Mittwoch, 14. März 2012

Wikipedia Teil IX (Fazit): Ist Wikipedia eine zuverlässige Quelle?

Im Rahmen eines Projekts an der PH Ludwigsburg haben wir uns in den letzten Wochen intensiver mit der Online-Enzyklopädie Wikipedia beschäftigt. Den Ausgangspunkt unserer Überlegungen bildete die Frage, ob es gerechtfertigt ist, dass viele Lehrende an Schulen und Hochschulen Wikipedia ablehnen oder sogar verbieten. Unsere Vermutung war, dass dieser Umstand mit mangelndem Verständnis hinsichtlich des Web 2.0 im allgemeinen und der Enzyklopädie im besonderen erklärt werden kann. In einer Reihe von Postings haben wir deshalb versucht, Wikipedia und dessen Nutzung zu erläutern:

Wikipedia Teil I: Wie ist Wikipedia entstanden?
Wikipedia Teil II: Grundprinzipien der Wikipedia
Wikipedia Teil III: Weitere Regeln in der Welt der "freien Enzyklopädie"
Wikipedia Teil IV: Erfolgsfaktoren und Wikipedianer
Wikipedia Teil V: Motivation der AutorInnen
Wikipedia Teil VI: Wie schreibe ich einen Artikel?
Wikipedia Teil VII: Wie finanziert sich Wikipedia?
Wikipedia Teil VIII: Weitere Projekte der Wikimedia Foundation

Dieses abschließende Posting bilanziert unsere Arbeit, indem wir eine Antwort auf die Frage anbieten, ob Wikipedia eine zuverlässige Quelle ist. Alle Postings zusammen werden dann als neues Unterkapitel im Abschnitt Lernen 2.0 des Online-Lehrbuchs zum Web 2.0 veröffentlicht.

Ist Wikipedia eine zuverlässige Quelle?
"Kein anderes Social-Software-Projekt hat in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit, Bewunderung und Kritik erfahren wie die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Das große Interesse an der Wikipedia lässt sich nicht allein damit erklären, dass scheinbar aus dem Nichts innerhalb weniger Jahre die größte Enzyklopädie der Welt entstand. Aufsehen erregte vor allem, wie sie entstand: In der Wikipedia kann nicht nur jeder Benutzer eigene Artikel erstellen, sondern auch fremde Lexikoneinträge frei bearbeiten" (Ebersbach u.a. 2011, S. 55).
Jede/r kann mitschreiben an dieser Enzyklopädie. An diesem zentralen Erfolgsfaktor entzündet sich auch die immer wieder vorgebrachte Kritik: "Was soll schon rauskommen, wenn jeder schreiben kann, was er will!" Hinter dieser Kritik steht das tief verankerte Vorurteil, dass die Masse dumm sei. Als Kronzeugen werden in der Regel Charles Mackay (Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds, 1841) und Gustave Le Bon (Psychologie des Foules, 1895 – deutsch: Psychologie der Massen) aufgerufen. An Belegen scheint es nicht zu fehlen, die Geschichte bietet reichlich Anschauungsmaterial für dumme Massen (von Lynch-Mobs bis hin zu periodisch wiederkehrenden Spekulationsblasen an der Börse). Wikipedia kann demnach nicht gut sein, weil das Welt- und Menschenbild dies nicht zulässt.

"Massen" – Gruppen von Menschen – sind aber nicht per se dumm, ebenso wenig sind sie aber auch immer weise, wie Surowieckis These von der "wisdom of crowds" häufig missverstanden wird. In seinem Buch "The Wisdom of Crowds" gelingt es ihm zu zeigen, unter welchen Bedingungen Gruppen gute bzw. schlechte Entscheidungen treffen (siehe Seite "Weisheit der Vielen" im Online Lehrbuch zum Web 2.0). Und er weist auf einen Umstand hin, der hilft, die Widerstände gegen Wikipedia besser zu verstehen: "One of the striking things about the wisdom of crowds is that even though its effects are all around us, it’s easy to miss, and, even when it’s seen, it can be hard to accept" (Surowiecki 2005, S. XIV).

