Montag, 16. März 2020

Ständige Erreichbarkeit - Welche Auswirkungen hat sie auf unsere Gesellschaft?

Alle7 Minuten Smartphone-Check“

„Der durchschnittliche Nutzer greift pro Woche 1.500 Mal zu seinem Smartphone“

„Ein Viertel der Millennials […] checkt über 100 Mal täglich das Smartphone […]. Zwischen drei und fünf Stunden ist das Smartphone jeden Tag im Gebrauch“
Artikel zu Studien über die besorgniserregend hohe Handynutzung, vor allem von Jugendlichen, finden sich online en masse. Es scheint so, als sei die Entwicklung des Smartphones die große Katastrophe des 21. Jahrhunderts. Hauptsächlich Jugendliche scheinen gefährdet und müssen vor ihm geschützt werden. Sind Smartphone und Co. eine Bedrohung für unsere Gesellschaft, die bekämpft werden sollte? Oder kann es zur Bereicherung statt Belastung im Alltag werden? Wie sich mobile Endgeräte und die damit einhergehende Möglichkeit zur ständigen Erreichbarkeit auf unser Leben und damit auch auf die Gesellschaft als Ganzes auswirken, soll im Folgenden behandelt werden.

Zunächst wird der Aspekt der ständigen Erreichbarkeit im Berufsleben untersucht. Es wird sich zeigen, inwieweit die aktuelle Arbeitswelt noch ein arbeitsfreies Privatleben zulässt. Selbiges soll hinsichtlich der ständigen Erreichbarkeit und ihrer Auswirkungen auf private Beziehungen anschließend untersucht werden. Da dieser Blogbeitrag im Rahmen eines Seminars für Lehramtsstudierende entsteht, darf ein Blick in die Schulen und deren Umgang mit mobilen Endgeräten und der dadurch entstehenden ständigen Erreichbarkeit nicht fehlen.

Anschließend sollen zunächst die negativen psychischen Auswirkungen wie Stress oder auch körperliche Symptome wie Schlaflosigkeit durch Medienkonsum betrachtet werden. Die Thematik der gesundheitlichen Auswirkungen von ständiger Erreichbarkeit und Präsenz wird mit einem extremen Beispiel aus Japan abgeschlossen: dem Phänomen Karoshi.

Der letzte Punkt soll sich mit Gegenbewegungen zur ständigen Erreichbarkeit, bzw. mit einem positiven Umgang, beschäftigen. Dabei wird es um Digital Detox, Achtsamkeit und zuletzt um die beiden Influencerinnen Lisa Sophie Laurent und Jana Kaspar alias JANAklar gehen, die sich beide nach einem Burnout mit Anfang 20 jeweils ihren Weg mit der ständigen Erreichbarkeit suchen. 

Ständige Erreichbarkeit

Die AOK informierte 2013 über den aktuellen wissenschaftlichen Stand zur Thematik der ständigen Erreichbarkeit und ihren Auswirkungen. Dabei wurde festgestellt, dass es keine allgemeingültige Definition für ständige Erreichbarkeit gibt. Zumal es sich dabei auch um keinen feststehenden Begriff handelt, sondern genauso gut Synonyme wie „ständige Verfügbarkeit“ oder „totale Erreichbarkeit“ verwendet werden können. Wird dennoch ständige Erreichbarkeit definiert, so lautet die Definition wie folgt:
Ständige Erreichbarkeit als weitestgehend unregulierte Form einer erweiterten Verfügbarkeit für dienstliche Belange außerhalb der regulären Arbeitszeit“ (Stroben 2013: S. 8).
Dabei wird Bezug auf die Ausarbeitungen von Dettmers und Bamberg (2013: S. 117f) genommen, die sich in ihrer Arbeit mit Verfügbarkeit für die Erwerbsarbeit beschäftigt haben. Sie unterscheiden zwischen den Arbeitsaufgaben, für die Personen verfügbar sein müssen. Beispielsweise gehen sie darauf ein, dass die Verfügbarkeit eines Kriseninterventionsteams andere Herausforderungen mit sich bringt als Verfügbarkeit für weniger pressante Tätigkeiten.

Es zeigt sich also, dass sich die vorhandenen Definitionen für ständige Erreichbarkeit hauptsächlich auf die Verfügbarkeit in der Arbeit beziehen. Diese Seminararbeit wird den Begriff dagegen weiter fassen und generell die Erreichbarkeit durch mobile Endgeräte behandeln. Dies stellt vor allem Social Media und damit die private Erreichbarkeit in den Mittelpunkt. Zunächst wird nun aber das ursprüngliche Feld der ständigen Erreichbarkeit in den Fokus gesetzt: Die Arbeitswelt. 

... in der Arbeitswelt

Schnell noch eine Nachricht schreiben und eine Frage mit dem Projektleiter klären. Oder bequem aus dem Home-Office die Kollegen erreichen, um sich auf einen Termin für das nächste Meeting zu einigen. Klingt auf den ersten Blick recht unkompliziert und effizient. Im Hinblick auf die reguläre Arbeitszeit bringen mobile Endgeräte sicherlich eine große Entlastung mit sich. Die Arbeitszeit wird in Studien zur Belastung durch ständige Erreichbarkeit auch oft nicht berücksichtigt, da es sich um den Zeitraum handelt, in dem es erwünscht ist, die Arbeit nicht aus dem Kopf zu bekommen. (Stroben 2013: S. 4)

Das Internet hat die Verlegung von der Arbeit im Büro in das Home-Office in dieser Form erst möglich gemacht. Von vielen Arbeitnehmenden wird es als Vorteil wahrgenommen, dass aufgrund von Selbstorganisation höhere Flexibilität auch bezüglich der Arbeitszeit möglich ist, zumal die fehlende Fahrt zum Büro und wieder zurück für viele eine hohe Zeitersparnis mit sich bringt. Dies führe zu besserer Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Außerdem steigt im Home-Office, zumindest laut subjektiver Aussagen, die Leistungsfähigkeit.

