Sonntag, 6. April 2014

NSA – No Such Agency?!

NSA – No Such Agency?! - Spätestens seit den Enthüllungen von WikiLeaks und durch Edward Snowden ist die NSA sehr wohl bekannt. Doch was macht diese Behörde? Wer sind die Whistleblower? Wie kann ich mich besser schützen? Welche Auswirkungen sind zu erwarten? Diese Fragen sollen im Folgenden genauer untersucht werden.
Bildquelle: Wikipedia/NSA

Was ist die NSA überhaupt und wie arbeitet sie?

Der Slogan der National Security Agency (NSA) ist „Defending our nation. Securing the future.” Dem zunächst harmlos wirkenden Spruch ist auf den ersten Blick nichts entgegenzusetzen, denn schließlich möchte jede Nation das eigene Land schützen und die Zukunft sichern.

Die NSA ist zwar erst seit kurzem in den Medien präsent, doch ihre Geschichte reicht bereits lange zurück. Sie wurde am 4. November 1952 von Dwight D. Eisenhower gegründet. Vorher gab es schon Vorgängerorganisationen, die geheime Informationen des Deutschen Reiches während des Zweiten Weltkrieges beschaffen sollten, die noch unter anderen Namen tätig waren. Heutzutage hat die NSA die Aufgabe, ausländische Nachrichtenverbindungen abzuhören.

Formal ist die NSA heute noch, wie bereits bei ihrer Gründung, eine Unterabteilung des Department of Defense (Verteidigungsministerium der USA). Die NSA beschäftigt laut einer Schätzung etwa 40.000 Mitarbeiter und besitzt ein Haushaltsvolumen von ca. 10,8 Mrd. US-Dollar (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 7). Beide Angaben sind lediglich geschätzt, da die offiziellen Zahlen, falls es sie überhaupt gibt, geheim sind.

Im Vergleich dazu hat der Bundesnachrichtendienst, der als einziger deutscher Geheimdienst für die Auslandsaufklärung zuständig ist, lediglich ein Haushaltsvolumen von ca. 500 Mio. und beschäftigt ca. 6.500 Mitarbeiter. An diesen Zahlen lässt sich erkennen, welchen Stellenwert die beiden Länder dem Geheimdienst einräumen (vgl.Bundesfinanzministerium 2012, S.21).

Neben den finanziellen Mitteln stehen dem US-Geheimdienst auch zahlreiche Spionageflugzeuge und Schiffe zur Verfügung, um an jedem Ort eine bestmögliche Überwachung zu erreichen. Besonderen Ruhm erlangten die Lockheed U-2 Dragon Lady Flugzeuge, die im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion eingesetzt wurden, da diese durch ihre sehr hohe Flughöhe nicht erreichbar waren für andere Kampfjets.

Diese geheimen Einsätze sorgten für reichlich Spannungen zwischen den beiden Ländern. Dies verdeutlicht zudem auch, dass die USA schon eine jahrzehntelange Tradition besitzen, andere Länder auszuspionieren, und zwar meist durch technologischen Vorsprung.

Heutzutage ist es durch die Vernetztheit aller Lebensbereiche jederzeit möglich, dass sich Geheimdienste Wissen aneignen, das rein privat ist und geheim bleiben sollte. Ein Beispiel, wie die NSA nicht nur militärisch interveniert, bildet der Fall der Enercon GmbH aus den 1990er Jahren. Hierbei wurde ein deutsches Unternehmen ausspioniert und Firmengeheimnisse an US-Unternehmen geleitet, damit diese einen Vorteil daraus ziehen konnten.

Die NSA handelt nicht alleine - Five Eyes 

Weiterhin gilt es zu beachten, dass die NSA nicht alleine in diese weltweite Spionageaffäre verwickelt ist. Neben den US-amerikanischen Geheimdiensten sind auch die britischen Dienste aufgefallen, die unlängst Rede und Antwort stehen mussten. Dabei gestehen die Briten sogar ein, Wirtschaftsspionage betrieben zu haben.

Doch das ist längst nicht alles. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Spionageallianz "Five Eyes" ins Leben gerufen. Zu dieser besonderen Allianz zählen Australien, Großbritannien, Kanada, Neuseeland und die USA (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 14). Dadurch sollte gewährleistet werden, in jeder Region der Welt spionieren zu können. Weiterer Vorteil dieser Praxis ist, dass das jeweilige Land nicht seine eigenen Bürger ausspähen muss, da dies in den meisten Fällen nicht mit geltendem Recht vereinbar wäre. Diese Aufgabe wird nun von einem Vertragspartner übernommen, und die Daten werden einfach weitergereicht. Auffällig bei dem bisherigen Skandal ist, dass zunächst die NSA in den Mittelpunkt rückte und anscheinend alles von dieser Organisation ausging. In einem Bericht vom 22.6.2013 wird deutlich, dass vor allem Großbritannien mit seinem Geheimdienst sehr viel mehr überwacht als die NSA.

Dies zeigt auch das Beispiel in einem erst kürzlich bekannt gewordenen Bericht. Dort wird aufgezeigt, wie die Briten im Internet versuchen,. einzelne Menschen zu „zerstören“. Die FAZ veröffentlichte dies im Februar 2014 und legte somit ein neues Ausmaß der Spähaffäre offen.
Wieso solche Berichte erst durch Edward Snowden bekannt wurden, zeigt sich daran, dass die Geheimdienste sich erfolgreich gegen die Regierungen durchsetzten, die geheime Dokumente in Justizverfahren einsetzen wollten. Dem widersetzten sich jedoch die Geheimdienste und behielten letztlich die Oberhand. Sehr passend wurde dies in einem Artikel zusammengefasst. Ein Zitat aus besagtem Artikel deutet bereits an, worum es geht:
„In den als geheim eingestuften Papieren begründete der GCHQ das Vorgehen nicht in erster Linie mit möglichen Bedrohungen der Sicherheit. Vielmehr wollte der Geheimdienst offenbar der Gefahr vorbeugen, dass die großangelegten Spähprogramme selber ins Visier der Justiz geraten könnten.“
Dies veranschaulicht, dass die Geheimdienste stets Angst vor einer Enthüllung ihrer Praktiken hatten und es nie zu einer öffentlichen Debatte kommen sollte. Dass es nun doch zu eben einer solchen Debatte kommt, verdanken wir den Whistleblowern.

Wer nun denkt, dass vor allem die USA und Großbritannien spioniert, der irrt sich. Der deutsche Auslandsgeheimdienst BND überwacht genauso das Internet - auch das der eigenen Bevölkerung. Bisher, zumindest ist nichts weiteres bekannt, jedoch nicht in einem solchen Maße wie andere Geheimdienste. Die Frage nach der Rechtmäßigkeit solcher Verfahren muss dennoch gestellt werden (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 126 f.).

Im Oktober letzten Jahres wurde der kanadische Geheimdienst CSEC, Mitglied der Five Eyes, ebenfalls durch den Skandal überführt. Dieser Dienst hatte mit Hilfe der NSA unter anderem das brasilianische Energieministerium ausspioniert.

Whistleblower - wie alles an die Öffentlichkeit kam 

Zunächst muss geklärt sein, was ein Whistleblower ist. Wikipedia beschreibt es folgendermaßen: "… Ein Whistleblower (von engl.: to blow the whistle, ‚in die Pfeife blasen‘; im deutschen Sprachraum auch ‚Enthüller‘, ‚Skandalaufdecker‘ oder ‚Hinweisgeber‘) ist eine Person, die für die Allgemeinheit wichtige Informationen aus einem geheimen oder geschützten Zusammenhang an die Öffentlichkeit bringt …"

Die in letzter Zeit bekanntesten Whistleblower sind Julian Assange, Bradley Manning und Edward Snowden. Doch Whistleblower gibt es nicht erst seit diesen drei Personen. In einem Artikel der Zeit werden insgesamt acht Whistleblower vorgestellt, die Stellung zu ihren Motiven nehmen. Im Weiteren werden Assange und Snowden in den Mittelpunkt gerückt.

Assange ist vor allem durch die Enthüllungsplattform WikiLeaks, die er mitgegründet hat, berühmt und sogleich zum Staatsfeind der USA geworden. Das Motto von WikiLeaks lautet: „We open governments“. Auf WikiLeaks wurden anonym unter anderem Geheimdokumente veröffentlicht, die brisante Themen wie beispielsweise über den Irak- und Afghanistankrieg offenlegten. Eine kurze Darstellung der Ereignisse nach den Veröffentlichungen von Assange gibt es hier. Die Affäre um Assange ist bis heute noch nicht gelöst, was zu diesem weiteren Artikel führte. Hierbei versucht Assange, seine eigene Position zu stärken, und drohte mit weiteren Veröffentlichungen.

In einer Linie mit WikiLeaks und Assange ist der Whistleblower Bradley Manning zu nennen. Der zunächst geheim gebliebene Informant lieferte zahlreiche Dokumente und Videos an die Enthüllungshomepage, ehe Manning im Juni 2010 dem FBI durch einen Chat auffiel, in dem er sich als Informant verraten hatte und schließlich verhaftet wurde. Er ist einer der wenigen Whistleblower, die verhaftet wurden und denen danach ein Prozess gemacht wurde. Die US-Regierung statuierte an ihm ein Exempel, indem er zu 35 Jahren Haft verurteilt wurde (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 58). Ein solches Urteil soll künftige Whistleblower von Enthüllungen abhalten.

Der in jüngster Zeit bekannteste Whistleblower ist Edward Snowden. Er enthüllte seit Juni 2013 unter anderem das große Spionageprogramm PRISM. Mit seinen Dokumenten legte er offen, wie vor allem die NSA massenhaft Daten ausspionierte. Das Ausmaß der Spionage wird beispielsweise in diesem Spiegel Online Artikel aufgezeigt. Des Weiteren sind hier noch Details zu den einzelnen Ländern zu finden.

Den Whistleblowern stehen derzeit die Verantwortlichen der Geheimdienste gegenüber. Ein Beispiel liefert der Chef des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5. Dieser behauptet, dass die Enthüllungen vor allem Terroristen helfen würde. In diesem Artikel wird Stellung dazu bezogen und sogleich den fragwürdigen Aussagen widersprochen. 

Edward Snowden kurz vorgestellt 

Snowden, der bekannteste Whistleblower der Welt, wuchs in verschiedenen beschaulichen Wohnvierteln in den USA auf. Seine Eltern arbeiteten für die Regierung und führten ein bürgerliches Leben. Seine Schulzeit beendete Snowden ohne einen Abschluss nach der 9. Klasse. Als Traumberuf gab er an, er wolle einen Arbeitsplatz bei der Regierung (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 27 ff.). Zu seinen Hobbies zählt Kung-Fu, das er nach Berichten von Bekannten bis zur Perfektion gebracht habe. Weiterhin wuchs er als "digital native" auf und brachte sich sein IT-Wissen selbst bei, das er später noch unter Beweis stellen sollte.

