war er zu Beginn lediglich für die Wartung der Computer und verschiedener Geräte. Er wurde mit einer Top-Secret Freigabe ausgezeichnet und lebte das Leben eines Geheimagenten (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 37 f.).

2009 verließ er die CIA wieder und suchte nach einem privaten Unternehmen, das eng mit den Sicherheitsbehörden kooperierte. Mit der Firma Dell fand er schließlich ein solches Unternehmen. Er wurde, wie er es sich wünschte, nach Japan versetzt und war für die Wartung der NSA-Rechner zuständig. Somit arbeitete er indirekt für die NSA, einer Sicherheitsbehörde, so wie er es sich erträumt hatte (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 46 - 47).

Im Rahmen seiner Arbeit stieß er auf ein geheimes Dokument, was er hätte melden müssen. Seine Neugierde siegte und er las es. Das Dokument besagte, dass das Weiße Haus die Nachrichtendienste drängte, die Grenzen des Rechtsstaats zu verschieben. Snowden gab dies sehr zu denken und er entschloss sich gegen seine Karriere und begann mit dem Sammeln von Daten, um diese an die Öffentlichkeit weiterzugeben. Dazu sagte er:
"Wenn die hochrangigsten Regierungsmitglieder das Gesetz brechen können, ohne Bestrafung oder auch nur irgendwelche Konsequenzen fürchten zu müssen, werden geheime Machtbefugnisse extrem gefährlich." (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 47 f.)
Mit dieser Einstellung trat Snowden noch einen anderen Job bei einer privaten Firma an, die noch enger mit der NSA zusammenarbeitete. Hierbei gelang es ihm, die Daten abzuschöpfen, die er für seine Enthüllungen benötigte. 

Möglichkeiten für einen besseren Schutz im Internet 

Durch die Enthüllungen von Snowden stellt sich die Frage, wie eine solche Spionage überhaupt möglich ist und was Deutschland bzw. jeder Einzelne von uns dagegen tun kann. Die Antwort für Deutschland lautet:
"Ohne fremde Hilfe, diesen Eindruck kann man durchaus bekommen, sind die deutschen Agentenjäger nur bedingt abwehrbereit.“
Dieses Zitat entstammt aus einem sehr ernüchternden Bericht vom Spiegel. Anscheinend sind die deutschen Geheimdienste gegenüber den ausländischen Diensten überfordert, und auch eine Art „Kompetenzgerangel“ innerhalb der Organisationsstrukturen in Deutschland ist nicht förderlich, wie aus dem Bericht hervorgeht.

Um nicht untätig zu sein, gibt es sechs Möglichkeiten, sich selbst etwas besser zu schützen:
  • Vorsicht bei der Wahl des Anbieters
  • Verschlüsseln von E-Mails und Daten
  • Vorsicht vor Metadaten
  • Verstecken Sie sich
  • Verzichten und vermeiden
  • Verantwortung übernehmen
Ausführliche Informationen zu den genannten Punkten finden Sie hier.

Trotz dieser Möglichkeiten des eigenen Schutzes ist es der NSA laut Angaben von Snowden gelungen, ca. 50.000 Netzwerke zu infiltrieren. Neben dieser geheimen Spionage der NSA, die illegal Daten abgreift, gibt es auch noch die CIA, die für interessante Daten an einen Telefonanbieter viel Geld überweist. Einen Überblick über die Möglichkeiten der NSA gibt der folgende Artikel.

Neben diesen Möglichkeiten, sich selbst besser zu schützen, gibt es auch Bestrebungen, die Geheimdienste von offizieller Seite in die Schranken zu weisen und somit einen besseren Schutz für die Bürger zu erreichen. Vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wird derzeit über eine Klage gegen die Regierung von Großbritannien verhandelt. Der Ausgang und mögliche Konsequenzen sind noch nicht abzusehen.

Chronologie der NSA-Affäre

Die folgende Zeitleiste veranschaulicht die bisherigen Entwicklungen. Dabei werden nur die wichtigsten Ereignisse aufgeführt. 

Mai 2013:
20. Mai 2013: Snowden fliegt von Hawaii (seinem Wohnort) nach Hongkong und trifft sich dort mit Reportern der Tageszeitung The Guardian. Er überreicht den Reportern Dokumente, die die Spähprogramme offen legen. 

Juni 2013:
Die Zeitungen The Guardian und The Washington Post veröffentlichen die Berichte über die Programme PRISM und Boundless Informant. 

6. Juni 2013: Der Guardian veröffentlicht die erste Enthüllung: die Geschichte eines geheimen Gerichtsbeschlusses, aus dem hervorgeht, dass die US-Regierung das Unternehmen Verizon zwang, Telefondaten von Millionen US-Bürgern auszuhändigen.

7. Juni 2013: Die Enttarnung des Spähprogramms "Prism", später eines ähnlichen, weltweit eingesetzten Programms namens "Boundless Informant" - grenzenloser Informant.

9. Juni 2013: Edward Snowden gibt sich öffentlich als Informant preis.

Veröffentlichung seines Interviews:


 

Die bisherigen Ereignisse der Enthüllungen um Edward Snowden sind in einem Bericht bei Zeit Online noch einmal zusammengefasst.

Oktober 2013:
23. Oktober 2013: NSA hörte Merkels Handy ab.
26. Oktober 2013: Merkel wird seit 2002 von den USA abgehört.
30. Oktober 2013: NSA zapft Millionen Nutzerdaten von Google und Yahoo ab.
31. Oktober 2013: Ströbele trifft sich mit Snowden.