Klingt soweit alles recht positiv, sofern die Arbeitnehmenden im Home-Office konsequent auf Pausen achten und den Arbeitstag irgendwann auch konsequent beenden. Doch genau hier liegt die Gefahr. Viele tendieren stattdessen eher dazu, keine Pause zu machen, und bekommen aufgrund der fehlenden räumlichen Distanz auch mental keinen Schlussstrich am Ende des Arbeitstages hin. (Arlinghaus 2017: S. 4f)

Im Umkehrschluss lässt sich hier sagen, dass nicht nur die Arbeitnehmenden ständig erreichbar sind, sondern auch die Arbeit ständig erreichbar ist. Die Kombination aus beidem kann dazu führen, dass Betroffene nur noch für die Arbeit leben. Workaholism, oder zu deutsch Arbeitssucht, nennt sich dieses Phänomen. Das Privatleben rückt immer weiter in den Hintergrund, Pausen werden übergangen und die Gedanken drehen sich nur noch um die Arbeit, sodass es auch nach Feierabend zu keiner Entspannung kommen kann. Die Betroffenen scheinen nur noch in ihrer Arbeit Erfüllung zu finden, obwohl die ständige Überarbeitung sie langsam krank macht. So sind Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Magenreizungen typische Symptome der Arbeitssucht. 

... im Privatleben

Es zeigt sich also, dass ständige Erreichbarkeit im Berufsleben problematisch werden kann. Doch vorausgesetzt, die Arbeitenden schaffen es, die Arbeit im Büro zu lassen und dadurch ihr Privatleben davon abzugrenzen, sollte ständige Erreichbarkeit, entsprechend der Definition von Dettmers und Bamberg (2013: S: 117f), kein Problem mehr darstellen.

Dass dies nicht der Fall ist, zeigt eine Untersuchung der Schwenninger Krankenkasse (2019: S. 20) aus dem Jahr 2019. 34 Prozent der Befragten gaben dabei an, von ihrem Privatleben mehr gestresst zu werden als von ihrem Beruf, dem Studium oder ihrer Ausbildung. Dies traf hauptsächlich auf die 18- bis 25-jährigen und vor allem auf die 26- bis 34-jährigen zu. Wobei generell nur Personen im Alter von 14 bis 34 Jahren befragt wurden.

Laut Untersuchung sind digitale Medien ein großer Stressfaktor für die Befragten. Der meistgenannte Grund sind hierbei die vielen Ablenkungsmöglichkeiten, die vor allem das Web 2.0 im Bereich Social Media oder auch privaten Chats bereithalten. Direkt darauf folgt die Stressquelle „Ständige Erreichbarkeit für Freunde und Familie“ (Die Schwenninger Krankenkasse 2019: S. 24), die 54% der Befragten angaben. Dies wird tatsächlich als deutlich stressiger wahrgenommen, als für den Arbeitgeber ständig erreichbar zu sein, denn dieser Stressfaktor schafft es mit 32% nur an siebte Stelle. Es scheint also durchaus sinnvoll, den Begriff der ständigen Erreichbarkeit nicht nur auf die Erreichbarkeit im Berufsleben zu beschränken. Dass viele der Befragten Sorge haben, etwas zu verpassen, falls sie nicht online sind, oder nicht schnell genug auf Nachrichten zu reagieren, bezieht sich vermutlich auch auf die genannte zweitgrößte Stressquelle. (vgl. ebd.)

Der Grund für diese Furcht liegt laut einer aktuellen Studie der University of Arizona in der menschlichen Evolution. Demnach versucht der Mensch, sein Leben zu sichern, indem er enge Beziehungen mit einer kleinen Gruppe von anderen Menschen aufbaut, wie Familie und Freunde, die ihn im Falle einer Gefahr beschützen werden. Die Strategie, um in so einer Gruppe ein entsprechendes Vertrauen aufzubauen, basiert auf dem Teilen von persönlichen Informationen. Das Web 2.0, vor allem in der Verbindung mit mobilen Endgeräten, offenbart nun eine neue, schnellere und vor allem einfachere Möglichkeit, um diesem Bedürfnis nachzukommen.

Problematisch ist dabei, dass es sich meist nicht nur um eine kleine Gruppe handelt und es somit auch zum Stressfaktor werden kann, immer rechtzeitig auf Nachrichten zu antworten. Paradoxerweise kann es dadurch in den realen Beziehungen schwierig werden. Denn laut der Studie ist die volle Aufmerksamkeit auf das Gegenüber beim Teilen von persönlichen Informationen, um Vertrauen und damit eine enge Beziehung herzustellen oder aufrechtzuerhalten, essentiell. Muss das Gegenüber sich die Aufmerksamkeit z.B. mit dem Smartphone teilen, so ist es schwerer, eine tiefgehende Beziehung aufzubauen.

Dies hat beispielsweise Auswirkungen auf die Beziehung von Paaren. Gerade in dieser Form von Beziehung spielen Anerkennung und Aufmerksamkeit eine große Rolle. Die ständige Erreichbarkeit über mobile Endgeräte kann dabei stören und weckt eher Gefühle der Zurückweisung oder von Einsamkeit. Dies kann auf lange Sicht zu ernsthaften Beziehungskrisen führen. Dies kann soweit führen, dass betroffene Paare die Nähe ohne Ablenkung, die durch das Abschalten sämtlicher mobilen Endgeräte entsteht, nur schwer oder gar nicht aushalten können.