Der Erfolg von Wikipedia mag schwer zu akzeptieren sein – auch und gerade, wenn man Teil der traditionellen Wissenselite ist –, schwer zu verstehen ist er nicht: Ein ausgegebenes Ziel (das Wissen der Menschheit zu sammeln und frei zugänglich zu machen) hat sich als so attraktiv erwiesen, dass sich eine ausreichend große und heterogene Community zusammengefunden hat, um das Projekt in Angriff zu nehmen. Und bislang ist es gelungen, die Community bei der Stange zu halten. Dabei war sicherlich hilfreich, dass es sich um ein non-profit Projekt handelt, das sich ausschließlich über Spenden finanziert. Hinzu kommt, dass das eingesetzte Mittel (Wiki-Software) ausreichend einfach zu bedienen ist.

David Weinberger (2011, S. 168) bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: "The network of Wikipedians is bound together by shared enthusiasm, an ethos, and constitutional principles." Geht man der Frage nach, ob Wikipedia eine zuverlässige Quelle darstellt, verdienen die "constitutional principles" besondere Beachtung, die wir – ihrer Bedeutung entsprechend – ausführlich dargestellt haben (Wikipedia Teil II: Grundprinzipien der Wikipedia). Das erste der vier Grundprinzipien ist das wichtigste:

Wikipedia ist eine Enzyklopädie. Das scheint auf den ersten Blick banal zu sein, kann aber in seiner Bedeutung kaum überschätzt werden, wie in der Folge auszuführen sein wird. Außerdem hat die Tatsache, dass Wikipedia ein bekanntes Konzept – das der Enzyklopädie – aufgreift, wesentlich zum Erfolg beigetragen, weil sich dadurch (manche) Koordinierungsfragen erst gar nicht stellten, wie Clay Shirky (2008, S. 116) betont:
"Wikipedia, like all social tools, is the way it is in part because of the way the software works and in part because of the way the community works. Though wikis can be used for many kinds of writing, the early users were guided by the rhetorical models of existing encyclopedias, which helped synchronize the early work: there was a shared awareness of the kind of writing that should go into a project called Wikipedia. This helped coordinate the users in ways that were not part of the software but were part of the community that used the software."
Dass Wikipedia eine Enzyklopädie ist, hat zur Folge, dass es vieles andere nicht sein kann, etwa ein Wörterbuch, ein Forum für den Austausch von (wissenschaftlichen) Ideen oder Theorien, ein Nachrichtenportal usw. Zur Frage, was Wikipedia nicht ist, gibt es sogar eine eigene Seite auf Wikipedia. Für viele dieser anderen Zwecke hat die Wikimedia Foundation Schwesterprojekte wie Wikinews oder Wiktionary ins Leben gerufen (Wikipedia Teil VIII: Weitere Projekte der Wikimedia Foundation).

Zum Konzept der Enzyklopädie gehört weiterhin zwingend – und dabei handelt es sich um das zweite Grundprinzip der Wikipedia –, dass die Artikel möglichst neutral sein sollen. Dafür steht das zwischenzeitlich über die Reihen der Wikipedianer hinaus bekannt gewordene Kürzel NPOV ("neutral point of view"). Über die Einhaltung dieser Prinzipien (und weiterer Regeln beispielsweise hinsichtlich der Relevanz von Artikeln) wacht die Community. Sie ist der entscheidende Faktor, der in den gängigen Vorwürfen ("da kann jeder reinschreiben, was er will") ausgespart bleibt. Wikipedia funktioniert, weil und solange ausreichend viele Menschen Beiträge leisten UND weil und solange die Community dem Vandalismus Herr werden kann.

Vandalismus – der Missbrauch des Projekts – stellt die größte Bedrohung dar. Die Formen sind vielfältig: falsche oder einseitige Informationen, aus Dummheit oder zu PR-Zwecken (Wikipedia zählt zu den zehn am meisten besuchten Websites der Welt!). Die Community reagiert laufend auf diese Bedrohung und probiert neue Instrumente aus. So wurde etwa die Sichtung eingeführt. Das bedeutet, dass Bearbeitungen von Neulingen erst sichtbar werden, wenn sie gesichtet wurden und bei dieser Prüfung festgestellt wurde, dass es sich nicht um offensichtlichen Vandalismus handelt.