Auf der Suche nach einer Arbeitsstelle schrieb er sich 2004 mit 21 Jahren bei der US-Armee ein und wollte in die Eliteeinheit Special Forces aufgenommen werden. Nach wenigen Wochen brach er sich bei einem Unfall beide Beine, womit die angestrebte Karriere beim Militär früh beendet war. Nach diesem Vorfall war er zunächst arbeitslos. Ein halbes Jahr später arbeitete er als Wachmann an einer Universität. Während dieser Zeit suchte er stets nach Jobangeboten beim State Departement. Für ihn überraschend wurde er zu einem Vorstellungsgespräch bei der CIA eingeladen und fand dort seinen nächsten Arbeitgeber. Mittlerweile hatte er seine IT-Kenntnisse deutlich verbessert, was ihn für die CIA interessant machte (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 32-34).

Anfangs musste er ins Ausland nach Genf, was als Sprungbrett für seine Karriere gedacht war. Zuständig war er zu Beginn lediglich für die Wartung der Computer und verschiedener Geräte. Er wurde mit einer Top-Secret Freigabe ausgezeichnet und lebte das Leben eines Geheimagenten (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 37 f.).

2009 verließ er die CIA wieder und suchte nach einem privaten Unternehmen, das eng mit den Sicherheitsbehörden kooperierte. Mit der Firma Dell fand er schließlich ein solches Unternehmen. Er wurde, wie er es sich wünschte, nach Japan versetzt und war für die Wartung der NSA-Rechner zuständig. Somit arbeitete er indirekt für die NSA, einer Sicherheitsbehörde, so wie er es sich erträumt hatte (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 46 - 47).

Im Rahmen seiner Arbeit stieß er auf ein geheimes Dokument, was er hätte melden müssen. Seine Neugierde siegte und er las es. Das Dokument besagte, dass das Weiße Haus die Nachrichtendienste drängte, die Grenzen des Rechtsstaats zu verschieben. Snowden gab dies sehr zu denken und er entschloss sich gegen seine Karriere und begann mit dem Sammeln von Daten, um diese an die Öffentlichkeit weiterzugeben. Dazu sagte er:
"Wenn die hochrangigsten Regierungsmitglieder das Gesetz brechen können, ohne Bestrafung oder auch nur irgendwelche Konsequenzen fürchten zu müssen, werden geheime Machtbefugnisse extrem gefährlich." (vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 47 f.)
Mit dieser Einstellung trat Snowden noch einen anderen Job bei einer privaten Firma an, die noch enger mit der NSA zusammenarbeitete. Hierbei gelang es ihm, die Daten abzuschöpfen, die er für seine Enthüllungen benötigte. 

Möglichkeiten für einen besseren Schutz im Internet 

Durch die Enthüllungen von Snowden stellt sich die Frage, wie eine solche Spionage überhaupt möglich ist und was Deutschland bzw. jeder Einzelne von uns dagegen tun kann. Die Antwort für Deutschland lautet:
"Ohne fremde Hilfe, diesen Eindruck kann man durchaus bekommen, sind die deutschen Agentenjäger nur bedingt abwehrbereit.“
Dieses Zitat entstammt aus einem sehr ernüchternden Bericht vom Spiegel. Anscheinend sind die deutschen Geheimdienste gegenüber den ausländischen Diensten überfordert, und auch eine Art „Kompetenzgerangel“ innerhalb der Organisationsstrukturen in Deutschland ist nicht förderlich, wie aus dem Bericht hervorgeht.

Um nicht untätig zu sein, gibt es sechs Möglichkeiten, sich selbst etwas besser zu schützen:
  • Vorsicht bei der Wahl des Anbieters
  • Verschlüsseln von E-Mails und Daten
  • Vorsicht vor Metadaten
  • Verstecken Sie sich
  • Verzichten und vermeiden
  • Verantwortung übernehmen
Ausführliche Informationen zu den genannten Punkten finden Sie hier.

Trotz dieser Möglichkeiten des eigenen Schutzes ist es der NSA laut Angaben von Snowden gelungen, ca. 50.000 Netzwerke zu infiltrieren. Neben dieser geheimen Spionage der NSA, die illegal Daten abgreift, gibt es auch noch die CIA, die für interessante Daten an einen Telefonanbieter viel Geld überweist. Einen Überblick über die Möglichkeiten der NSA gibt der folgende Artikel.

Neben diesen Möglichkeiten, sich selbst besser zu schützen, gibt es auch Bestrebungen, die Geheimdienste von offizieller Seite in die Schranken zu weisen und somit einen besseren Schutz für die Bürger zu erreichen. Vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wird derzeit über eine Klage gegen die Regierung von Großbritannien verhandelt. Der Ausgang und mögliche Konsequenzen sind noch nicht abzusehen.

Chronologie der NSA-Affäre

Die folgende Zeitleiste veranschaulicht die bisherigen Entwicklungen. Dabei werden nur die wichtigsten Ereignisse aufgeführt. 

Mai 2013:
20. Mai 2013: Snowden fliegt von Hawaii (seinem Wohnort) nach Hongkong und trifft sich dort mit Reportern der Tageszeitung The Guardian. Er überreicht den Reportern Dokumente, die die Spähprogramme offen legen. 

Juni 2013:
Die Zeitungen The Guardian und The Washington Post veröffentlichen die Berichte über die Programme PRISM und Boundless Informant. 

6. Juni 2013: Der Guardian veröffentlicht die erste Enthüllung: die Geschichte eines geheimen Gerichtsbeschlusses, aus dem hervorgeht, dass die US-Regierung das Unternehmen Verizon zwang, Telefondaten von Millionen US-Bürgern auszuhändigen.

7. Juni 2013: Die Enttarnung des Spähprogramms "Prism", später eines ähnlichen, weltweit eingesetzten Programms namens "Boundless Informant" - grenzenloser Informant.

9. Juni 2013: Edward Snowden gibt sich öffentlich als Informant preis.

Veröffentlichung seines Interviews:


 

Die bisherigen Ereignisse der Enthüllungen um Edward Snowden sind in einem Bericht bei Zeit Online noch einmal zusammengefasst.

Oktober 2013:
23. Oktober 2013: NSA hörte Merkels Handy ab.
26. Oktober 2013: Merkel wird seit 2002 von den USA abgehört.
30. Oktober 2013: NSA zapft Millionen Nutzerdaten von Google und Yahoo ab.
31. Oktober 2013: Ströbele trifft sich mit Snowden.

November 2013:
1. November 2013: Snowden möchte in Deutschland aussagen.

Dezember 2013:
6. Dezember 2013: Snowden will vor Europaparlament aussagen.
19. Dezember 2013: Obama erhält Pläne zur Reformierung der Geheimdienste.
20. Dezember 2013: Britischer Geheimdienst überwachte auch Berliner Regierungsgebäude.
27. Dezember 2013: US-Bundesrichter erklärt NSA-Telefonüberwachung für legal

Januar 2014:
31. Janaur 2014: US-Außenminister weicht Frage nach einem No-Spy-Abkommen aus.

Februar 2014:
4. Februar 2014: NSA soll auch schon 2002/2003 Gerhard Schröder abgehört haben.
11. Februar 2014: Obama trifft Hollande und schließt ein No-Spy-Abkommen aus.
23. Februar 2014: Merkels Umfeld wird genauer beobachtet, nachdem Merkel selbst wohl nicht mehr ausspioniert wird. Namentlich wird Thomas de Maiziere genannt.

März 2014:
14. März 2014: Bundestag einigt sich auf NSA-Ausschuss.
23. März 2014: Ex-NSA-Chef entschuldigt sich bei Deutschen.
25. März 2014: Obama will Massenspeicherung beenden.
29.März 2014: NSA speicherte mehr als 300 Berichte über Merkel.

Eine ausführlichere Chronologie gibt es in folgendem Buch ab Seite 319:
Rosenbach, M. / Stark, H. (2014): Der NSA Komplex. Edward Snowden und der Weg in die totale Überwachung, Deutsche Verlags-Anstalt, München. 

Auswirkungen des Skandals 

Wie in Zukunft mit dem Skandal umgegangen wird bzw. welche Konsequenzen gezogen werden, muss sich erst noch zeigen. Die Auswirkungen dieses Skandals lassen sich bisher nur schwer abschätzen. Zu Beginn wurde besonders das Vertrauen zu den USA und den Briten erschüttert. Um dieses Vertrauen wiederherzustellen, bedarf es noch einiges an Zeit und entsprechenden Maßnahmen seitens der USA und Großbritannien.

Im weiteren Verlauf rückte das geplante Freihandelsabkommen TTIP in den Vordergrund. Zuletzt hatte das EU-Parlament mit dem Aus für das Abkommens gedroht. Somit würde das geplante Freihandelsabkommen letztlich als Folge des NSA-Skandals scheitern.

Im Zuge des Überwachungsskandals berät der Bundestag derzeit über Maßnahmen, wie dieser sicherer gegenüber Spionageattacken gemacht werden könne. Bei der USA-Reise von Merkel Anfang Mai dürfte zudem das Thema NSA und Überwachung auf der Tagesordnung stehen. Die Chancen auf ein No-Spy-Abkommen werden allerdings als niedrig eingestuft.

Abschließend kann gesagt werden, dass der NSA-Skandal ein sehr weitreichender ist, bei dem noch nicht alle Folgen abzusehen sind, zumal es ständig zu neuen Enthüllungen kommt. 

Zitate

Zitate aus dem hier verwendeten Buch von Rosenbach und Stark, die zeigen, was diesen Skandal ausmacht und daher für sich selbst stehen.

"Jeder, der je in einem Meeting mit Ed gesessen hat, wird das Gleiche sagen: dass er eine Klasse für sich war." 
Ein Exkollege über Edward Snowden
(vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 25)

"Wenn ich unerwartet sterben sollte, dann weder eines natürlichen Todes noch durch meine eigene Hand." 

Edward Snowden im Juni 2013 in Hongkong
(vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 56)

"Von meinem Schreibtisch aus hatte ich die Berechtigung, jeden abzuschöpfen, angefangen von Ihrem Buchhalter über einen Bundesrichter bis zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, wenn ich seine persönliche E-Mail-Adresse hätte."
Zitat Edward Snowden
(vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 86)

"Der Datenverkehr liefert uns die internen Video-Telefonkonferenzen der UNO (yay!)." 
Aus einem NSA-Bericht über Spionage gegen die Vereinten Nationen
(vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 146)

"In God we trust, everybody else we monitor." 
Geheimdienstspruch nach der Merkel-Abhöraffäre
(vgl. Rosenbach/Stark 2014, S. 223)

NSA-Skandal mal anders

Neben all diesen sehr ernsten Berichten ist der NSA-Skandal auch in der Kabarettszene ein wichtiges Thema geworden. Dabei wird der Skandal auf humorvolle Art und Weise beleuchtet. Die kabarettistische Aufarbeitung ergänzt und bereichert die Auseinandersetzung mit den Fakten.

Zunächst berichtet der Kabarettist Volker Pispers über die NSA. Danach werden zwei Beiträge aus der ZDF Serie "Heute-Show" gezeigt, bei denen im ersten Video noch der Beginn des Skandals beleuchtet wird. Später wird auf bereits geschehene neue Enthüllungen eingegangen.



 


Heute-Show Video 1:


 

Heute-Show Video 2:


 


Literatur

Rosenbach, M. / Stark, H. (2014), Der NSA Komplex. Edward Snowden und der Weg in die totale Überwachung, Deutsche Verlags-Anstalt, München.