Laut dem Paar- und Tiefenpsychologen Wolfgang Krüger kann eine solche digitale Auszeit durchaus dazu führen, dass sich viele Paare trennen, da sie sich, eventuell auch durch die verstärkte Nutzung mobiler Endgeräte im Beisein des Partners, auseinandergelebt haben. Dennoch seien regelmäßige digitale Auszeiten, besonders im Alltag, sinnvoll. Die Rückbesinnung auf gemeinsame Zeit tatsächlich nur zu zweit und der damit einhergehende Raum für die Beziehung wirke sich auf einen Großteil der Paare positiv aus.

Doch nicht nur in Paarbeziehungen nimmt beispielsweise das Smartphone eine immer größere Rolle ein, auch die Eltern-Kind-Beziehung kann dadurch beeinträchtigt werden. In einer norwegischen Studie gibt jedes fünfte Kind an, dass die Eltern durch ihre mobilen Endgeräte mental nicht richtig anwesend sind und sie sich dadurch vernachlässigt fühlen. Eine ähnliche Studie in Schweden berichtet sogar von jedem dritten Kind. Die Eltern würden hinter ihren Smartphones verschwinden und ihre Kinder nicht mehr richtig beaufsichtigen.

Außerdem kann angenommen werden, dass nicht nur in Paarbeziehungen, sondern auch in der Beziehung mit Kindern die ungeteilte Aufmerksamkeit wichtig für den Aufbau einer vertrauten Bindung ist. Da ein Kind noch in der Entwicklung ist, kann dies für das Kind zu nachhaltigen Bindungsproblemen führen. Zudem wird im Rahmen der schwedischen Studie gewarnt, dass es durch weniger Kommunikation zwischen Eltern und Kindern zu einer verzögerten Sprachentwicklung kommen kann. Des Weiteren wird die Entwicklung von Depressionen befürchtet, wenn die Kinder aufgrund des Smartphones immer wieder Zurückweisung der Eltern erfahren.

Umgang in der Schule

Die beiden vorangegangenen Punkte zeigen, dass es sowohl im Berufs- als auch im Privatleben Probleme beim verantwortungsbewussten Umgang mit mobilen Endgeräten und der damit verbundenen ständigen Erreichbarkeit gibt. Wenn die Elterngeneration sich bereits nicht mehr langfristig von ihren mobilen Endgeräten lösen kann, so lernen ihre Kinder genau dieses Verhalten zu kopieren.

Die Institution, die hier frühzeitig eingreifen könnte, ist die Schule. Doch viele Schulen reagierten bereits auf die ersten einfachen Handys mit Abschottung, und dies änderte sich auch mit der Entwicklung der ersten Smartphones nicht. So galt an den meisten Schulen ein generelles Handyverbot. Grund dafür war, dass die Lernenden sich nur noch mit ihren Handys beschäftigt haben und Kommunikation zu kurz kam oder im Unterricht nachgeholt wurde. Ein Handyentzug wurde als förderliche Maßnahme gesehen, um die Konzentration der Lernenden zumindest in der Schule zu stärken.

Mit dem Einzug der Smartphones in die Kinderzimmer und damit auch in die Schule begann eine Diskussion über den Umgang damit im schulischen Kontext. Die Befürworter eines Handyverbots an Schulen argumentierten weiterhin mit Aspekten wie weniger Ablenkung und verweisen auf die vielfältigen Betrugsmöglichkeiten bei Klassenarbeiten. Die Gegner wiesen jedoch darauf hin, dass es im Leben auch kein Handyverbot gibt und daher die Vermittlung eines verantwortungsbewussten Umgangs mit mobilen Endgeräten sinnvoller und auch notwendig wäre. Dies wird durch ein generelles Handyverbot in der Schule nicht erreicht.

Wie sich bereits gezeigt hat, können digitale Auszeiten förderlich für das Pflegen von Beziehungen sein, und damit argumentieren auch die Befürworter von Smartphone-freien Schulen. Viele Schulen nutzen beispielsweise Klassenfahrten, um eine digitale Auszeit mit den Lernenden zu erleben. So soll geübt werden, auch ohne mobile Endgeräte klarzukommen und nicht in eine Abhängigkeit zu verfallen.

Eine Klassenfahrt bietet sich vermutlich eher dafür an, einen verantwortungsvollen Umgang mit mobilen Endgeräten zu üben, da es näher an dem privaten Alltag der Lernenden ist als die Umgebung der Schule. Das gezielte Üben von digitalen Auszeiten könnte daher für die Lernenden durchaus gewinnbringend sein. Dagegen stellt sich die Frage, ob ein generelles Verbot von mobilen Endgeräten an Schulen nicht eher zu einer erhöhten Nutzung nach der Schule führen könnte. Es ist eher fraglich, ob durch ein Verbot der richtige Umgang mit mobilen Endgeräten und der Möglichkeit der ständigen Erreichbarkeit erlernt wird.

Die Verbannung der Digitalisierung aus den Klassenräumen ist spätestens seit dem DigitalPakt Schule Geschichte. Dieser sieht vor, dass bis 2025 fünf Milliarden Euro vom Bund in die digitale Bildungsinfrastruktur investiert werden. Zusätzlich werden die Schulträger der Länder weitere 550 Millionen Euro dazu beisteuern. Das Ziel ist eine nachhaltige Entwicklung zu einem länderübergreifend höheren Standard für das digitale Lernen.