Diese und weitere Maßnahmen dienen der Qualitätssicherung und -steigerung, einem zentralen Ziel der Wikipedia. Schritt für Schritt werden die Ansprüche an die Artikel hochgeschraubt. Sichtbares Zeichen hierfür ist, dass zunehmend Belege für die Informationen beigefügt werden müssen. Wikipedia nähert sich damit immer mehr wissenschaftlichen Gepflogenheiten. Außerdem wurden Auszeichnungen eingeführt ("Lesenswerter Artikel", "Exzellenter Artikel"), die nicht nur zur Motivation der AutorInnen beitragen, sondern auch ausgesprochen hilfreich für Leser sind.

Die Frage, ob Wikipedia eine zuverlässige Quelle ist, kann also mit ja beantwortet werden, sofern dieses Lexikon auch als solches genutzt wird (z.B. als Einstieg in ein neues Thema und nicht als Ersatz für Fachliteratur). Denn "glücklicherweise gibt es [...] weit mehr Autoren, die richtige Informationen einstellen, als solche, die Fehler verbreiten" (Richardson 2011, S. 96). Die Zuverlässigkeit gilt uneingeschränkt für Artikel mit Auszeichnung. Sie wird im übrigen durch einschlägige Studien bestätigt (z.B. Giles 2005 oder Günderoth/Schönert 2007).

Bei "normalen" Artikeln müssen allerdings mehrere Aspekte beachtet werden. So kann nicht vollständig ausgeschlossen werden, dass man das Pech hat, einen Artikel zu lesen, der kurz zuvor von einem Vandalen heimgesucht wurde. Das heißt, dass neben dem Text des Artikels auch die Versionsgeschichte und gegebenenfalls die Diskussionsseite einbezogen werden muss, was – nebenbei bemerkt – beim Einstieg in ein Thema über das Aufspüren von Vandalismus hinaus sehr hilfreich sein kann. Im Unterschied zu herkömmlichen Lexika wird man sofort auf strittige Aspekte und Kontroversen aufmerksam, die ansonsten von typischen Lexikonformulierungen überdeckt werden.

"Wikipedia ist", so Stefan Münker (2009, S. 97), "tatsächlich mehr als ein bloßes Nachschlagewerk geronnenen Wissens: Sie ist, gerade auf den jeden Artikel begleitenden Diskussionsseiten, auch die Live-Dokumentation der Entstehung und des Wandels von Wissen; sie ist aber auch [...] aufgrund ihres Erfolges dafür verantwortlich, dass wir über den Begriff des Wissens selber neu nachdenken müssen!" Diesem überaus interessanten Aspekt werden wir uns ausgehend von dem neuen Buch von David Weinberger ("Too Big to Know") unter der Überschrift "Wissen 2.0" im kommenden Semester zuwenden...

Doch zurück zu Wikipedia und der Frage nach der Verlässlichkeit: Nutzt man die Online-Enzyklopädie angemessen, also beispielsweise
  • um sich einen groben Überblick über eine (neue) Thematik zu verschaffen (hier kann auch WikiMindMap sehr hilfreich sein, ein Dienst, der auf Wikipedia aufsetzt),
  • um Begriffe zu klären, bei denen es nicht um die zentrale Fragestellung der zu erstellenden Arbeit geht, sondern bei denen ein schnelles Nachlesen en passant genügt,
  • um weitere Quellen zu einem (neuen) Thema zu finden (Belege, Links),
  • um sich über aktuellere Entwicklungen zu informieren, die noch nicht in Fachbüchern zu finden sein können,
dann spricht nichts gegen den Einsatz von Wikipedia. Darüber hinaus wäre ein Wikipedia-Verbot schädlich, würde man sich doch einer vielversprechenden Chance berauben, im Unterricht oder in Seminaren im Sinne des Lernens 2.0 auf Wissen(sgenerierung) im Web 2.0-Zeitalter zu sprechen zu kommen. Wie kann web literacy besser vermittelt werden als anhand einer Auseinandersetzung mit einem Wikipedia-Artikel? Wo wird "Lernen als Prozess" anschaulicher? Kurz und gut: Man kann Wikipedia nicht nur nutzen, man sollte Wikipedia sogar nutzen, gerade in der Schule und an der Hochschule.