Bundesfinanzministerium: http://www.bundesfinanzministerium.de/bundeshaushalt2012/pdf/epl04.pdf, aufgerufen am 25.2.2014.

Donnerstag, 3. April 2014

Reddit - Chancen und Risiken eines Social News Network


Das Internet spielt bei Kindern und Jugendlichen, also der Zukunft der Gesellschaft, eine immer größere Rolle. Im Durchschnitt verbringen 12-19-Jährige in Deutschland 179 Minuten täglich (Mo-Fr) online (Jim-Studie 2013). Hierbei nimmt die allgemeine Nutzung sowie die Kommunikation über soziale Netzwerke eine herausragende Rolle ein. Neben den bereits großen sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter sind Social News Networks wie reddit.com auf dem Vormarsch, da sie einen umfassenderen, personalisierten sowie anonymen Umgang mit aktuellen Themen ermöglichen. Doch warum genau sind sie so erfolgreich und gibt es auch Schattenseiten?

Was ist Reddit?

Die Website "Reddit" ist ein 2005 gegründetes Social News Network, im deutschsprachigen Raum wird es auch als Social News Aggregator bezeichnet. Das heißt, die Nutzer - auch "redditors" genannt - stellen Fragen, Texte oder Links zum Beispiel zu Nachrichten, Fotos oder Videos von eigenen oder Fremdinhalten ein. Diese Beiträge können nun bewertet und kommentiert werden. So entstehen je nach Thema und Kontroversität interessante Diskussionen.

Wie funktioniert Reddit?

Reddit ist eine Wortkreuzung aus den beiden englischen Wörtern read (lesen) und edit (bearbeiten). Das ständige Einstellen, Bewerten und Diskutieren neuer Inhalte ist das Grundkonzept der Website. Reddit ist in verschiedene "Subreddits" gegliedert, diese befassen sich jeweils mit unterschiedlichen Themen. Einige der beliebtesten Subreddits sind auf dieser Seite aufgeführt. Jeder angemeldete Nutzer kann neue Subreddits eröffnen, daher gibt es mittlerweile zum Beispiel für jede größere Stadt Subreddits, in denen man sich austauschen kann und in denen Probleme behandelt werden. Darunter darf auch die deutsche Hauptstadt Berlin nicht fehlen. Abgesehen von solch lokalen Subreddits sollte man der englischen Sprache mächtig sein, um Reddit umfangreich nutzen zu können.

Wie bereits erwähnt, besteht die Möglichkeit, einen Post (Post = ein eingestellter Inhalt) positiv (Upvote) oder negativ (Downvote) zu bewerten. Je nachdem, wie der Inhalt bewertet wird, steigt oder sinkt das sogenannte "Karma" des Autors. Als Karma werden die "Internetpunkte", die quasi die Reputation eines Nutzers darstellen, bezeichnet. Erreicht ein Post eine gewisse Popularität, wird er auf der sogenannten "Frontpage" angezeigt. Des weiteren gibt es neben der Frontpage noch weitere Unterseiten, die Posts zum Beispiel in Kategorien wie "Neu", "Aufsteigend" oder "Kontrovers" kategorisieren. Allgemein kann jeder auf alle Inhalte zugreifen, während das Bewerten, Kommentieren und Personalisieren durch Abonnieren verschiedener Subreddits angemeldeten Nutzern vorbehalten ist. Für eine Anmeldung ist jedoch nicht einmal eine E-Mail Adresse, lediglich die Wahl eines noch nicht vergebenen Nutzernamens vonnöten.

Was gibt es auf Reddit?

Die Selbstcharakterisierung der Website lautet:
,,reddit is a source for what's new and popular on the web. Users like you provide all of the content and decide, through voting, what's good and what's junk. Links that receive community approval bubble up towards #1, so the front page is constantly in motion and (hopefully) filled with fresh, interesting links."
Als selbsternannte "frontpage of the Internet", also Startseite des Internets, gibt es auf Reddit eigentlich fast alles zu sehen und zu lesen, was man sich vorstellen kann. Die Themen reichen von Politik über Wissenschaft bis zu Religion, Drogen und Erotik. Es ist praktisch jede Nationalität, Rand- oder Berufsgruppe vertreten. Daher kann man mit qualitativ hochwertigen Diskussionen, aber auch mit sehr kontroversen Inhalten in Berührung kommen. Unterhaltung nimmt einen großen Stellenwert auf der Website ein, daher ist Reddit auch zum Beispiel einer der Entstehungsorte populärer Meme wie zum Beispiel die Advice Animals oder Good Guy Greg. "Reddit ist seit Jahren einer der kreativsten und spannendsten Orte im Netz", schreibt Hakan Tanriverdi im Blog der Süddeutschen Zeitung.

Warum ist Reddit so erfolgreich?

Als Steve Huffman und Alexis Ohanian 2005 Reddit ins Leben riefen, war ihr erklärtes Hauptziel, die Welt ein bisschen besser zu machen. Dies wird in diesem Video über die Entstehung Reddits deutlich.


Der gleichen Ansicht sind auch viele Nutzer der Seite. Diese haben oft positive Erfahrungen mit der Community gemacht, sei es eine Spendenaktion für ein todkrankes Kind oder das Engagement für eine bedrohte Tierart. So kommt es auch einmal vor, dass ausgehend von dem Subreddit "RandomActsOfPizza" einem ärmeren Redditor kurzerhand eine kostenlose Pizza geschickt wird. Dies wird dann meistens mit einer Danksagung und einem Beweisfoto des Beschenkten abgerundet.

Da solche Gesten meist einigen Zuspruch finden, erhalten die Beteiligten auch dementsprechend viele Karma-Punkte, welche sie als einen wichtigen Teil der Community auszeichnen. Auch für Journalisten stellt Reddit manchmal eine wertvolle Quelle dar, da durch die riesige Community oft ein abwechslungsreiches Angebot an aktuellen Meldungen zur Verfügung steht. Erörtert wird dies unter anderem in diesem Artikel.

Abgesehen davon ist auf Reddit einfach für jeden etwas dabei. Außerdem kann man den eigenen Account nach seinen Interessen personalisieren und bleibt gleichzeitig anonym. Das sehr gute Kommentarsystem, das automatisch und dynamisch Spam herausfiltert und somit ein gut funktionierendes Dialogsystem ermöglicht, begründet ebenfalls die Faszination, die von Reddit ausgeht.

Bedeutung der Website

Mit 731 Millionen Besuchern und 56 Billionen Seitenaufrufen im Jahr 2013 befindet sich reddit.com auf Platz 60 der Top500 globalen Websites. Dies zeigt die Bedeutung, welche die Seite bereits im Leben vieler Menschen eingenommen hat. Doch die Nutzung und vor allem die Konfrontation mit nutzergenerierten Inhalten bieten einerseits Chancen, andererseits aber auch Risiken. Darum soll es in den kommenden Abschnitten gehen. 

Einstieg und Sozialisation

Es braucht immer etwas Zeit, um mit einem neuen Medium umgehen zu können bzw. dessen Potential auszuschöpfen. Reddit soll kein Ersatz für erfolgreiche soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter sein. Man kann es als Abwechslung und Ergänzung zugleich sehen, als Teil des Internets, in dem partiell noch die einstige Wild-West-Mentalität des Netzes zu spüren ist. Daher nimmt Meinungsfreiheit einen hohen Stellenwert ein. Man braucht etwas Zeit, um sich mit der Community und deren Handlungsweisen sowie Insider-Witzen vertraut zu machen. Hierbei stellen die FAQ eine wertvolle Hilfe dar. Auf dieser Seite sind unter anderem alle wichtigen Abkürzungen aufgeführt.

Häufig benutzte Abkürzungen:
  • AFAIK means "As far as I know"
  • AMA means "Ask me anything"
  • DAE means "Does anybody else" or "Does anyone else"
  • ELI5 means "Explain like I'm 5 (years old)"
  • IAMA means "I am a"
  • IMO means "In my opinion"
  • MRW/MFW means "My reaction when" and "My face when"
  • NSFL means "Not safe for life" (gory or gross content)
  • NSFW means "Not safe for work" (sexual content)
  • OP means "Original poster" (the person who started the thread)
  • TIL means "Today I learned"
Wie bereits erwähnt, sind Kenntnisse der englischen Sprache sehr wichtig. Hat man sich jedoch einmal mit dem Medium vertraut gemacht, stehen einem eine Bandbreite an Nutzungsmöglichkeiten zur Verfügung. Darunter befindet sich auch die Möglichkeit, sich mit anderen Nutzern anzufreunden und dadurch deren Aktivitäten gezielt zu verfolgen. Anderseits ist es auch möglich, Posts bzw. andere Nutzer zu "reporten", also diese zu melden, falls sie gegen Richtlinien der Seite verstoßen.

Datenschutz

Zwei der wichtigsten Grundsätze von Reddit lauten: Tue nichts Illegales und verbreite keine persönlichen Daten anderer. Diese sind unter anderem in der reddiquette, den Richtlinien der Seite, verankert, welche einen allgemeinen Überblick über das "gewünschte" Verhalten liefern. Verstößt man schwer oder wiederholt gegen die Richtlinien, wird der Account des Nutzers von einem Administrator gelöscht. Dies schreckt manche Nutzer aber nur bedingt ab, da die Möglichkeit besteht, einfach einen neuen Account zu erstellen.

Sind jedoch persönliche Daten oder komprimittierende Informationen einmal ins Netz gelangt, kann es sein, dass sie trotz des schnellen Entfernens durch Administratoren im Umlauf bleiben und somit die Reputation eines Menschen nachhaltig beschädigen können. Als Beispiel kann der Vorfall im Zuge der Suche nach den Tätern der Bombenanschläge in Boston im April 2013 dienen. Ein Teil der Reddit Community hatte sich das fälschlich noble Ziel gesetzt, die Attentäter ausfindig zu machen. Dies resultierte leider in einer Reihe falscher Anschuldigungen, der Unschuldige zum Opfer fielen und der Seite einen erheblichen Imageschaden einbrachte. Man darf dabei nicht vergessen, dass Reddit mit wenig Beschäftigten als sich größtenteils selbst regulierende Website agiert. Daher kann die Seite als eine Art Spiegel der Gesellschaft betrachtet werden, in dem sich positive wie negative Aspekte jener wiederfinden.

Anonymität

Leider besteht aufgrund der Anonymität auf Reddit für Nutzer auch die Möglichkeit, fragwürdige bis unzumutbare, zum Beispiel rassistische oder pornographische Inhalte zu teilen. Diese fallen jedoch, verborgen in kleinen Subreddits, dem "normalen" Nutzer kaum auf. Diese zwei (1) (2) Beispiele jedoch zeigen, dass man so gut wie nie vollkommen anonym im Netz agiert. Doch dem normalen Reddit-Nutzer geht es nicht darum, kriminelle Inhalte zu verbreiten oder Personen zu bedrohen. Er will auch nicht anonym bleiben, weil er etwas zu verbergen hat. Reddit steht für viele auch für Freiheit und freie Meinungsäußerung. Vielen fällt es zum Beispiel viel leichter, sich so etwas weiterzubilden, ohne dabei gleich die Identität zu offenbaren.