Die Infrastruktur für digitales Lernen soll also geschaffen werden und damit einhergehend werden neue Unterrichtskonzepte in den einzelnen Fächern ausgearbeitet, die digitale Medien einschließen bzw. auf ihnen aufbauen. Doch ein eigenständiges Fach „digitale Bildung“ gibt es nicht. Digitale Bildung, auch im Hinblick auf den Umgang mit ständiger Erreichbarkeit, kann also höchstens als einzelne Unterrichtseinheit gelehrt werden. Mit Verweis auf die vorherigen Gliederungspunkte könnte dies vielleicht etwas zu kurz gegriffen sein.

Doch immerhin gibt es Konzepte für eine Unterrichtseinheit zu ständiger Erreichbarkeit, wie von der Hans-Böckler-Stiftung. In dieser Untersuchung wird neben der arbeitsrechtlichen Seite auch die Möglichkeit beleuchtet, inwieweit mobile Endgeräte Stress verursachen können und inwieweit sich dies sowohl mental als auch körperlich auswirken kann. Allerdings ist die Unterrichtseinheit auf ständige Erreichbarkeit durch den Beruf beschränkt und behandelt ständige Erreichbarkeit durch beispielsweise Social Media nicht. Dabei ist dieser Bereich vermutlich näher an der Lebenswelt der Lernenden.

Auswirkungen von ständiger Erreichbarkeit

Bisher wurde hauptsächlich über die Auslöser von ständiger Erreichbarkeit und deren Auswirkung auf zwischenmenschliche Beziehungen berichtet. Im Folgenden sollen nun die Auswirkungen auf den Einzelnen und dessen mentale, aber auch die körperliche Gesundheit behandelt werden.

Psychische Auswirkungen 

Psychische Probleme wie vermehrter Stress, Erschöpfung und das Problem, zur Ruhe kommen zu können, sind die Symptome, welche im Zusammenhang mit ständiger Erreichbarkeit immer wieder auftauchen. Dabei ist egal, ob die betroffene Person sich nur in einer Erwartungshaltung befindet, um gegebenenfalls erreichbar zu sein, oder ob sie aktiv in der Freizeit mobile Endgeräte auch für berufliche Zwecke nutzt. Beide Zustände können zur selben Symptomatik führen. (vgl. Arlinghaus 2017: S. 4)

Ein generelles Problem ist die Suchtgefahr, die mobile Endgeräte mit sich bringen. Besonders die Altersgruppe zwischen 14 und 24 Jahren ist gefährdet. Zwar sind nur 2,4 Prozent der Frauen und 2,5 Prozent der Männer tatsächlich süchtig, jedoch kann die routinierte Nutzung mobiler Endgeräte, welche direkt nach dem Aufwachen beginnt und erst unmittelbar vor dem Schlafen endet, bereits als Anzeichen für eine Abhängigkeit genommen werden.

Ein Forschungsprojekt der Universität Bonn fand heraus, dass die durchschnittliche Smartphone-Nutzung bei zweieinhalb bis drei Stunden liegt, dabei wurde das Smartphone 88-mal kontrolliert und 53-mal entsperrt und genutzt. Wie sich bereits zeigte, können dadurch die realen Beziehungen gestört werden. Dass dies zugelassen wird, begründet der Studienleiter Alexander Markowetz mit der Möglichkeit zum schnellen Glück durch mobile Endgeräte.

Likes und Bestätigung durch Social Media bringen kurzfristig ein Glücksgefühl. Langfristig kann ständige Kommunikation jedoch auch Unzufriedenheit hervorbringen. Ständige Erreichbarkeit kann zur Überforderung des Gehirns führen. Dieses braucht regelmäßig Pausen, in denen es ohne Ablenkung abschalten und zur Ruhe kommen kann. Wird dies durch einen Zustand der ständigen Erreichbarkeit, ob im privaten oder beruflichen Kontext, nicht gewährleistet, so kann dies krank machen.

Gerade für Kinder kann eine permanente Präsenz von digitalen Medien problematisch werden. Bereits Säuglinge können Fütter- und Einschlafprobleme bekommen, wenn ihre Eltern parallel immer den Blick auf ihre mobilen Endgeräte richten. Auch Bindungs- und Konzentrationsprobleme, sowie eine verminderte Sprachentwicklung können Folgen von starkem Medienkonsum in jungen Jahren sein.

Die Nutzung von mobilen Endgeräten muss nicht zwangsläufig negative psychische Folgen haben. Ein verantwortungsbewusster Umgang kann die einzelne Person in ihrer Persönlichkeitsentwicklung auch weiterbringen. So kann die Vernetzung mit Gleichgesinnten über Social Media zu einem besseren Selbstbild und dadurch einem höheren psychischen Wohlbefinden führen.

Auch die Nutzung von Messanger-Diensten kann durchaus zu einer guten sozialen Integration führen, wenn sie beispielsweise für das Knüpfen neuer Kontakte oder das In-Kontakt-Bleiben mit alten Freunden und Familie genutzt wird. Dabei ist allerdings wichtig, dass die Beziehungen nicht ausschließlich online geführt werden. Entscheidend ist auch, dass die Nutzung der mobilen Endgeräte dabei in einem gesunden Rahmen bleibt und sich nicht zu ständiger Erreichbarkeit entwickelt, da diese die oben genannten negativen psychischen Auswirkungen zur Folge haben kann.