Dabei versteht sich von selbst, dass für Wikipedia das gleiche gilt wie für alle Quellen: Man sollte sich nie auf eine einzige Quelle verlassen, immer mehrere Quellen verwenden und diese kritisch prüfen. Für den Bereich wissenschaftlicher Arbeiten kann nur unterstrichen werden, was Christian Spannagel bereits 2006 in seinem Blog-Beitrag "Wikipedia als Quelle in wissenschaftlichen Arbeiten" geschrieben hat:
"Eine wichtige Voraussetzung wissenschaftlichen Arbeitens ist die Kenntnis der relevanten wissenschaftlichen Literatur (Fachbücher, Zeitschriften, Journalartikel usw.). Mit Hilfe einer Enzyklopädie (wie beispielsweise Wikipedia) kann man sich einen groben Überblick über ein Wissensgebiet verschaffen. Durch die Lektüre wissenschaftlicher Literatur eignet man sich detailliertes Expertenwissen an. Niemand wäre früher auf die Idee gekommen, nur den Brockhaus als Quelle beim Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten zu verwenden und stattdessen auf die Lektüre wissenschaftlicher Quellen zu verzichten. Es wird auch niemand ernsthaft behaupten wollen, dass man sich mit Hilfe eines Wikipedia-Artikels in ein wissenschaftliches Gebiet einarbeiten kann. Dafür hat Wikipedia andere Qualitäten."
Literatur

Ebersbach, Anja / Glaser, Markus / Heigl, Richard (20112), Social Web, UVK, S. 39-60: „Wikis“.

Giles, Jim (2005), Special Report: Internet Encyclopaedias Go Head to Head; in: Nature, No. 7070, Vol. 438, S. 900-901.

Günderoth, Horst / Schönert, Ulf (2007), Wie gut ist Wikipedia?, in: Stern 50/2007, S. 30ff.

Münker, Stefan (2009), Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Die Sozialen Medien im Web 2.0, Suhrkamp, S. 95-102: „Kollektives Wissen und der Erfolg von Wikipedia“.

Pscheida, Daniela (2010), Das Wikipedia-Universum. Wie das Internet unsere Wissenskultur verändert, Transcript Verlag.

Richardson, Will (2011), Wikis, Blogs und Podcasts. Neue und nützliche Werzeuge für den Unterricht, Tibia Press, S. 95-116: „Wikis. Gemeinschaftsarbeit leicht gemacht“.

Schuler, Günter (2007), Wikipedia inside. Die Online-Enzyklopädie und ihre Community, UNRAST Verlag.

Shirky, Clay (2008), Here Comes Everybody. The Power of Organizing Without Organizations, Penguin, S. 109-142: “Personal Motivation Meets Collaborative Production”.

Stöcklin, Nando (2010), Wikipedia clever nutzen - in Schule und Beruf, Orell Füssli Verlag AG.

Surowiecki, James (2005), The Wisdom of Crowds, Anchor Books.

Tapscott, Don / Williams, Anthony D. (2007), Wikinomics. Die Revolution im Netz, Hanser, S. 71-76: „Die Enzyklopädie, an der jeder mitschreiben kann“.

Van Dijk, Ziko (2010), Wikipedia. Wie Sie zur freien Enzyklopädie beitragen, Open Source Press.

Weinberger, David (2008), Das Ende der Schublade. Die Macht der neuen digitalen Unordnung, Hanser, S. 160-176: „Anonyme Verfasser“.

Weinberger, David (2011), Too Big to Know. Rethinking Knowledge now that the Facts aren't the Facts, Experts are Everywhere, and the Smartest Person in the Room is the Room, Basic Books.

Wikimedia Deutschland e.V. (2011), Alles über Wikipedia. Und die Menschen hinter der größten Enzyklopädie der Welt, Hoffmann und Campe Verlag.

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