Außerdem besteht auf Seiten wie Reddit die Chance, auch einmal unangenehmere Angelegenheiten zu diskutieren. Hierbei kann durch die Vielfalt der Meinungen eine umfassendere Diskussion entstehen, die in so Manchem kognitive Dissonanzen auslösen, welche sie letztendlich zum Umdenken bewegen. Entsteht dadurch ein toleranterer Mensch, der nicht durch seine vorherigen Äußerungen in seinem sozialen Umfeld gebrandmarkt ist, ist dies durchaus positiv zu bewerten. Eines der beliebtesten Subreddits ist das IAMA, zu Deutsch "ich bin ein" - hier können verschiedene Menschen Fragen zu ihrem Beruf beantworten. Dabei steht wohl außer Frage, dass die Antworten aufgrund der Anonymität um einiges ehrlicher ausfallen. Eine Liste der erfolgreichsten IAMAs finden sie hier. Natürlich steht es auch jedem frei, seine Identität freiwillig preiszugeben.

Sucht

Hat man sich erst einmal auf solch eine Social Media Seite eingelassen, zeigen sich schnell Parallelen zu erfolgreichen Diensten wie Facebook. Jedoch stehen einem nicht nur die News seines erweiterten Freundeskreises und die Kommunikation mit demselbigen zur Verfügung, sondern eine Flut an Informationen, die man mit tausenden Usern diskutieren kann. Dieses riesige Angebot, in Verbindung mit der globalen Vernetzung und der Belohnung durch Karma-Punkte, schafft einen großen Anreiz zur Beteiligung. Dies kann unter Umständen eine ungesunde Menge an Zeit in Anspruch nehmen. Doch die Aneignung von Wissen und die Kommunikation werden auch als zentrale menschliche Bedürfnisse angesehen. Phillip Wampfler schreibt in einem Artikel zu diesem Thema, dass eine Sucht da beginnt, wo eigene Bedürfnisse überdeckt, ersetzt, vernachlässigt oder ignoriert werden. Dies kann auf Seiten wie Reddit passieren, aber meiner Meinung nach birgt es auch kein höheres Risiko als andere Vertreter der Sozialen Medien. Es stellt sogar, benutzt von psychisch stabilen Menschen, ein äußerst nützliches Werkzeug dar, um sich außerhalb der angestammten peer group am gemeinschaftlichen Leben zu beteiligen.

Größe

Wie bereits erwähnt hat Reddit innerhalb der letzten Jahre mit jährlich bis zu 731 Millionen Besuchern eine extreme Größe erreicht. Deshalb und weil dies nicht der Idee der Seite entspricht, ist eine weitergehende Kontrolle durch die Betreiber nicht möglich bzw. nicht gewollt. Dies kann neben kreativer Freiheit aber auch mit sich bringen, dass der Dienst Kriminellen oder Extremisten als Plattform zur Verbreitung ihrer Ideologien oder Auslebung ihrer Fantasien dient. Diese Posts haben jedoch meist eine sehr kurze Lebensdauer auf Reddit, da die aktive Community auf unangebrachte Inhalte schnell mit Löschanfragen reagiert. Schaffen es solche Inhalte, länger zu existieren, sind sie wahrscheinlich in einem kleinen Subreddit verborgen, auf das man normalerweise ohne gezielte Suche nie stoßen würde. Es gibt jedoch auch geduldete nicht-jugendfreie Inhalte, die allerdings mit den Tags NSFW oder NSFL (Bedeutung siehe oben) gekennzeichnet sind. Um sich diese anzusehen, muss man durch einen Klick bestätigen, dass man 18 ist. Wenn Minderjährige unangemessene Inhalte suchen, finden sie diese schon über eine beliebige Suchmaschine. Dagegen hilft nur ein Jugendschutzprogramm wie zum Beispiel dieses.

Ein Zitat des ehemaligen Geschäftsführer von Reddit, Erik Martin, lautet:

"Reddit ist wie ein wilder Garten. Du kannst Dinge pflanzen, du kannst gewisse Entwicklungen fördern oder hemmen."

Das heißt, Reddit soll sich hauptsächlich selbst regulieren. Dieses Prinzip ist nicht perfekt, aber es ist sehr erfolgreich, und je mehr Menschen sich bei Reddit beteiligen und engagieren, desto schneller können Lücken geschlossen und das System verbessert werden. Aus eigener Erfahrung muss ich sagen, dass man nicht mit fraglichen Inhalten konfrontiert wird, wenn man es nicht darauf anlegt. Durch die Ordnung seiner Interessen durch Subreddits kann man sich sein eigenes Profil basteln, über das man mit Informationen versorgt wird. Aufgrund der aktiven Community, welche sich größtenteils mit den Richtlinien identifiziert, haben "off topic" Posts, also Inhalte, die nicht in das gegebene Subreddit passen, oft keine Chance auf viel Beachtung. Bewegt man sich aber innerhalb der gegebenen Richtlinien, sind der Kreativität nahezu keine Grenzen gesetzt.

Partizipation

Reddit basiert auf der Teilnahme seiner Nutzer, ohne die es keine Inhalte zu diskutieren gäbe. Nutzer sind, was das Posten von Inhalten angeht, eigentlich nur durch die "reddiquette" eingeschränkt. Daher bezeichnen viele das simple up- und downvote-System der Seite als sehr demokratisch, da der Erfolg eines Posts allein vom Anklang in der Community abhängig ist. Dieser Erfolg kann sich sogar zu handfesten Bewegungen entwickeln. So wurden durch die Community schon politische Entscheidungen beeinflusst, zum Beispiel durch die Organisation von öffentlichen Protesten oder temporären Streiks von Internetseiten, welche mitverantwortlich für den Fall geplanter Abkommen wie SOPA, PIPA und ACTA waren. Auch Barack Obama, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, erkannte das Potential der Seite und stellte sich 2013 eine halbe Stunde lang Fragen der Community (siehe hier). Als eine weitere Möglichkeit der Partizipation ist die Unterstützung für karitative Zwecke zu nennen, wie dieser Link zeigt.

Doch das freie System von Reddit ist nicht perfekt. Aufgrund der Möglichkeit, sein eigenes Subreddit zu erstellen und dieses zu verwalten, besitzen manche User viel Macht über einen kleinen Teil der Community. So kann es vorkommen, dass Inhalte gelöscht und Nutzer "verbannt", also aus dem Subreddit ausgeschlossen werden, nur weil diese dem Gründer nicht passen. Es fehlt hier meiner Meinung nach eine weitere unparteiische Kontrollinstanz, die auch Administratoren und Moderatoren prüfen kann. Dennoch zeigen Seiten wie Reddit, was heutzutage durch die globale Vernetzung alles möglich ist. Nicht zuletzt durch die zahlreichen Versuche, das Internet zu kontrollieren und zu zensieren, wie zum Beispiel aktuell in der Türkei, wird deutlich, welches Potential im Internet steckt und wie viel Einfluss und Macht man dadurch generieren kann. Einfluss, der einerseits für Propaganda missbraucht werden kann, anderseits dazu befähigt, sich zu engagieren, organisieren und Gutes in der Welt zu bewirken. 

Fazit

Reddit ist ein Rahmen, der von uns Nutzern gefüllt wird. Und obwohl die Community und das System kleine Fehler haben, steht der Nutzen, den man aus Reddit ziehen kann, außer Frage. Die gegebene Vielfalt zwingt einen praktisch dazu, Inhalte und eigene Annahmen ständig zu reflektieren und Neues zu lernen.

Gerade als zukünftige LehrerInnen ist es wichtig, auf dem Laufenden zu bleiben. Hierbei kann man sich durch Reddit manchmal sehr viel Recherche ersparen. Und da Reddit eben auch Inhalte abseits des Mainstream bietet, kann es für Personen, die sich weiterbilden oder Dinge aus einer anderen Perspektive betrachten wollen, eine wertvolle Quelle sein. Ich finde es ebenfalls wichtig, Jugendliche mit solchen Internetangeboten vertraut zu machen, da die Wahrscheinlichkeit sehr groß ist, früher oder später damit in Berührung zu kommen.

Leider ist die Seite trotz riesiger Besucherzahlen nicht wirtschaftlich, darum wird wohl über kurz oder lang mit zunehmender Werbung zu rechnen sein. Dies halte ich allerdings für nicht so schlimm, solange die Richtlinien, was das Posten anbelangt, nicht darunter leiden. Für mich übersteigt der Nutzen der Seite klar die genannten Risiken, solange man sich gegenseitig respektiert.

Zu guter Letzt möchte ich dazu aufrufen, die Seite einfach mal auszuprobieren und sich nicht schon von dem schlichten Layout abschrecken zu lassen. Nahezu jedes Interesse ist in einem Subreddit vertreten, also beschränkt euch nicht auf die anfangs automatisch abonnierten Subreddits und behaltet die Zeit im Auge. Viel Spaß dabei.

Für Unentschlossene hier noch ein kleines Motivationsvideo.

Quellenangaben

Dienstag, 11. März 2014

Operation No Moore

Die Mutter aller Schlachten 

von Till Krause (SZ Online)

"Als im Internet Nacktbilder ihrer Tochter auftauchten, glaubte Charlotte Laws erst an einen Irrtum. Dann sagte sie dem Betreiber der Seite den Kampf an." weiterlesen


Frau aus Kalifornien bringt Porno-Fürsten ins Gefängnis

Focus Online

"Als Charlotte Laws aus Kalifornien erfährt, dass Nacktbilder ihrer Tochter im Internet gelandet sind, startete sie die „Operation Moore“ mit dem Ziel, den „meistgehassten Mann des Internets“, Hunter Moore, in die Knie zu zwingen. Jetzt sitzt der Mitbegründer der „Revenge-Porn“-Seiten hinter Gittern." weiterlesen

Freitag, 28. Februar 2014

Faszination Facebook- was bedeuten Soziale Netzwerke für den Unterricht?


Am 4. Februar 2014 feierte Facebook seinen 10. Geburtstag. Schon seit 10 Jahren ist die Seite „facebook.com“ online. Anfangs war die neue Seite für Studenten der Harvard Universität gedacht. Mit der Zeit konnten immer mehr Universitäten auf die Seite zugreifen - aber nur, wenn sie eine E-Mail-Adresse mit der Domainendung „.edu“ hatten. Wegen dieser Hürde, die bis September 2006 galt, wurde das Soziale Netzwerk nur in den Vereinigten Staaten genutzt.
Das ursprüngliche Konzept von Facebook.com war, das College-Jahrbuch, in dem Bilder der Studenten zu sehen waren, durch eine digitale Plattform zu ersetzen. Später wurde diese Schritt für Schritt zu einer interaktiven Kommunikationsplattform erweitert (vgl. Alby 2008, S. 105). Mittlerweile gehören 1,23 Milliarden Menschen zu den Facebooknutzern, die über alle Kontinente miteinander verbunden sind. Auch in Deutschland ist Facebook inzwischen das Soziale Netzwerk Nummer 1. Jung und Alt nutzen Facebook. Trotzdem sind viele Eltern und Lehrer skeptisch gegenüber Facebook, ja boykottieren diese Plattform sogar. Das bringt mit sich, dass viele Pädagogen einen wichtigen Teil der Realität ihrer Schüler ignorieren und ihn nicht in den Unterricht integrieren (vgl. Burger 2013, S.7).