Gesundheitliche Auswirkungen

Unter dem Punkt „Ständige Erreichbarkeit … im Privatleben“ wurde bereits die Untersuchung der Schwenninger Krankenkasse angeführt. Hier wurden nicht nur Stressfaktoren bezüglich digitaler Medien untersucht, sondern auch, welche Auswirkungen diese zeigen. Dabei berichtete rund die Hälfte der Befragten von Schlafmangel, Problemen beim Einschlafen und Erschöpfung. Gereiztheit, weniger persönliche Kontakte und negative Auswirkungen auf die Ernährung durch Zeitmangel wurden ebenfalls genannt. 26 Prozent berichteten außerdem, dass sich ihre Sehleistung verschlechtert habe. (Die Schwenninger Krankenkasse 2019: S. 27)

Auch wenn viele Erwerbstätige die Digitalisierung als positiv empfinden, wie eine Barmer-Studie aus dem Jahr 2016 belegt, so bestätigt dieselbe Studie dagegen die Erkenntnisse der Schwenninger Krankenkasse. Die neu gewonnene Flexibilität am Arbeitsplatz birgt gewisse gesundheitliche Schattenseiten. So berichtet die Studie ebenfalls von Schlafproblemen. Zusätzlich werden Rücken- sowie Kopfschmerzen und auch ein Gefühl des Ausgebranntseins genannt.

Die Rückenschmerzen können vor allem durch Smartphone-Nutzung entstehen, da diese Tastatur und Display in einem besitzen. Die Nutzung erfolgt dabei meist in einer gekrümmten Haltung, welche zu Nackenverspannungen führen kann. Bei regelmäßiger und jeweils langandauernder Nutzung kann diese Haltung sogar zu Muskel-Skelett-Erkrankungen führen. Neben einer gekrümmten Haltung können digitale Endgeräte auch für einen Bewegungsmangel sorgen, da gerade für Jugendliche die Nutzung selbiger Geräte interessanter ist, als sich körperlich zu betätigen. Dies kann nicht nur die körperliche, sondern auch die geistige Gesundheit gefährden.

Die bereits mehrfach genannten Probleme beim Einschlafen können ebenfalls direkt auf die Nutzung von mobilen Endgeräten zurückgeführt werden. Der hohe Blauanteil im Licht der Displays ist hierfür verantwortlich. Er verhindert die Ausschüttung des Schlaf-Hormons Melatonin, welches bei Dunkelheit ausgeschüttet wird und so ein leichtes Einschlafen in der Nacht ermöglicht. Das Licht des Displays signalisiert dem Körper dagegen, es sei Tag und er müsse wach bleiben. Viele mobile Endgeräte besitzen mittlerweile einen aktivierbaren Filter, welcher die Blautöne abmildert. Ein genereller Verzicht auf mobile Endgeräte vor dem Schlafen wäre jedoch sicherlich am sinnvollsten.

Karoshi

Wie belastend ständige Erreichbarkeit im Extremfall werden kann, zeigt sich mittlerweile in Japan. Karoshi ist dort eine nicht untypische Todesursache, die sich inzwischen zum nationalen Problem entwickelt hat. Karoshi bedeutet „Tod durch zu viel Arbeit“ und äußert sich in direkter Form meist als Herzversagen, aber auch Selbstmorde können Karoshi zugeordnet werden. Bereits 1982 wurde Karoshi erstmalig diagnostiziert.

Verschiedene Umstände können dazu führen, dass ein Todesfall als Karoshi gewertet wird. So können mehr als 100 Überstunden in einem Monat oder mehr als 80 Überstunden pro Monat über zwei bis sechs Monate verteilt sowie unregelmäßige Arbeitszeiten, Arbeitszeiten ohne Pause oder häufige Dienstreisen als Indikator dafür gelten, dass Überarbeitung die Todesursache ist. Diese Einordnung ist vor allem für die Hinterbliebenen relevant, da sie nur in einem bestätigten Fall eine Entschädigung gezahlt bekommen.

Der Selbstmord aufgrund von Überarbeitung wird Karojisatsu genannt. Laut des japanischen Gesundheitsministerium wurden von März 2006 bis März 2007 176 Suizide aufgrund der beruflichen Belastung begangen. Als Karojisatsu wurden jedoch nur 66 von ihnen anerkannt. Zudem berichtet die Polizei von über 2000 Suiziden, die sich durch Überarbeitung begründen lassen. Generell ist zu sagen, dass Japan die höchste Selbstmordrate weltweit hat.

Der prominente Fall der Reporterin Miwa Sado, die im Jahr 2013 nach 159 Überstunden in einem Monat an Herzversagen verstarb, machte das Thema in der japanischen Gesellschaft noch deutlich präsenter. Besonders da Sado für den Sender NHK arbeitete, der wiederholt über Karoshi berichtete und die hohe Arbeitsbelastung in Japan bemängelte. Dennoch wurde bisher keine nachhaltige Entwicklung in der japanischen Arbeitskultur veranlasst.

Es muss natürlich zwischen Überstunden, in denen aktiv gearbeitet wird, und der bloßen Erreichbarkeit nach Feierabend unterschieden werden. Dennoch zeigt das Beispiel aus Japan, wie sehr die ständige Verfügbarkeit für den Beruf schaden und sogar bis zum Tod führen kann. 