November 2013:
1. November 2013: Snowden möchte in Deutschland aussagen.

Dezember 2013:
6. Dezember 2013: Snowden will vor Europaparlament aussagen.
19. Dezember 2013: Obama erhält Pläne zur Reformierung der Geheimdienste.
20. Dezember 2013: Britischer Geheimdienst überwachte auch Berliner Regierungsgebäude.
27. Dezember 2013: US-Bundesrichter erklärt NSA-Telefonüberwachung für legal

Januar 2014:
31. Janaur 2014: US-Außenminister weicht Frage nach einem No-Spy-Abkommen aus.

Februar 2014:
4. Februar 2014: NSA soll auch schon 2002/2003 Gerhard Schröder abgehört haben.
11. Februar 2014: Obama trifft Hollande und schließt ein No-Spy-Abkommen aus.
23. Februar 2014: Merkels Umfeld wird genauer beobachtet, nachdem Merkel selbst wohl nicht mehr ausspioniert wird. Namentlich wird Thomas de Maiziere genannt.

März 2014:
14. März 2014: Bundestag einigt sich auf NSA-Ausschuss.
23. März 2014: Ex-NSA-Chef entschuldigt sich bei Deutschen.
25. März 2014: Obama will Massenspeicherung beenden.
29.März 2014: NSA speicherte mehr als 300 Berichte über Merkel.

Eine ausführlichere Chronologie gibt es in folgendem Buch ab Seite 319:
Rosenbach, M. / Stark, H. (2014): Der NSA Komplex. Edward Snowden und der Weg in die totale Überwachung, Deutsche Verlags-Anstalt, München. 

Auswirkungen des Skandals 

Wie in Zukunft mit dem Skandal umgegangen wird bzw. welche Konsequenzen gezogen werden, muss sich erst noch zeigen. Die Auswirkungen dieses Skandals lassen sich bisher nur schwer abschätzen. Zu Beginn wurde besonders das Vertrauen zu den USA und den Briten erschüttert. Um dieses Vertrauen wiederherzustellen, bedarf es noch einiges an Zeit und entsprechenden Maßnahmen seitens der USA und Großbritannien.

Im weiteren Verlauf rückte das geplante Freihandelsabkommen TTIP in den Vordergrund. Zuletzt hatte das EU-Parlament mit dem Aus für das Abkommens gedroht. Somit würde das geplante Freihandelsabkommen letztlich als Folge des NSA-Skandals scheitern.

Im Zuge des Überwachungsskandals berät der Bundestag derzeit über Maßnahmen, wie dieser sicherer gegenüber Spionageattacken gemacht werden könne. Bei der USA-Reise von Merkel Anfang Mai dürfte zudem das Thema NSA und Überwachung auf der Tagesordnung stehen. Die Chancen auf ein No-Spy-Abkommen werden allerdings als niedrig eingestuft.

Abschließend kann gesagt werden, dass der NSA-Skandal ein sehr weitreichender ist, bei dem noch nicht alle Folgen abzusehen sind, zumal es ständig zu neuen Enthüllungen kommt. 

Zitate

Zitate aus dem hier verwendeten Buch von Rosenbach und Stark, die zeigen, was diesen Skandal ausmacht und daher für sich selbst stehen.

"Jeder, der je in einem Meeting mit Ed gesessen hat, wird das Gleiche sagen: dass er eine Klasse für sich war." 
Ein Exkollege über Edward Snowden
(vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 25)

"Wenn ich unerwartet sterben sollte, dann weder eines natürlichen Todes noch durch meine eigene Hand." 

Edward Snowden im Juni 2013 in Hongkong
(vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 56)

"Von meinem Schreibtisch aus hatte ich die Berechtigung, jeden abzuschöpfen, angefangen von Ihrem Buchhalter über einen Bundesrichter bis zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, wenn ich seine persönliche E-Mail-Adresse hätte."
Zitat Edward Snowden
(vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 86)

"Der Datenverkehr liefert uns die internen Video-Telefonkonferenzen der UNO (yay!)." 
Aus einem NSA-Bericht über Spionage gegen die Vereinten Nationen
(vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 146)

"In God we trust, everybody else we monitor." 
Geheimdienstspruch nach der Merkel-Abhöraffäre
(vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 223)

NSA-Skandal mal anders

Neben all diesen sehr ernsten Berichten ist der NSA-Skandal auch in der Kabarettszene ein wichtiges Thema geworden. Dabei wird der Skandal auf humorvolle Art und Weise beleuchtet. Die kabarettistische Aufarbeitung ergänzt und bereichert die Auseinandersetzung mit den Fakten.

Zunächst berichtet der Kabarettist Volker Pispers über die NSA. Danach werden zwei Beiträge aus der ZDF Serie "Heute-Show" gezeigt, bei denen im ersten Video noch der Beginn des Skandals beleuchtet wird. Später wird auf bereits geschehene neue Enthüllungen eingegangen.



 


Heute-Show Video 1:


 

Heute-Show Video 2:


 


Literatur

Rosenbach, M. / Stark, H. (2014), Der NSA Komplex. Edward Snowden und der Weg in die totale Überwachung, Deutsche Verlags-Anstalt, München.

Bundesfinanzministerium: http://www.bundesfinanzministerium.de/bundeshaushalt2012/pdf/epl04.pdf, aufgerufen am 25.2.2014.