Faszination Facebook – die Attraktivität Sozialer Netzwerke für Jugendliche

Facebook – und du bist nie mehr allein
Sich in einem Sozialen Netzwerk anzumelden und es zu nutzen, ergibt nur dann Sinn, wenn man möglichst viele seiner Kontakte durch das Netzwerk erreichen kann. Je mehr Teilnehmer durch ein Netzwerk erreichbar sind, desto mehr steigt der Druck, selbst Teil dieses Netzwerkes zu sein. Wer einmal das weltweite Vernetztsein genossen hat, will dies nicht mehr missen (vgl. Köhler 2012, S. 14-15). Facebook kennt keine Grenzen: Ob vom Smartphone, Computer oder aus dem Internetcafé, von überall aus kann man mit vielen Freunden chatten, Nachrichten senden und lesen. Für Facebook-Nutzer sind E-Mails kaum noch wichtig. Außerdem sorgt Facebook für Unterhaltung durch Links, Videos und die neuesten Fotos der Freunde. Facebook – und dir wird nie wieder langweilig.

Sich präsentieren und begutachtet werden
Spieglein, Spieglein an der Wand… Jeder Benutzer kann seine eigene Person so darstellen, wie er es gerne möchte. Er hat eine weitreichende Kontrolle über seine Außendarstellung. Vor allem im Jugendalter, in dem viele Teenager auf der Suche nach ihrer Identität sind, ist es attraktiv, das eigene Profil zu bearbeiten und sich zu überlegen, wie man sich präsentieren will. Außerdem ist es auf Facebook auch möglich, andere Profile zu begutachten und somit ein Stück weit durch das private, digitale Schlüsselloch anderer Menschen zu spähen (vgl. Burger 2013, S. 27).

Flucht aus der realen Welt
Es gibt für Jugendliche heute weniger Experimentierräume als früher. Jugendliche haben einen meist straff organisierten Alltag und wenig Räume und Möglichkeiten, die sie unabhängig von den Eltern entdecken und erleben können. Soziale Netzwerke bieten somit einen autonomen Handlungsraum. Der User selber entscheidet, welche Information über sein Leben angezeigt werden sollen und welche nicht. Er entscheidet auf Facebook beispielsweise, ob sichtbar sein soll, wie seine Geschwister heißen oder ob er in der virtuellen Welt lieber die Verlinkung „Bruder“ oder „Schwester“ für einen guten Freund vornimmt. Er kann sich in Chatgruppen mit Gleichaltrigen stundenlang unterhalten – ohne dass die Erwachsenen zuhören und ohne rund um die Uhr Ratschläge von Anderen bekommen.

Gefahren in Facebook

Datenmissbrauch
Sicherlich ist nicht allen Facebooknutzern bewusst, welche Tragweite ihre Aktivitäten bei einer Benutzerzahl von 1,23 Milliarden Menschen auf Facebook inzwischen haben können. Es macht Spaß, von vielen Menschen von überall her Feedback zur eigenen Person zu bekommen. Doch dadurch besteht die Gefahr, dass zur Selbstdarstellung unbedacht zu viele Informationen über die eigene Person preisgegeben werden. Beweis für manch fragliche, aber auch recht amüsante Posts ist die Internetseite www.lamebook.com, die damit wirbt, die lustigsten und „lahmsten“ Kommentare aus Facebook gefunden zu haben, welche anonymisiert zum Besten gegeben werden.

Diese Beiträge mögen dem einen oder anderen extrem erscheinen, doch wie sieht es mit den scheinbar unbedenklichen Inhalten und Angaben aus? Aussagen wie „Bin drei Wochen verreist“ erleichtern einen Einbruch in der Wohnung. Lebensgewohnheiten potentieller Opfer können einfach studiert werden. Aber nicht nur Kriminelle profitieren von den persönlichen Angaben in Facebook. Facebook ist wie eine digitale Visitenkarte einer Person, die von externen Interessierten und Arbeitgebern eingesehen werden kann. Zum Beispiel kann allein eine Analyse der Freundesliste auf Facebook einiges über eine Person und das Umfeld, in der sie sich bewegt, aussagen. Dabei ist der Begriff „Freund“ ein weitgedehnter Begriff, der auch flüchtige Bekannte mit einbezieht. So lässt sich leicht herausfinden ob sich jemand beispielsweise vermehrt im Rockermilieu aufhält. In den USA wird berichtet, dass es Credit-Scoring-Mechanismen gibt, die eine Kreditvergabe von gerade solchen Freundeskreisanalysen auf Facebook abhängig macht. Wer mit vielen Menschen auf Facebook befreundet ist, die finanzielle Probleme haben, könnte es folglich schwer haben, einen Kredit zu bekommen (vgl. Köhler 2012, S. 90).

Generell muss mit externen Zugriffen auf Bilder und Daten gerechnet werden. Der Betreiber der Plattform darf auf die Inhalte der Nutzer zugreifen und diese eventuell für kommerzielle Zwecke nutzen. Darauf wird in den Datenverwendungsrichtlinien hingewiesen.

Cybermobbing
Eine weitere Gefahr, die oft mit Sozialen Netzwerken in Verbindung gebracht wird, ist Cybermobbing oder auch „Cyber-Bullying“. Von Cybermobbing spricht man, wenn Menschen im Web bedroht oder bloßgestellt werden. Cybermobbing ist sozusagen das Mobbing des 21. Jahrhunderts. Charakteristisch ist, dass das Mobbing zum Teil gezielt, absichtlich, systematisch und lang andauernd geschieht. Jugendliche meinen oft, dass sie auf Seiten wie Facebook in einem Raum sind, den niemand kontrolliert. Jugendlichen muss somit klar gemacht werden, welche Auswirkungen Cybermobbing haben kann und dass es im Ernstfall auch strafbar ist. Mehr zu dem Thema findet sich hier auf diesem Blog.

Scheinidentität
Zum einen kann es eine Faszination ausüben, in eine Scheinwelt zu flüchten, jedoch kann gleichzeitig auch die Gefahr bestehen, dass nicht mehr zwischen realer und virtueller Welt unterschieden werden kann. Das Web bietet die Möglichkeit, nach Frustration, Demütigungen oder anderen schlechten Erfahrungen in der Realität in eine virtuelle Welt abzutauchen und unter einer Scheinidentität unterwegs zu sein. Die eigene Beliebtheit wird in der Scheinwelt an der Anzahl der Facebookfreunde und Likes festgemacht. Aufgrund der Reaktionen auf die Scheinidentität kann sich ein Benutzer unter Umständen nicht mehr realistisch selbst einschätzen

Sucht
Facebook kann süchtig machen. Es handelt sich dabei nicht um eine körperliche Sucht wie bei Alkohol und Nikotin, sondern ist vielmehr als eine psychische Abhängigkeit zu beschreiben. Viele Jugendliche und Erwachsene überprüfen jede Minute zwanghaft ob sich etwas Neues auf Facebook getan hat. Ein Facebook-Süchtiger verbringt die meiste Zeit seines Tages auf Facebook und lässt eventuell wichtigere Aufgaben stehen und liegen. Die Sucht ist dem Betroffenen meistens nicht bewusst. Weitere Hinweise, wie man eine Facebook-Sucht konkret erkennen kann, und eine Art Selbst-Check finden sich hier.

Facebook in der Schule und im Unterricht

Es hilft nicht, sich den Sozialen Netzwerken ganz zu verschließen und eine Abwehrhaltung einzunehmen. Gerade in der Schule sollten Soziale Netzwerke sinnvoll eingesetzt und ein angemessener Umgang mit ihnen vermittelt werden. Wenn dies nicht geschieht, besteht die Gefahr, dass sich Jugendliche in ihrer Freizeit unreflektiert in den Sozialen Netzwerken tummeln und eventuell Informationen einstellen oder Texte posten, die sie später bereuen. Wie und wo kann Facebook einen Platz im Unterricht haben? Zum einen kann das Thema Facebook behandelt werden als Beitrag einer grundlegenden Vermittlung von Medienkompetenz, zum anderen können Elemente von Facebook in den Unterricht integriert werden oder konkret mit der Plattform gearbeitet werden, um die Lernprozesse zu unterstützen (vgl. Wampfler 2013, S.109). Konkrete Ideen finden sich am Ende des Beitrags. Generell muss sich die Schule oder die Lehrkraft im Einzelnen überlegen, ob der Einsatz von sozialen Medien in der jeweiligen Situation wirklich sinnvoll ist und einen Mehrwert bringt. Zunächst soll nun aber überlegt werden, inwiefern von Facebook als Kommunikationsplattform in der Schule Gebrauch gemacht werden kann.

Interne Facebookseiten und offizielle Facebookschulseiten
Weil viele Lehrkräfte selbst von Facebook begeistert sind, erstellen einige von ihnen eigene klasseninterne Gruppen, um Klasseninformationen auszutauschen. Studienrat Thorsten Burger warnt davor, Facebook als schulinterne organisatorische Kommunikationsplattform zu nutzen. Auch als Lernplattform sollte Facebook nicht verwendet werden, denn ein Kommentar und Post erreicht unter Umständen nicht nur die interne Gruppe und kann somit zur Gefahr werden. Die Lehrkraft sollte mit ihren Schülerinnen und Schülern über Facebook sicherheitshalber nicht kommunizieren. Zudem ist die Verwendung von Sozialen Netzwerken für die dienstliche Bearbeitung personenbezogener Daten, unter welche zu dienstlichen Zwecken dienende Kommunikation zwischen Schülern und Lehrkräften gehört, generell von Seiten des Kultusministeriums Baden-Württemberg verboten. Weiteres zu dem Thema der Lehrer- und Schülerkommunikation auf Facebook findet sich hier. 

Burger ermutigt jedoch zu offiziellen Schulseiten. Diese sollte statisch sein, das heißt, dass sie Kommentare und Rückmeldungen ausschließt. Aber es kann Kontakt über die Seite aufgenommen werden. Eine Schulseite kann gleichzeitig auch Aktivierungspotential haben. Schülerinnen und Schüler können sich engagieren, können die Seite verwalten und brauchen dazu keine besonderen Informatikkenntnisse (vgl. Burger 2013, S. 39- 41). Zum anderen können Schülerinnen und Schüler in der Zukunft über Verbindungen zu Freunden und Freundinnen auf Facebook die Schule wahrnehmen. Auf Veranstaltungen können mehr Menschen als auf einer regulären Schulhomepage aufmerksam gemacht werden. Entsprechende „Likes“ auf der Seite können zu einem positiven Image der Schule beitragen (vgl. Wampfler 2013, S.135-136).