Gegenbewegung

Bisher zeigte sich, dass ständige Erreichbarkeit auf Körper und Geist negative Auswirkungen haben kann. Die Symptome reichen von Kopf- und Rückenschmerzen über Schlafprobleme bis hin zu Stress und Erschöpfung, was in Japan immer öfter auch zum Tod führt. Der vorliegende Blogbeitrag beschäftigte sich bisher hauptsächlich mit den negativen Effekten von ständiger Erreichbarkeit, sowohl im Berufsleben als auch in der Freizeit. Ob es auch positive Auswirkungen von ständiger Erreichbarkeit gibt, ist bislang noch nicht untersucht. Es gibt jedoch Überlegungen, ob ständige Erreichbarkeit beispielsweise für Personen mit Führungsverantwortung und gleichzeitig einer autonomen Gestaltung der Arbeitszeit, als angenehm empfunden werden könnte. Konkrete Untersuchungen liegen zum aktuellen Zeitpunkt jedoch nicht vor. (vgl. Arlinghaus 2017: S. 4)

Da viele Menschen ständige Erreichbarkeit als belastend wahrnehmen, wie unter den vorherigen Gliederungspunkten immer wieder deutlich wurde, entstehen immer mehr Gegenbewegungen zu einer 24-Stunden-Gesellschaft. Digital Detox und Achtsamkeit sind hierbei die relevanten Stichworte, welche im Folgenden näher betrachtet werden sollen.

Digital Detox

Social-Media-Plattformen konnten erst durch die Digitalisierung entstehen. Sie leben davon, dass ihre User immer online und erreichbar sind. Dennoch ergibt eine Suche auf Instagram nach #digitaldetox 154.183 Beiträge (Stand 09.02.2020). Der Dritte der Top-Beträge fordert zu "unplug from your phone after 5pm" auf und widerspricht damit komplett dem Prinzip, nach welchem Social Media eigentlich funktioniert - dem der ständigen Erreichbarkeit. Paradox ist die Aufforderung vor allem vor dem Hintergrund, dass Instagram vor allem in der Zeit nach 17 Uhr stattfindet. Als optimale Zeit für das Posting eines neuen Beitrags gilt unter der Woche die Zeitspanne zwischen 18 und 19:30 Uhr.

Digital Detox, zu deutsch digitale Entgiftung, ist das Label einer immer größer werdenden Gegenbewegung zur ständigen Erreichbarkeit. Mit Digital-Detox-Urlaubsangeboten wird der Wunsch nach dem wortwörtlichen Abschalten kommerzialisiert. Doch im Alltag sind die mobilen Endgeräte dann wieder in ständiger Reichweite. Problematisch ist dabei vor allem der routinierte Griff zum Smartphone, denn dieser erfolgt nicht nur, wenn ein tatsächliches Bedürfnis danach besteht. Stattdessen wird jeder freie Moment durch diese Handlung ausgefüllt, obwohl beispielsweise das Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung im Vordergrund stehen sollte.

Häufige und selbstgewählte digitale Auszeiten unterscheiden nicht-gestresste von gestressten Teilnehmende der bereits zitierten Untersuchung der Schwenninger Krankenkasse. Ob die Befragten auch „analogen“ Hobbys nachgehen oder nicht, hatte hingegen keinerlei Auswirkungen. Dieses Ergebnis spricht dafür, dass Digital Detox den Stress, welcher auch bei den Befragten zu großen Teilen aus ständiger Erreichbarkeit besteht, reduzieren kann. (vgl. Die Schwenninger Krankenkasse 2019: S. 37)

Maike Engel, welche unter anderem Firmen bezüglich Digital Detox berät, spricht sich gegen ein komplettes Abschalten der digitalen Medien aus. Sie hält Digitalisierung für etwas Positives und eine digitale Balance für die Lösung. Als direkte Maßnahme für diese Balance empfiehlt sie das Stummschalten mobiler Endgeräte, da so ständige Störungen vermieden werden. Es geht um die Reduktion von Reizen, wie es generell beim Fasten der Fall ist.

Wie oben bereits erwähnt, hinterfragen viele ihren Medienkonsum im Alltag nicht und greifen aus Routine ständig zu ihren mobilen Endgeräten. Digital Detox muss daher nicht den kompletten Verzicht auf digitale Endgeräte bedeuten, sondern kann auch auf einen bewussteren Umgang abzielen. So können beispielsweise bestimmte Zeiten festgelegt werden, in welchen die mobilen Endgeräte abgeschaltet werden. Auch das regelmäßige Einlegen eines analogen Wochenendes kann eine Form des Digital Detox darstellen und zu einem bewussteren Umgang mit mobilen Endgeräten führen. 

Achtsamkeit

Was auf Social Media das Digital Detox ist, ist die Achtsamkeit in der Buchhandlung. Thalia bietet hier mehr als 1.000 Treffer, Weltbild genau 3107 und Amazon sogar mehr als 30.000 Ergebnisse auf die Suche nach Achtsamkeit an. Demnach scheint das Thema eine große Nachfrage zu haben.
„Achtsamkeit ist eher Haltung als Fertigkeit. Wann immer wir spüren, dass wir wieder in der alten Tretmühle sind und auf Autopilot geschaltet haben, können wir uns […] bewusst dafür entscheiden auszusteigen […]“ (Collard 2016: S. 87).
So definiert ‚Das kleine Buch vom achtsamen Leben‘ eine alltägliche Achtsamkeit. Es verspricht, mit zehn Minuten Achtsamkeit am Tag Stress zu reduzieren. Allgemeiner formuliert lässt sich Achtsamkeit als „die nicht-wertende Aufmerksamkeit dem aktuellen Moment gegenüber“ definieren. Dabei ist zu beachten, dass es viele verschiedene Achtsamkeitszustände gibt. Des Weiteren ist Achtsamkeit klar von dem Konzept der Konzentration abzugrenzen, da hierbei der Fokus auf einem bestimmten Reiz liegt. Achtsamkeit legt den Fokus dagegen auf den Strom aller vorhandener Reize.

Auch Meditation ist nicht gleichbedeutend mit Achtsamkeit, obwohl Achtsamkeit durch Meditation trainiert werden kann. Letztendlich geht es in der Achtsamkeit aber schlicht um die vollkommene Präsenz in der aktuellen Situation. Die Gedanken bleiben bei der aktuell ausgeführten Tätigkeit und nehmen die dadurch entstehenden Reize wahr, ohne gedanklich abzuschweifen. Diese Wahrnehmung geschieht ohne Wertung. (vgl. Niedermair et al. 2019: S.5f)

Achtsamkeit stellt somit ein klares Gegenteil zu ständiger Erreichbarkeit dar. Mobile Endgeräte reißen ihre Nutzenden immer wieder aus dem Hier und Jetzt. Die Achtsamkeit legt ihren Fokus dagegen auf die vollständige Präsenz im Hier und Jetzt. Die Sorge, eine wichtige Nachricht zu verpassen, versetzt viele in ständige Alarmbereitschaft und lässt sie mit ihren Gedanken überall sein, nur nicht in der aktuellen Situation. Achtsamkeit soll dagegen Zeit und Ruhe geben, um zu sich selbst zu kommen und nur die vorherrschende Situation wahrzunehmen. Dabei soll durch Meditation trainiert werden, dem Impuls zur ständigen Erreichbarkeit nicht immer nachzugeben, sondern zu reflektieren, ob eine sofortige Reaktion in der gegebenen Situation notwendig ist oder nicht, und sich entsprechend weniger von mobilen Endgeräten ablenken zu lassen.

Ein Grund für das große Interesse an der Thematik liegt sicherlich auch daran, dass immer mehr Menschen sich dessen bewusst werden, wie häufig die ständige Erreichbarkeit durch mobile Endgeräte sie vom realen Leben ablenkt. Dieser Trend bleibt auch Herstellern wie Apple nicht verborgen, sodass beispielsweise das iPhone mit einigen Tools für digitale Achtsamkeit ausgestattet wurde. So soll es für die Nutzenden möglich sein, die Nutzungsdauer einzelner Apps pro Tag zu beschränken. Auch welche Apps Benachrichtigungen senden dürfen, soll nun individuell einstellbar sein. Außerdem können die Nutzenden nun einsehen, wieviel Zeit sie mit den einzelnen Apps verbracht haben.

Festzustellen ist hierbei, dass einzig die Möglichkeit zur Beobachtung und Bewusstwerdung der Nutzungsdauer der oben genannten Definition von Achtsamkeit entspricht und auch nur, wenn dies wertfrei geschieht. Die Nutzungsdauer einzelner Apps zu beschränken und damit den Konsum digitaler Medien zu beschränken, entspricht eher dem Prinzip des Digital Detox. 

Beispiel Lisa Sophie Laurent und JANAklar

Eine noch recht neue Berufsgruppe hat mit der Thematik der ständigen Erreichbarkeit besonders viel zu tun – Influencer*innen auf Social Media. Als Influencer*innen gelten Personen, die viele Menschen erreichen und dabei deren Meinung beeinflussen. Im Social-Media-Bereich geschieht dies in Blogs oder auf Plattformen wie Instagram oder YouTube.

Influencer*innen sind interessant für Unternehmen, welche ihre Produkte an eine bestimmte Zielgruppe vermarkten möchten. Wenn Influencer*innen ihren Fans ein Produkt vorstellen, ist es wahrscheinlich, dass diese vermehrt zu dem beworbenen Produkt greifen. Je größer die Reichweite der Influencer*innen, desto interessanter werden sie für Unternehmen. Hieraus kann geschlussfolgert werden, dass Influencer*innen auf Social Media konstant daran arbeiten müssen, immer mehr Menschen für ihre Inhalte zu begeistern.

Die beiden Influencerinnen Jana Kaspar alias JANAklar und Lisa Sophie Laurent sind beide sowohl auf YouTube als auch auf Instagram aktiv. Dabei erreicht Jana Kaspar auf YouTube 471.000 und Lisa Sophie Laurent 346.000 Menschen (Stand 14.03.2020). Laut ihrer Instagram-Biografie ist Lisa Sophie Laurent YouTuberin, Moderatorin, Autorin und ist an der Produktion eines Podcasts beteiligt. Jana Kaspar ist ebenfalls YouTuberin, Autorin und auch an einem Podcast beteiligt.



Die eingebettete Dokumentation zeigt, wie die beiden Influencerinnen mit Anfang 20 ein Burnout erlitten und wie sie bis heute mit dieser Problematik umgehen. Lisa Sophie Laurent nennt als Gründe für ihren Burnout unter anderem, dass die Algorithmen der Social-Media-Plattformen dafür sorgen, dass die betreffenden Kanäle nicht mehr angezeigt werden, falls nicht täglich etwas hochgeladen wird und daher beispielsweise ein zweiwöchiger Urlaub die Karriere beenden oder zumindest beschädigen kann.

Jana Kasper berichtet daraufhin, dass sie deshalb praktisch rund um die Uhr arbeitet und Privat- und Berufsleben so sehr verschwimmen, dass sie nicht mehr unterscheiden kann, wann es wirklich ihre reine Freizeit ist. Dabei verspürte sie lange einen großen Druck, der Social-Media-Welt gerecht zu werden. Lisa Sophie Laurent berichtet davon, dass sie neben ihrer YouTube-Karriere als Autorin, Journalistin und Moderatorin arbeitet und dadurch allein ein Arbeitspensum erledigt hat, welches normalerweise von mehreren Leuten erfüllt werde. Sie hielt es zunächst für völlig normal, dass sie Probleme beim Einschlafen bekam und hatte das Gefühl, dass sie sich mit den Symptomen ihres beginnenden Burnouts nun nicht auseinandersetzen könne, weil sie am nächsten Tag wieder präsent sein musste.