Facebook zur Vermittlung von Medienkompetenz
Abgesehen von der aktiven Nutzung der Plattform Facebook können Soziale Netzwerke an verschiedenen Stellen im Unterricht behandelt werden. Ziel kann es dabei sein, das Unbewusste bewusst zu machen. Dies könnte so aussehen:

1. Thematisieren
In einem ersten Schritt können die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Erfahrungen mit Facebook schildern, um die Klasse dort abzuholen, wo sie steht. Dafür könnte zum Beispiel die Unterrichtsskizze vom Blogbeitrag „Facebook in der Schule“ verwendet werden. Diese Unterrichtsskizze enthält eine Befragung zu den Sozialen Netzwerken, die sich zur ersten Thematisierung und als Einstieg eigenen würde. Im Deutschunterricht wäre Lektürearbeit möglich, um Schülerinnen und Schüler beispielsweise auf das Problem Cybermobbing in Facebook aufmerksam zu machen. Eine passende Lektüre wäre: „Geil, das peinliche Foto stellen wir online!“ von Florian Buschendorff. Zur Thematik Cybermobbing kann zusätzlich der Film „Homevideo“, der schon auf dem Blog thematisiert wurde und sich mit der gleichen Thematik beschäftigt, verwendet werden. Für die Problematik der Scheinidentität eignet sich das Buch „Ich habe schon über 500 Freunde“ .

2. Sensibilisieren
Eine Sensibilisierung geht Hand in Hand mit einer Problematisierung von Sozialen Netzwerken. Den Schülerinnen und Schülern soll bewusst werden, dass bei einem naiven Umgang mit Facebook gewisse Gefahren drohen. Das, was zunächst reizvoll erscheint, nämlich einen eigenen Handlungsraum zu haben, ist kein Raum, in dem alles erlaubt ist. Es muss ein verantwortungsvoller Umgang mit Facebook erlernt werden. Schülerinnen und Schüler müssen Schritt für Schritt begreifen, wie im sozialen Netz kommuniziert wird. Statt mit erhobenem Zeigefinger sollte dieses Sensibilisieren Schüler dazu bewegen, sich zu diesen Themen ihre eigene Meinung zu bilden.

3. Informieren und Aufklären
Bei diesem Schritt soll Unwissenheit beseitigt werden. Das Thema Facebook kann an dieser Stelle rational bearbeitet werden. Hier könnten beispielsweise einmal die erwähnten Datenverwendungsrichtlinien genauer untersucht werden, wie die Plattform Facebook arbeitet, wie sie sich finanziert. Denkbar wäre es, unterstützend im Informatikunterricht Facebook unter dem Aspekt Datenschutz zu behandeln. Es könnte anfangs ein Fragenkatalog erstellt werden und dann in einer Gruppenarbeit versucht werden, Antworten auf die Fragen zu finden. Bei diesem Schritt stehen Chancen und Gefahren gleichzeitig im Mittelpunkt. Gemeinsam könnte abschließend eine Checkliste zum Datenschutz in Sozialen Netzwerken erarbeitet werden, zum Beispiel zu den Profilangaben, Privatsphäre-Einstellungen oder dem Definieren von Freundeskreisen. Zu den Privatsphäre-Einstellungen gibt es Tutorials von www.watchyourweb.de. Außerdem können an einem Elternabend die Eltern genauso über die Probleme im sozialen Netz sensibilisiert und informiert werden. Die meiste Zeit verbringen die Jugendliche auf Facebook, wenn sie zuhause sind. Allein die Eltern können den Umgang ihrer Kinder mit dem Sozialen Netzwerk beobachten und darauf eingehen. Eltern könnten an diesem Abend ermutigt werden, selbst ein Profil anzulegen und als „Freund“ der Kinder einen Einblick zu bekommen, was das Kind veröffentlicht. Eine weitere Möglichkeit ist es, sich die Plattform von den Kindern erklären zu lassen. Dadurch können die Eltern auf natürlichem Weg einen Einblick in das Profil ihrer Kinder bekommen und erkennen, inwieweit sich das Kind auch mit der Problematik von Privatsphäre und Datenschutz beschäftigt hat. Das Kind ist hierbei der Überlegene, der dem Elternteil Einblick in seine Welt verleiht, wenn Facebook nicht bereits zur Welt der Eltern gehört.

4. Beraten
Unter diesem Punkt werden schließlich konkrete Tipps zum Umgang mit Facebook vermittelt. An dieser Stelle würde es sich eignen, Experten einzuladen. Während die ersten drei genannten Schritte eher präventive Maßnahmen darstellen, ist der abschließende Punkt einer konkreten Beratung eher als Krisenintervention oder Maßnahme nach einer Deeskalation konkreter Krisenfälle in der Schule anzusehen.

Ziel des Thematisierens, Sensibilisierens, Informierens /Aufklärens und gegebenenfalls Beratens wäre es, dass Schülerinnen und Schüler in Zukunft reflektiert und bewusst eine Plattform wie Facebook nutzen und dabei Hintergrundwissen und Problembewusstsein haben (vgl. Burger 2013, S. 54-58).

Eine fertige Unterrichtseinheit über Soziale Netzwerke, die zur Unterstützung der genannten Schritte eingesetzt werden kann und an einen verantwortungsvollen Umgang mit Sozialen Netzwerken heranführen will, findet sich beispielsweise unter www.klicksafe.de. Die Unterrichtseinheit kann hier heruntergeladen werden. Außerdem gibt es auch von der Bundeszentrale für politische Bildung eine Unterrichtseinheit, die sich ähnlich wie Klicksafe mit den Gefahren und Risiken von Sozialen Netzwerken beschäftigt und die Schülerinnen und Schüler für einen kompetenten Umgang mit  Facebook schulen will.

Integration von Elementen aus Facebook in den Unterricht
Die Faszination Facebook lässt sich auch für den Deutschunterricht nützen. Hier könnte eine Aufgabe sein, einen informativen Post für eine offizielle Facebookseite zu schreiben, in dem die Merkmale eines klassischen Berichts enthalten sein müssen (vgl. Burger 2013, S. 67-70). Oder wie wäre es, wenn die Schüler die Rolle einer literarischen Figur einnehmen sollen und in ihrer Rolle twittern oder Statusmeldungen in Facebook schreiben (vgl. Wampfler 2013, S.165)? Zum Beispiel: Was hätte Karl aus Friedrich Schillers Räuber gepostet, wenn er damals schon Facebook gehabt hätte?

Im Fremdsprachenunterricht können soziale Medien genutzt werden, um authentische Eindrücke über aktuelle Länderthemen zu gewinnen, und folglich auch in diesem Fach hilfreich sein. Zuletzt kann Facebook genauso auch gesellschaftswissenschaftliche Fächer bereichern. Die Schülerinnen und Schüler könnten zum Beispiel die Aufgabe bekommen, die Fanseiten von Politikern zu erforschen, um sich über die politische Parteilandschaft zu informieren. Eine weitere Option wäre es, verschiedene Meinungen über aktuelle Themen durch verschiedene Kommentare herauszufinden und zu sammeln (vgl. Burger 2013, S. 70-76).

Ausblick


Es mag zwar viele Gefahren und Probleme geben, die Soziale Netzwerke wie Facebook mit sich bringen können, aber sie sind inzwischen aus der (kommunikativen) Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler nicht mehr wegzudenken - und das darf in der Schule nicht ignoriert werden. Aufgabe jeder Schule sollte es sein, durch eine ansprechend gestaltete, gut gepflegte und offizielle Seite in Facebook präsent zu sein. Außerdem sollte die Faszination von Facebook aufgegriffen und unter dem Stichwort Medienkompetenz thematisiert werden. Die Jugendliche sollten für Probleme sensibilisiert und vor einem naiven Umgang gewarnt werden. Darüber hinaus sollten Schülerinnen und Schüler gut über die Plattform informiert und aufgeklärt sein. Die Faszination Facebook kann zudem im Unterricht genutzt werden, indem einzelne Elemente gezielt in den Unterricht integriert werden oder die Plattform selbst für den Lernprozess, wie beispielsweise im Fremdsprachenunterricht, eingesetzt wird. Es gibt noch viele weitere Möglichkeiten, Soziale Netzwerke zu nutzen, und ich bin der Überzeugung, dass sich in Zukunft gerade in der Schule noch neue Wege auftun werden, durch soziale Medien den Lernprozess zu unterstützen. Vielleicht wird ja auch schon bald ein anderer Dienst auftauchen, von dem alle ähnlich fasziniert sind wie von Facebook. 

Literatur 

Alby, T.  (2008): Web 2.0 - Konzepte, Anwendungen, Technologien. 3. Aufl., Hanser Verlag, München. 
Burger, T. (2013): Social Media und Schule. Klasse 5-13, AOL-Verlag, Hamburg. 
Dewitz, D. (2012): Facebook Gefahren: Darauf müssen Sie achten! Abgerufen am 19. Februar 2012 unter: http://www.computerbild.de/artikel/cb-Ratgeber-Kurse-Internet-Datenschutz-Facebook-Tipps-Tricks-Gefahren-6974010.html 
Focus online (2014): 11 Fakten zu 10 Jahren Facebook – Ein soziales Netzwerk verändert die Welt. Abgerufen am 12. Februar 2014 unter http://www.focus.de/digital/internet/facebook/11-fakten-zu-10-jahren-facebook-ein-soziales-netzwerk-veraendert-die-welt_id_3588392.html 
Fuhs, B. / Lampert C. / Rosenstock R. (Hrsg.) (2010): Mit der Welt vernetzt. Kinder und Jugendliche in virtuellen Erfahrungsräumen. Kopaed, München. 
Gerhards, M. / Klinger W. / Trump T. (2008): Das Soziale Web aus Rezipientensicht: Motivation, Nutzung und Nutzertypen. In: Zerfass, A. / Welker, M. / Schmidt, J. (Hrsg.): Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. Grundlagen und Methoden: Von der Gesellschaft zum Individuum, Herbert von Halem Verlag, Köln. 
Köhler, T. R. (2012): Die Internet Falle. Google+, Facebook, Staatstrojaner - Was Sie für den sicheren Umgang mit dem Netz wissen müssen, Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt am Main. 
Stadermann, M. (2011): Schülerinnen und Lehrpersonen in mediengestützten Lernumgebungen. Zwischen Wissensmanagement und sozialen Aushandlungsprozessen, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden. 
Trepesch S. (2010): Vernetzt und zugemailt. Jugendliche bei Facebook & Co., Tectum Verlag, Marburg. 
Wampfler, P. (2013): Facebook, Blogs und Wikis in der Schule. Ein-Social-Media-Leitfaden. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.

Mittwoch, 5. Februar 2014

Die wichtigsten politischen YouTube-Videos der letzten Jahre

Der Freitag hat heute unter dem Titel "A-Z Polit-Clips" eine Liste der aufsehenerregendsten politischen Videos der letzten Jahre veröffentlicht. Von A wie "Africa for Norway" (siehe unten) über K wie KONY 2012 bis hin zu W wie Wikileaks ("Collateral Murder") werden die Clips kurz vorgestellt -  eine hilfreiche Sammlung ...zum Artikel.

Mittwoch, 15. Januar 2014

Stirbt das Internet oder ist doch alles gar nicht so schlimm? Die Debatte um Netzneutralität - Ein Überblick

Mitte April 2013 löste eine Meldung der Telekom eine wahre Flut an Entrüstung aus. Die Ankündigung, Internetanschlüsse nach Erreichen eines bestimmten Datenvolumens, bei dessen Berechnung – und hier liegt die eigentliche Sprengkraft der Nachricht – eigene Dienste jedoch nicht mitgezählt würden, auf eine sehr geringe Datengeschwindigkeit zu drosseln, beherrschte nicht nur für mehrere Tage die Nachrichtenseiten, sondern führte außerdem auch zu Petitionen und Demonstrationen. Ein wahrer Shitstorm brach über die Telekom herein und der große Konsens war, dass das nun ironisch als „Drosselkom“ bezeichnete Unternehmen ein enorm wichtiges Prinzip der Netzwelt, nämlich das der Netzneutralität, verletze und aushebele.

Die Debatte um eben dieses Prinzip gibt es schon seit einigen Jahren, jedoch ist sie teilweise emotional sehr aufgeladen und diffus. Was ist also dran an der Diskussion und worum geht es bei diesem viel zitierten Wort der „Netzneutralität“? Der folgende Beitrag soll einen Einstieg in die Debatte bieten, in dem er sich zum einen mit der Definition und den Hintergründen davon beschäftigt und zum anderen die Argumentationen von beiden Seiten betrachten will. 

Ursprung und Definitionen

Der Begriff der Netzneutralität stammt ursprünglich aus dem Englischen (network neutrality oder abgekürzt net neutrality) und wurde von Tim Wu in seinem 2003 erschienenen Aufsatz „Network Neutrality, Broadband Discrimination“ geprägt. Für den Begriff selbst gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Definitionen, die sich vor allem darin unterscheiden, wie weitreichend sie sind.

Ganz grundlegend bei der Idee der Netzneutralität ist das Prinzip, dass Datenpakete im Internet gleich behandelt werden sollen. Geht man von einer sehr engen Definition aus, erstreckt sich diese Gleichbehandlung auf alle Daten, „unabhängig von Inhalt, Herkunft, Ziel oder Art des Dienstes“ (Becker 2008, 31).

Eine ähnliche Definition findet sich auch auf der deutschen Wikipedia. Sie versteht unter Netzneutralität „die wertneutrale Datenübertragung im Internet. Netzneutrale Internetdienstanbieter (englisch internet service provider) senden alle Datenpakete unverändert und in gleicher Qualität von und an ihre Kunden, unabhängig davon, woher diese stammen, zu welchem Ziel sie transportiert werden sollen, was Inhalt der Pakete ist und welche Anwendung die Pakete generiert hat“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Netzneutralit%C3%A4t). Bei dieser Definition findet sich zusätzlich der Hinweis auf die Internetanbieter und deren Verantwortung in Bezug auf die Netzneutralität.

Die englische Wikipedia sieht weiterhin auch noch die jeweiligen Regierungen in der Verantwortung und erweitert die Liste des deutschen Artikels noch um vorhandene Anhänge, die ebenfalls wertneutral behandelt werden sollen (vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Net_neutrality). Dieser engen Definition setzt Vogelsang eine eher moderatere entgegen, nämlich dass „eine netzseitige Chancengleichheit des Wettbewerbs zwischen Content- und Dienstanbietern“ (Vogelsang 2007, 220) bestehen soll, bei der folglich ein größerer Interpretationsspielraum besteht, in dem man die Netzneutralität verorten kann.

Diese oben genannten Definitionen sind nur ein kleiner Teil der vorhandenen, denn sowohl die Literatur als auch die Internetgemeinde sind sich nicht einig, was man unter Netzneutralität verstehen soll. Worum geht es also bei den unterschiedlichen Forderungen? 

Technische Hintergründe

Um dies nachvollziehen zu können, muss man sich anschauen, wie das Internet in seiner Struktur funktioniert. Dies kann an dieser Stelle nur auf einer oberflächlichen Basis erfolgen, die aber zumindest darlegen sollte, welche Problematik bei der Netzneutralität wichtig ist.

Das „Netz“, das der Begriff „Netzneutralität“ inkludiert, ist das Internet, eine Zusammensetzung der Begriffe „Interconnected Networks“ (Möller 2012, 21). Es setzt sich zusammen aus vielen verschiedenen Netzwerken, die miteinander verbunden sind. Beispiele dafür können Firmen-, Forschungs- oder auch Universitätsnetzwerke sein. Ebenfalls gehören die sogenannten Providernetzwerke dazu, also alle Kunden eines Internetanbieters.

Verbunden werden diese einzelnen Netzwerke von Routern, die dafür sorgen, dass die Informationen untereinander ausgetauscht und verstanden werden. Sie sind dafür verantwortlich, Datenpakete in die jeweils korrekte Richtung zu versenden und bilden somit die Knotenpunkte des Internets (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Internet#Technik). Die Aktivistengruppe Anonymous verwendet in ihrem Video zur Wichtigkeit von Netzneutralität das Bild von einer Straße, auf der viele verschiedene Datenpakete unterwegs sind und deren Kreuzungen von Routern betrieben werden, welche die Datenpakete auf die jeweils korrekte Route leiten.

Das bisherige Prinzip, nach dem die Daten behandelt wurden, nennt sich das Best-Effort-Prinzip. Dieses besagt, dass alle Daten mit größtem Bemühen und schnellstmöglich weitergeleitet werden (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Best-Effort-Prinzip). Sofern es trotzdem zu Staus beziehungsweise zu Überlastungen im Netz kommt, wird nach dem First-in/First-Out-Prinzip vorgegangen, so dass keine Daten bevorzugt werden, sondern alle nach der Reihenfolge ihres Eintreffens abgearbeitet werden (vgl. Becker 2008, 31).

Als beteiligte Akteure, die in Bezug auf die Netzneutralität von Bedeutung sind, gibt es zum einen die Internet Service Provider (im folgenden ISPs genannt), also diejenigen Unternehmen, die den Privatkunden die Möglichkeit geben, sich mit dem Internet zu verbinden, und somit die Netze zur Verfügung stellen. Außerdem wichtig sind die Endkunden und die Content Provider, also diejenigen, die Inhalte oder Dienste im Internet anbieten (vgl. Dewenter 2007, 6f). Die Knotenpunkte für die Daten liegen bei den Routern und an genau dieser Stelle kann Einfluss auf die jeweiligen Pakete genommen werden.

Becker zählt bei den Möglichkeiten der Einflussnahme, die man je nach Einstellung zu dem Prinzip entweder positiv als Netzwerkmanagement oder negativ als Verletzung der Neutralität ansehen kann, drei Möglichkeiten auf: das Access-Tiering, das Blocking und die Preisdiskriminierung. Bei der ersten Variante handelt es sich um eine Abkehr von dem oben beschriebenen Best-Effort-Prinzip. Hierbei werden den unterschiedlichen Datenpaketen, je nach Anwendungsart, sogenannte Quality of Service-Levels zugewiesen, und je nachdem wie stark diese von einer optimalen Vermittlung abhängig sind, werden sie priorisiert behandelt. Echtzeitdienste stehen dann an oberster Stelle, da Verzögerungen zu starken Qualitätseinbußen führen können (vgl. Becker 2008, 32). Die Unterscheidung der Daten ist mittlerweile durch „Deep Packet Inspection“ technisch möglich (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Deep_Packet_Inspection).

Werden bestimmte Inhalte oder Anwendungen blockiert, so spricht man hierbei von der zweiten Möglichkeit, also dem Blocking oder auch Diskriminierung genannt. Ein Beispiel dafür wären Spam-Mails (vgl. Becker 2008, 33). Die dritte Variante „Preisdiskriminierung (oder auch Preisdifferenzierung) liegt vor, wenn ein Unternehmen für ein- und dasselbe Gut oder eine Dienstleistung von den Kunden unterschiedlich Preise verlangt“ (Becker 2008, 33). 

Warum überhaupt die Diskussion?

An den Schnittstellen, bei denen lenkend eingegriffen werden kann, setzt die Diskussion um Netzneutralität an, doch es bleibt zuerst die Frage, warum es überhaupt zu Veränderungen kam und man nicht einfach bei dem bisherigen Modell bleiben kann oder will.

In den letzten Jahren haben sich zum einen Internetanwendungen und damit einhergehend auch das Datenvolumen vervielfacht. Martini nennt in seinem Beitrag „Wie viel Gleichheit braucht das Internet? – Netzneutralität zwischen kommunikativer Chancengleichheit und Infrastruktureffizienz“ aus dem Jahr 2011 ein Volumen von 2,6 Milliarden Gigabyte, welches jährlich durch die deutschen Netze wandere (vgl. Martini 2011, 7), eine Datenmenge, die beständig weiter wachsen wird.

Vor allem aber haben sich auch die Anwendungen verändert. Plattformen wie beispielsweise YouTube oder im amerikanischen Raum Netflix sorgen mit ihren Videoangeboten für ein enormes Datenvolumen. Bei diesen handelt es sich um datenintensive Dienste, bei denen es wichtig ist, dass diese Datenpakete zuverlässig und schnell übertragen werden. Dazu gehört beispielsweise auch die Internettelefonie (vgl. Martini 2011, 7f).

Dieses wachsende Datenvolumen stellt die vorhandenen Netze vor Herausforderungen, für die es zwei Lösungsansätze gibt. Der eine davon wäre der Netzausbau, den Martini zwar als den „Königsweg“ (Martini 2011, 8) bezeichnet, der aber seiner Ansicht nach schwer umsetzbar ist, da vor allem die Endkunden häufig nicht zu höheren Zahlbeträgen bereit sind (vgl. Martini 2011, 9). Inwieweit es in der Vergangenheit von den ISPs versäumt wurde, in diesen Ausbau zu investieren, wäre eine andere Frage, die er nicht näher thematisiert. Die zweite Möglichkeit, die Martini anführt, ist das Netzwerkmanagement, also die differenzierte Behandlung von Daten und somit genau das, was laut dem Prinzip der Netzneutralität nicht passieren soll.

Ein Überblick über die Debatte

Im Folgenden sollen nun die Argumentationen und Sichtweisen von Befürwortern und Gegnern der Netzneutralität dargelegt werden, mit dem Ziel, zu einer Gegenüberstellung zu kommen, die als Grundlage dienen kann, um zu einem Urteil bezüglich der Netzneutralität zu gelangen.

Matthias Bärwolff merkt nicht zu Unrecht an, dass die Diskussion um Netzneutralität enorm aufgeladen ist und „wer heute gegen Netzneutralität ist, macht sich praktisch per Definition verdächtig, nicht nur im Bunde mit profitgierigen Internet-Providern zu stehen, sondern auch gegen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im Internet zu sein“ (Bärwolff 2011, 1).

Wenn man Veröffentlichungen von Internetaktivisten betrachtet, so entsteht dieser Eindruck relativ schnell, und es wird selten eine differenzierte Meinung dargeboten. Stattdessen wird, teilweise sehr populistisch, das Ende des Internet prognostiziert oder von der Netzneutralität als „dead man walking“ gesprochen.

Vom Prinzip her eine moralisch wertvolle Forderung, mit dem Ergebnis eines demokratischen Netzes, bei dem jeder dieselben Chancen hat und welches ein „enormes gesellschaftliches und wirtschaftliches Entwicklungspotential“ (Martini 2011, 8) besitzt, kann die extreme Auslegung von Netzneutralität doch auch an Grenzen stoßen. Werden selbst bei einer Überlast im Internet alle Daten exakt gleich und neutral behandelt, so bedeutet dies unterschiedliche Auswirkungen bei den jeweiligen Diensten. In diesem Fall sind interaktive Anwendungen und Echtzeitdienste, also beispielsweise die Internettelefonie, viel stärker von Verzögerungen betroffen. Im Vergleich dazu führen Datenstaus bei E-Mail-Andwendungen oder beim Filesharing eher zu einer schwächeren Wahrnehmung der Störungen (vgl. Kruse 2011, 4). Ist es also wirklich im Sinne aller Anwender, dass sämtliche Daten immer gleich behandelt werden oder können dabei auch Nachteile entstehen?