Die beiden YouTuberinnen haben ihren jeweils eigenen Weg aus dem Burnout gefunden. Jana Kaspar ist zurück in eine ländliche Gegend gezogen, da sie in der Natur die Ruhe findet, um zu sich selbst zu kommen. Sie überlegt, ob sie ab und an einen Offline-Tag einlegen solle, wobei sie anmerkt, dass es ihr extrem schwer falle, offline zu sein. Lisa Sophie Laurent setzt ebenfalls auf Digital Detox und macht nun mit Hilfe einer App spätestens um 18 Uhr Feierabend. Besagte App blockiert für sie ihre Social-Media-Accounts in der Zeitspanne von 18 bis neun Uhr. Dadurch ist sie gezwungen, nicht ständig erreichbar zu sein.

Lisa Sophie Laurent und Jana Kaspar sind gute Beispiele dafür, wie sich ständige Erreichbarkeit auswirken, jedoch auch ein guter Umgang damit gelingen kann. Sicherlich haben noch weitere Faktoren die Entwicklung eines Burnouts bedingt. Dennoch berichten beide von typischen Symptomen, welche durch ständige Erreichbarkeit ausgelöst werden können, wie beispielsweise Probleme beim Einschlafen.

Ihr heutiger Umgang mit der Thematik entspricht durchaus den bereits beschriebenen Gegenbewegungen zur ständigen Erreichbarkeit. Entsprechend der Definition von Achtsamkeit nutzt Jana Kaspar die Ruhe in der Natur, um den aktuellen Moment bewusst wahrzunehmen und zu sich selbst zu kommen. Die Überlegung eines Offline-Tages geht dagegen eher in die Richtung des Digital Detox. Ihre Anmerkung, sehr ungern offline zu sein, weist dagegen darauf hin, dass sie wohl nach wie vor den Druck verspürt, ständig erreichbar sein zu müssen. Lisa Sophie Laurent hat ein tägliches Digital Detox bereits umgesetzt, um ihre Freizeit klar abzugrenzen und sich damit von dem Stress, den ständige Erreichbarkeit mit sich bringt, zu lösen.

Fazit

Der vorliegende Blogbeitrag hat sich dem Begriff der ständigen Erreichbarkeit in verschiedenen Kontexten angenähert. Zunächst wurde ständige Erreichbarkeit im Berufsleben betrachtet, welche beispielsweise durch das Home-Office oder aufgrund ständiger Erreichbarkeit für den Chef oder Kolleg*innen durch mobile Endgeräte erzeugt wird. Die Untersuchung der Schwenninger Krankenkasse zeigte jedoch, dass ständige Erreichbarkeit im privaten Kontext als stressiger wahrgenommen wird. Bereits in der Schule handelt es sich hierbei um eine relevante Thematik, da fast alle Schüler*innen über mobile Endgeräte verfügen und eine verantwortungsbewusste Nutzung auch gelernt sein will.

Auf die psychischen und gesundheitlichen Auswirkungen für die einzelne Person wurde ebenfalls eingegangen. Dass es im Extremfall eine große gesellschaftliche Problematik werden kann, zeigte sich am japanischen Beispiel des Karoshi. Abschließend wurden die Gegenbewegungen Achtsamkeit und Digital Detox sowie zwei Influencerinnen vorgestellt, welche mit Hilfe der genannten Konzepte ihren Weg aus dem Burnout fanden.

Ständige Erreichbarkeit hat definitiv starke Auswirkungen auf die einzelne Person. Dass Achtsamkeit und Digital Detox sich einer so großen Nachfrage erfreuen, spricht jedoch dafür, dass es sich hierbei nicht um die Probleme einzelner Personen handelt. Die Tatsache, dass Influencer*innen, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen, gut ankommen, spricht ebenfalls dafür.

Der Umgang mit ständiger Erreichbarkeit ist offenbar auch ein entscheidender Teil von Medienkompetenz, der erlernt werden muss. Wie sich zeigte, ist die Thematik bereits im schulischen Alltag relevant und sollte entsprechend auch hier gelehrt werden. Ein generelles Verbot von mobilen Endgeräten wird dabei die Medienkompetenz im Hinblick auf den Umgang mit ständiger Erreichbarkeit jedoch nicht unbedingt fördern. Stattdessen sollten den Schüler*innen entsprechende Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie sie ständige Erreichbarkeit eindämmen können und dass es kein Problem ist, auch ab und an offline und nicht erreichbar zu sein. Wird die Chance verpasst, bereits in diesem Alter entgegenzusteuern, werden vermutlich immer mehr junge Menschen ähnliche Erfahrungen wie die beiden vorgestellten Influencerinnen machen.

Generell ist daher zu sagen, dass vor allem die Entwicklung des Smartphones unsere Gesellschaft stark verändert hat. Die Problematik der ständigen Erreichbarkeit hat sich dadurch verstärkt. Dies betrifft nun nicht mehr nur Menschen in entsprechenden Berufen, sondern alle, die am gesellschaftlichen Leben online teilnehmen. Wird dies mit den Auswirkungen auf die einzelne Person in Verbindung gesetzt, so zeigt sich, dass ständige Erreichbarkeit eine große Auswirkung auf die gesamte Gesellschaft hat und entsprechend auch behandelt werden sollte.

Literatur- und Quellenverzeichnis

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