Wenn beispielsweise lästige Spam-Mails blockiert werden, ist dafür sicher keiner der potentiellen Empfänger undankbar. Kruse verteidigt genau deshalb eine weniger strikte Auslegung von Netzneutralität, nämlich „dass alle Datenpakete gleich behandelt werden, die den gleichen Preis für den Transport zahlen, vorausgesetzt, dass jeder Nutzer frei entscheiden kann, welche Qualität (d.h. welche Priorität) er wählt“ (Kruse 2011, 4). Nur dann könne man von einer adäquaten Netzneutralität sprechen, da nur diese Form ökonomisch effizient wäre. Führt eine Überlast bei Diensten, die in ihrem wirtschaftlichen Wert höher sind, zu einer ständigen Qualitätsminderung, so kann dies auch die Attraktivität bei Kunden schmälern. Diese Anwendungen werden dann unter Umständen „durch den geringerwertigen Dienst vollständig verdrängt“ (Kurse 2011, 11). Dazu zählt Kruse solche Dienste, die nicht datensensitiv sind, das heißt E-Mails, File-Sharing oder auch das ganz banale Surfen.

Ökonomisch gesehen wäre dies die sinnvollere Variante, da eine stabile Qualität natürlich den Wert der Anwendungen steigert und man die Verzögerung bei den weniger datensensitiven Diensten nicht so stark bemerkt (vgl. Kruse 2011, 10f). Allerdings wird hierbei trotzdem Datendiskriminierung betrieben, sei es auch unter dem Deckmantel der Nutzerfreundlichkeit, und die ISPs werden faktisch zu „Verkehrspolizisten“ (Martini 2011, 12). Kritiker merken zu Recht an, dass dies auch der erste Schritt hin zu einem Machtmissbrauch sein könnte.

Besonders bei Unternehmen, die nicht nur reine Zugangsanbieter sind, sondern auch eigene Dienste kostenpflichtig an den Mann bringen wollen, sogenannte vertikal integrierte Dienstleister, besteht diese Gefahr natürlich verstärkt. Die Option, eigene Dienste bevorzugt zu behandeln und die Möglichkeit, die „Verkehrslenkungsfunktion für ihre wirtschaftlichen Ziele auszunutzen“ (Martini 2011, 12) ist eine Versuchung und wurde auch bereits in der Vergangenheit teilweise praktiziert. Ein Beispiel dafür wäre die Blockierung der Mobilfunkanwendung von Skype, die von T-Mobile eine Zeit lang auf dem iPhone blockiert wurde.

Der potentielle wirtschaftliche Verlust durch die Abwicklung von Telefonaten über Skype sorgte also dafür, dass das Unternehmen seine Macht gegenüber den Kunden, in diesem Fall klar zu deren Nachteil und seinem Vorteil, ausnutzte. Auch Comcast, ein Anbieter auf dem amerikanischen Markt, blockierte den Zugang zu Datenaustauschdiensten, mit denen man Bilder, Videos oder Musik tauschen konnte (vgl. Martini 2011, 13). Ebenfalls gab es bereits Beispiele für Zensur, indem Internetseiten, die sich kritisch mit dem Anbieter Freenet auseinandersetzten, gesperrt wurden. Ein möglicher düsterer Ausblick auf die Zukunft oder nur ein Einzelbeispiel - ganz unberechtigt scheinen solche Befürchtungen jedenfalls nicht zu sein.

Dass die Netzbetreiber in den oben genannten Fällen aus Eigennutz so handelten, ist relativ deutlich ersichtlich. Ihre Argumentation in dieser Hinsicht kann jedoch teilweise nachvollzogen werden. Als Netzbetreiber sind sie die Einzigen, die in den Ausbau der nötigen Infrastruktur investieren, während die großen Gewinne dabei aber häufig von den Content Providern eingestrichen werden. Martini nennt ein Verhältnis des Gesamtumsatzes zwischen Inhalte- und Netzanbietern von 62 zu 17 Prozent (vgl. Martini 2011, 15). Die Forderung einer gerechteren Lastverteilung der Kosten für den Netzausbau ist also bei diesen Zahlen nachvollziehbar.

Allerdings merkt Martini auch an, dass das Verhältnis zwischen diesen beiden Akteuren ein komplementäres darstellt und die Teilhabe an den Kosten somit zweischneidig sein könnte. „Zwar lässt sich fragen: Was wäre Google ohne die Transportnetze? Umgekehrt gilt es aber auch zu fragen: Was wären die Netze ohne Google, Facebook, Twitter und Tausende anderer Anwendungen?“ (Martini 2011, 18). Ein zweiter Punkt, den er für bedenkenswert hält, ist die Frage, ob durch die Machtkonzentration auf die ISPs und somit die auf diese entfallende Entscheidungsgewalt bezüglich Inhalten, dafür sorgt, dass der „Innovationsmotor Internet ins Stottern“ (Martini 2011, 18) gerät.

Die Grundidee des Internets besteht darin, dass man lediglich einen einzigen Zugang benötigt, um auf sämtliche verfügbare Inhalte zugreifen zu können. Damit einher geht die Möglichkeit der ökonomischen Teilnahme, da das Internet niedrige Marktzutrittschancen vorweist, sowie die Option, es in Bezug auf die „demokratische(…) Gesellschaft“ (Martini 2011, 27) als Partizipationsmöglichkeit wahrnehmen zu können.

Wenn die ISPs nun beginnen würden, mit den Content Providern über Zugangsmodelle zu verhandeln, könnte dies darin resultieren, dass kleinere Startups möglicherweise nur sehr geringe Chancen haben, sich durchzusetzen. Martini merkt an, dass „die große Mehrheit der erfolgreichsten Internetanwendungen unserer Zeit ihren Siegeszug von der Hinterhof-Garage an die Wall Street“ (Martini 2011, 24) antraten und dies nur möglich war, da sie nicht von vornherein mächtige Konkurrenzunternehmen als Verhandlungsgegner hatten (vgl. Martini 2011, 24f).

Somit könnte das sogenannte „multi-sided-pricing“, also die Aufteilung der Kosten auf alle beteiligten Akteure, durchaus dazu führen, dass sich Innovationen, die eventuell viel mehr im Interesse des Nutzers wären, nicht immer durchsetzen (vgl. Martini 2011, 25). Auch bleibt die Frage, ob diese Formen von Netzwerkmanagement dazu führen könnten, dass die dringend notwendigen Investitionen in den Netzausbau ausblieben, etwas, das kaum im Interesse der Gesellschaft sein kann (vgl. Martini 2011, 27).

Die Möglichkeiten der Zensur, die sich durch die Kontrolle von Inhalten ergeben, ist ein weiterer Punkt, der sehr kritisch zu betrachten ist, denn das Netz „hält nicht nur ein unerschöpfliches Reservoir an Informationen vor, sondern ist spätestens mit dem Web 2.0 universelles Partizipationsinstrument mit einem nie dagewesenen Maß an Pluralität und Interaktion geworden“ (Martini 2011, 27f). Eine negative Entwicklung in dieser Hinsicht wäre sicher ein Rückschritt und nicht im Sinne der Nutzer. 

Schlussbetrachtung

Diese Ausführungen können sicherlich nur einen kleinen Teil der großen Diskussion um pro und contra, sowie um Definitionen der Netzneutralität darstellen. Den potentiellen Nachteilen von Datenstaus und dem Wunsch der ISPs nach einer Kostenaufteilung stehen dabei die Befürchtungen um Machtmissbrauch, der sich sowohl ökonomisch als auch gesellschaftlich negativ auswirken könnte, sowie die Angst vor einer Art „Einheitsbrei Internet“ gegenüber.

Unabhängig davon, welche Seite nun Recht hat, erscheint eine Regulierung, die zumindest einen Teil der Bedenken auflöst, wünschenswert. Hierbei ist es meiner Meinung nach essentiell, dass man vor allem neutral an dieses Vorhaben herangeht und zumindest der Versuch unternommen wird, die Diskussion weniger emotionsgeladen zu führen.

Die zu Beginn des Beitrags genannte Uneinigkeit bezüglich einer genauen Definition der Netzneutralität erschwert eine Regulierung zusätzlich. Simon Möller scheint in seinem Aufsatz zu eben dieser Problematik zu Recht die Metapher eines „Klappstuhl-Prinzip(s)“ (Möller 2012, 17) zu verwenden. Versuche man diesen aufzubauen, so stelle einen dies vor folgendes Problem: „Hat man auf der einen Seite (der Definition) einen sinnvollen Ansatzpunkt gefunden, muss man regelmäßig feststellen, dass sich auf der anderen Seite (der praktischen Anwendbarkeit) Veränderungen ergeben, die das Konzept der „Netzneutralität“ entweder völlig unpraktikabel oder völlig ineffizient machen“ (Möller 2012, 17).

Er spricht hierbei also nicht nur die Problematik einer Definition an, sondern inkludiert ebenfalls auch die Notwendigkeit, zu bedenken, dass diese Definition auch anwendbar sein muss. Ob eine nationale Regulierung des Prinzips überhaupt sinnvoll ist, in Anbetracht der Tatsache, dass sich das Internet in einem globalen Raum bewegt, bleibt eine offene Frage. 

Literatur 

Bärwolff, M. (2011): Netzneutralität: Fünf Fragen und Antworten. Abgerufen am 11.01.2014 unter http://www.bärwolff.de/publications/2011-01-Netzneutralitaet.pdf.

Becker, A. (2008): Die Diskussion um die Netzneutralität. In: MedienWirtschaft, Jg. 5, Heft 2/2008, S. 30-34. 

Dewenter, R. (2007): Netzneutralität. Abgerufen am 10.01.2014 unter www.hsu-hh.de/download-1.4.1.php?brick_id=Xm2gxEVQumfc4aM8‎. 

Kruse, J. (2011): Netzneutralität - Soll die Neutralität des Internet staatlich reguliert werden? Abgerufen am 11.01.2014 unter www.hsu-hh.de/download-1.4.1.php?brick_id=YAdWQj0lRzRy4fIE‎.

Martini, M. (2011): Wie viel Gleichheit braucht das Internet? Netzneutralität zwischen kommunikativer Chancengleichheit und Infrastruktureffizienz. Abgerufen am 27.12.2013 unter http://www.dhv-speyer.de/PUBL/Vortraege/Heft96.pdf.

Möller, S. (2012): Was ist eigentlich Netzneutralität? In: Krone, J.; Pellegrini, T. [Hrsg.]: Netzneutralität und Netzbewirtschaftung. Multimedia in Telekommunikationsnetzwerken. Baden-Baden, S. 17-35. 

Vogelsang, I. (2007): Infrastrukturwettbewerb und Netzneutralität. In: Picot, A.; Freyberg, A. (Hrsg.): Infrastruktur und Services – Das Ende einer Verbindung?, Berlin, S. 219-233.